Auch Fünf- bis Elfjährige dürfen in Europa nun geimpft werden. Foto: imago/Laci Perenyi

Die Europäische Arzneimittelagentur hat den Coronaimpfstoff von Biontech und Pfizer auch für Fünf- bis Elfjährige zulassen. Wir geben einen Überblick zu den wichtigsten Fragen und Antworten.

Frankfurt - Die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) hat das Coronavakzin von Biontech und Pfizer auch für Fünf- bis Elfjährige zulassen. Wir beantworten wichtige Fragen dazu.

 

Wie hat sich die Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen entwickelt?

Die 7-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen liegt hier deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. In der dritten Novemberwoche meldete das Robert-Koch-Institut unter 100 000 Kindern zwischen fünf und neun Jahren 838,6 Ansteckungen in einer Woche. Bei Zehn- bis 14-Jährigen waren es sogar 931,6 und damit mehr als doppelt so viele wie insgesamt. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Kinder unter zwölf Jahren bislang nicht geimpft werden konnten, da es für sie in Deutschland noch kein zugelassenes Vakzin gab.

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Jugendliche zwischen zwölf und 17 können schon länger gegen Corona geimpft werden. Wie sind die Erfahrungen?

Zulassungsstudien zeigen, dass die Vakzine von Moderna und Biontech/Pfizer sehr gut vor einer Covid-19-Erkrankung schützen. Während es in der Moderna-Studie unter den Ungeimpften vier und bei Pfizer Biontech 16 Fälle gab, trat unter den Geimpften jeweils kein einziger Fall auf. Eine unlängst in Israel publizierte Studie bestätigt diese Ergebnisse. Dabei wurde eine Gruppe von mehr als 94 000 zweifach geimpften Jugendlichen mit der entsprechenden Anzahl ungeimpfter Zwölf- bis 18-Jähriger verglichen. Das Risiko einer nachgewiesenen Corona-Infektion sank demnach um 90 Prozent, das für eine symptomatische Covid-19-Erkrankung um 93 Prozent gegenüber den Ungeimpften.

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Wie gut wurde der Impfstoff von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vertragen?

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass Impfreaktionen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen häufiger aufgetreten sind als bei älteren Menschen. Laut dem Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) klagten Geimpfte über Kopfschmerz, Schmerzen oder Jucken an der Einstichstelle, Hautrötung, Müdigkeit, Fieber und Schüttelfrost.

Was hat es mit den Herzmuskelentzündungen bei jungen Geimpften auf sich?

Es gibt einen zeitlichen Zusammenhang zwischen einer Impfung mit den mRNA-Impfstoffen Comirnaty (Biontech) sowie Spikevax (Moderna) und einer erhöhten Häufigkeit von Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis), teilweise auch des Herzbeutels (Perikarditis). Laut PEI treten die Fälle überwiegend bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 29 Jahren auf – meist innerhalb von 14 Tagen und häufiger nach der zweiten Dosis. Insgesamt seien solche Fälle aber sehr selten, heißt es bei der Deutschen Herzstiftung: Die Melderate einer Herzmuskelentzündung beträgt demnach bei unter 30-Jährigen für den Biontech-Impfstoff rund fünf Fälle pro 100 000 Impfungen. Bei Moderna waren es etwa elf Fälle. Der Verlauf sei zu 95 Prozent mild. „Sie heilen in nahezu allen Fällen aus und dürfen keineswegs Grund dafür sein, sich gegen eine Covid-19-Impfung zu entscheiden“, so Thomas Voigtländer, Vorstandschef der Herzstiftung. Dennoch empfiehlt die Stiko bei unter 30-Jährigen wegen des günstigeren Risikoprofils nur noch Biontech.

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Wie groß ist das Risiko von Impfreaktionen im Vergleich zu den Risiken einer Covid-Erkrankung bei jüngeren Menschen?

Viele Gesundheitsexperten raten, Kinder und Jugendliche wenn möglich zu impfen. Sie halten die Gefahren einer Covid-19-Erkrankung und mögliche Langzeitfolgen für größer als etwa das Risiko einer Herzmuskelentzündung. Laut Daten aus Israel ist das Risiko, infolge einer Corona-Infektion an einer Herzmuskelentzündung zu erkranken, sogar viermal höher als das entsprechende Risiko bei der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Die Medizinerin Christine Falk nennt einen weiteren Punkt. „Wir wissen noch zu wenig darüber, was das Virus längerfristig mit dem Immunsystem der Kinder machen könnte“, sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Bei jüngeren Covid-Infizierten sei beobachtet worden, dass ihr Immunsystem auch nach einem leichten Krankheitsverlauf Spuren eines vorgezogenen Alterungsprozesses aufweist. Diese Veränderung könnte sich auf die zukünftige Anpassungsfähigkeit der körpereigenen Abwehr an neue Bedrohungen auswirken. Allerdings fehlten dazu noch Studien, so Falk.

Die USA und Israel impfen bereits Fünf- bis Elfjährige. Wie sind die Erfahrungen?

Eine US-Studie mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer ergab mit rund 90 Prozent eine ähnliche Wirksamkeit wie bei älteren Probanden. Ernsthafte Komplikationen seien nicht aufgetreten, schreiben die Autoren: „Es wurden keine impfstoffbedingten schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse festgestellt.“ Christine Falk verweist aber darauf, dass in der Studie nur gut 1500 geimpfte Kinder beobachtet wurden. Das seien zu wenig, um seltene Nebenwirkungen zu erkennen. Genauere Erkenntnisse erhofft sich Falk von der Auswertung von Daten aus dem praktischen Einsatz. In den USA haben mittlerweile mehr als zwei Millionen Kinder unter zwölf Jahren mindestens eine Impfdosis erhalten.

Was Kinderärzte sagen

Reaktion
 Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hatte die erwartete europäische Zulassung des Biontech-Vakzins für jüngere Kinder schon im Vorfeld begrüßt. „Wir sind sehr froh, dass der Impfstoff für die Fünf- bis Elfjährigen zugelassen wird“, sagte DGKJ-Präsident Jörg Dötsch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Das ist ein großer Moment für den Schutz von Kindern, der Sicherheit bedeutet, weil es dann keine rechtlichen Grauzonen mehr gibt.“