Die Corona-Verordnungen verlangen Hochbetagten viel ab. Etliche scheitern nicht nur beim Buchen des Impftermins. Die Fraktionen fordern nun die Stadt Stuttgart zur Hilfe auf.
Stuttgart - Die Impfstrategie des Landes gestattet allen über 80-Jährigen die sofortige Impfung gegen Corona. Das sollen die Senioren jetzt auch schriftlich erfahren. Viele können ihr Recht auf die Dosis allerdings gar nicht einlösen.
Probleme beim Anmelden
„Wir erfahren immer wieder, dass Leute mit dem Anmeldeverfahren nicht zurechtkommen“, sagt Renate Krausnick-Horst, die Vorsitzende des Stadtseniorenrats. Die meisten der über 80-Jährigen hätten kein Netz und keine E-Mail-Adressen, am telefonischen Verfahren aber scheiterten Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten und Hörschädigungen. „Ich befürchte, dass viele aus diesen Gründen auf das Impfen verzichten.“
Privathaushalte brauchen Hilfen
Armin Picht, der Geschäftsführer der Diakoniestation Stuttgart, berichtet Ähnliches: „Wir betreuen 2500 Menschen in Stuttgart, aber nur der kleinere Teil ist mobil und kann sich selbst kümmern.“ Für diejenigen, die nicht auf familiäre oder nachbarschaftliche Begleitung zurückgreifen könnten, „haben wir noch keine Lösung“. Der Anteil der Senioren, die zu Hause leben, liege bei über 70 Prozent.
Besuch von den mobilen Teams
Die Stadt weist darauf hin, dass sie das Sozialministerium über die Probleme in Kenntnis gesetzt habe und im Bürgerservice Leben im Alter bei Bedarf Beratung und Unterstützung anbiete. Doch dabei soll es nicht bleiben. Renate Krausnick-Horst hat Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann gebeten, „eine einfache postalische Abfrage mit Rückumschlag“ bei den Senioren zu veranlassen oder sie „flächendeckend“ zu unterstützen, ambulant Betreute sollen zu Hause von den mobilen Impfteams aufgesucht werden.
Fraktionen fordern Hilfen ein
Politische Rückendeckung bekommt der Stadtseniorenrat aus dem Gemeinderat. Die CDU-Fraktion fordert von der Stadt, mögliche Hilfen so schnell wie möglich umzusetzen. „Es kann nicht sein, dass sich die Stadt keine Gedanken macht“, so Stadträtin Beate Bulle-Schmid. Die FDP ist der Auffassung, dass Seniorinnen und Senioren Unterstützung bei der Impfterminvergabe und bei der Begleitung zum Impftermin benötigen. Sibel Yüksel fragt für die Fraktion an, ob die Stadt beim Land bewirken könnte, die mobilen Impfteams „so schnell wie möglich auch für Hausbesuche einzusetzen“. „Das Anmeldesystem schließt fast alle Hochbetagten von der Möglichkeit aus, einen Termin zu vereinbaren“, sagt SPD-Stadträtin Maria Hackl. „Die Stadt muss versuchen, Einfluss zu nehmen, auch was das Impfverbot durch mobile Teams für Menschen im Betreuten Wohnen angeht.“
Gespräche mit Altenhilfeträgern
„Ich habe das Problem am Mittwoch mit den Vorständen von Caritas und Evangelischer Gesellschaft besprochen“, sagt Gabriele Nuber-Schöllhammer von den Grünen. Ein Vorschlag sei, dass die Altenhilfeträger den Unterstützungsbedarf bei den Senioren abfragen könnten. Auch Begegnungsstätten und Stadtteilzentren könnten zur Kontaktaufnahme genutzt oder für Sammelimpfungen im Stadtbezirk angefahren werden, wenn ein unempfindlicherer Impfstoff auf dem Markt sei. „Oder man richtet Fahrdienste ein für die älteren Leute, muss allerdings klären, wer das finanziert“, sagt die Stadträtin.
Unwillen im Betreuten Wohnen
Konfliktträchtig ist derzeit noch das Impfen in Heimen. Die Menschen im Betreuten Wohnen – oftmals hochbetagt und ohne familiären Anschluss – dürfen der Impfverordnung des Bundes und den Bestimmungen des Landes gemäß nicht vom mobilen Impfteam geimpft werden. Ein Leser schreibt: „Meine Mutter ist fast 99 Jahre alt, gesundheitlich sehr angeschlagen, schwach auf den Beinen und dement. Dass sie (die Fahrt zum Impfzentrum; Anm. d. Red.) auf sich nehmen soll, ist unzumutbar und abwegig.“ „Dies führt zu massiver Verunsicherung in den Heimen, dafür muss es eine Lösung geben“, sagt Sonja John, Pressesprecherin des Altenheimträgers Wohlfahrtswerks. „Das Trägerforum Altenhilfe Stuttgart hat von Anfang an gefordert, hochbetagte und immobile Menschen im Betreuten Wohnen und in der ambulanten Betreuung in die Impfung durch die mobilen Teams mit einzubeziehen“, sagt Klaus-Ulrich Kapfer, Fachdienstleiter Altenhilfe beim Caritasverband Stuttgart. Nun würden Mitarbeiterinnen bei der Terminbuchung helfen und Begleitdienste oder Fahrdienste vermitteln. Der Bürgerservice Leben im Alter der Stadt Stuttgart führt insgesamt 2229 Betreute Wohnungen in der Landeshauptstadt. Der „Wunsch und die Notwendigkeit“, diese Personengruppe ebenfalls durch die mobilen Impfteams impfen zu lassen, sei der Stadt bekannt und dem Sozialministerium gemeldet worden, teilt die Pressestelle mit.
Schlupfloch für Heime
Eine Anfrage beim Sozialministerium zeigt immerhin ein Schlupfloch auf. „Sofern beim Impfen in stationären Pflegeheimen oder ambulant betreuten Wohngemeinschaften Impfdosen übrig bleiben, die andernfalls verworfen werden müssten, können diese an Bewohnerinnen und Bewohner des Betreuten Wohnens oder an Beschäftigte von ambulanten Pflegediensten verimpft werden, sofern sie sich in direkter örtlicher Nähe befinden.“