Die Regisseurin Sofia Coppola („Lost in Translation“) zeigt ihren neuen Film „On the Rocks“ am 22. September beim Festival in New York. Foto: dpa/Guillaume Horcajuelo

Colorado, New York, Toronto: Die großen Filmfestivals im Herbst sind sonst ein wichtiger Indikator für die Vergabe der Oscars. Während der Coronakrise müssen sie sich neu erfinden.

New York - Rote Teppiche, Foto-Termine und glanzvolle Premieren – die Festivals im Herbst zählen sonst zu den Höhepunkten der Kinosaison. Doch die Pandemie hat die Filmbranche schwer getroffen. Die berühmten Festspiele von Venedig laufen auf Sparflamme. Das Schaulaufen der Stars in Telluride im US-Staat Colorado wurde komplett abgesagt. Die Organisatoren in New York und Toronto wollen mit neuen Konzepten Präsenz zeigen. Der ganz große Medienrummel dürfte aber auch dort diesmal ausbleiben.

Diese vier großen Herbstfestivals gelten sonst als wichtiger Indikator dafür, wer bei den folgenden Oscar-Verleihungen eine Chance hat. Umso mehr kommt es für die Produktionsfirmen daher darauf an, aktuelle Werke mit gelungenen Premieren in Position zu bringen. Doch auch die Academy Awards wurden wegen der Coronavirus-Krise inzwischen verschoben. Und einige Studios halten potenzielle Blockbuster zurück, solange kein regulärer Kinobetrieb möglich ist.

Was ist in Corona-Zeiten möglich?

„Eine solche Situation zwingt dich dazu, genau zu prüfen, was grundlegend ist“, sagt Dennis Lim, Programmdirektor des New York Film Festivals, das am 17. September startet. „Was brauchst du wirklich, damit ein Festival stattfinden kann? Du brauchst Filme und du brauchst Publikum. Unser Job ist, Filme auszuwählen und sie auf sinnvolle Weise den Zuschauern zu präsentieren. Wenn wir das nicht in einem Kino tun können, was können wir dann tun?“

In Venedig lässt sich seit einigen Tagen bereits beobachten, was in Corona-Zeiten möglich ist – und was nicht. Wer einen Film sehen will, muss Maske tragen. In den Sälen bleibt jeder zweite Sitz leer. Am Roten Teppich gibt es zusätzliche Absperrungen; anders als sonst ist es für Fans fast unmöglich, die Stars einmal ganz aus der Nähe zu erleben. Küsschen zur Begrüßung sind sowieso tabu.

Weniger Glamour

Der besondere Reiz der Festivals mag aus Sicht mancher Kinofans dadurch verloren gehen. Gleichzeitig sagte etwa die Schauspielerin Cate Blanchett, diesjährige Jury-Präsidentin in Venedig, es sei irgendwie „wundervoll“, dass die Festspiele überhaupt stattfinden könnten. Der Regisseur Pedro Almodóvar verglich die zurückliegenden Monate des Lockdowns mit einem Gefängnis. „Der Gegenpol zu all dem ist das Kino“, sagte er.

Während das für Mai geplante Filmfestival von Cannes abgesagt werden musste und das South by Southwest in Texas dieses Jahr nur in improvisierter virtueller Form abgehalten werden konnte, ist es den Veranstaltern in Venedig tatsächlich gelungen, ein reales Event mit realen Stars vor Ort auf die Beine zu stellen. In Toronto und New York dagegen wird es dieses Jahr nur „Hybrid-Festivals“ geben, bei denen sich der Glamour-Faktor in Grenzen halten dürfte.

Größere Reichweite?

In der US-Metropole sind Autokino-Vorführungen in den Stadtteilen Brooklyn und Queens geplant, also weit entfernt vom eigentlichen Festivalort in Manhattan. In Toronto stehen neben solchen „Drive-in“-Events auch Veranstaltungen in geschlossenen Räumen auf dem Programm – allerdings nur mit jeweils 50 Besuchern. Ob auch in New York noch Leinwände in Sälen in das Festival eingebunden werden können, hängt von eventuellen Lockerungen von Seiten der Behörden ab.

Darüber hinaus haben die beiden nordamerikanischen Festivals digitale Plattformen aufgebaut, die virtuelle Vorführungen ermöglichen. Die Zahl der Tickets soll begrenzt bleiben. Trotzdem wird sich die Reichweite dadurch vergrößern. Für das Toronto International Film Festival können in ganz Kanada „Eintrittskarten“ gekauft werden. Die New Yorker Filme werden für kurze Zeit überall in den USA verfügbar sein.

Netflix reicht keine Filme ein

Ein Manko aber bleibt, dass weder die großen Studios noch der inzwischen ebenfalls wichtige Streaming-Dienst Netflix Filme eingereicht haben. Die Verschiebung der Oscars von Februar auf April dürfte den Anreiz zu großen Inszenierungen schon in diesem September weiter verringert haben. Zumal wohl auch nicht davon auszugehen ist, dass die Herbstfestivals in gewohntem Maße über mehrere Tage im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehen werden.

Wegen der Coronavirus-Krise dürften derzeit auch viele eingefleischte Kinofans zu große Sorgen haben, um sich für künftig erscheinende Filme zu interessieren. Die Branche gibt sich trotzdem zuversichtlich, dass die Relevanz des Kinos nicht verloren geht. „Wenngleich die Realität gerade sehr hart ist, haben wir das Gefühl, dass Geschichten wichtiger sind denn je“, sagt Joana Vicente, eine der Hauptverantwortlichen beim Festival in Toronto. „Außerdem sollten wir auch an all die Künstler denken, die betroffen sind, und die diese Festivals als Plattform brauchen. Auf diese Art wird sichergestellt, dass die Kultur am Leben bleibt.“

Und bei allen Abstrichen und Einschränkungen haben die Herbstfestivals auch in diesem Jahr durchaus einiges zu bieten. In Toronto werden unter anderem neue Werke von Chloe Zhao, Spike Lee, Werner Herzog und Frederick Wiseman präsentiert. Einige davon hat auch das Festival in New York im Programm, ebenso wie neue Filme etwa von Sofia Coppola, Christian Petzold, Jia Zhangke und Garrett Bradley.

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