Die Zahl der Corona-Infektionen ist so stark gestiegen, dass bis zu einem Drittel aller Fälle erst nachträglich gemeldet wird. Deshalb wird die 7-Tage-Inzidenz etwas zu niedrig angegeben. In den Laboren werden die Kapazitäten langsam knapp.
Stuttgart - Die 7-Tage-Inzidenz der bestätigten Corona-Neuinfektionen ist noch etwas höher, als tagesaktuell ausgewiesen. Das ergeben Daten des Landesgesundheitsamts (LGA), die unsere Zeitung auf Anfrage erhalten hat. Abgefragt wurde die Zahl der bestätigten Corona-Neuinfektionen für den Zeitraum 6. bis 12. November und die sich daraus ergebende 7-Tage-Inzidenz für den 12. November. Im damaligen Corona-Lagebericht war sie mit 352,6 angegeben worden, basierend auf 39 145 ans LGA gemeldeten Infektionen.
Tatsächlich gingen seither etwas mehr als 3000 Nachmeldungen für diesen Zeitraum ein. Somit betrug die tatsächliche 7-Tage-Inzidenz am 12. November 379,7 bestätigte Neuinfektionen je 100 000 Einwohner. Das macht einen Anteil von etwa sieben Prozent zu spät gemeldeter Infektionen aus. Zwar ist die Inzidenz nicht mehr unmittelbar für die geltenden Coronaregeln relevant. Sie wird aber öffentlich weiterhin viel beachtet und ist ein wichtiger Gradmesser dafür, mit wie vielen Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern zu rechnen ist.
Labore melden teils bis Mitternacht
Das Problem ist nicht auf Baden-Württemberg beschränkt, wie vergangene Woche eine „Spiegel“-Recherche gezeigt hat. Demnach wurde Anfang Oktober in einigen bayerischen Kreisen die Inzidenz um bis zu drei Viertel zu niedrig ausgewiesen. Die Kreise, allen voran die Landeshauptstadt München, werden bei der Bearbeitung der eingehenden positiven Coronatests seither von der Bundeswehr unterstützt.
Das Landesgesundheitsamt hat für alle baden-württembergischen Kreise errechnet, wie hoch der Anteil der nachträglich gemeldeten Fälle ist. Am höchsten waren die Werte in den Kreisen Reutlingen, Calw und Göppingen mit einem Anteil von 20 bis 32 Prozent nachgemeldeter Fälle. Hier wurden jeweils mehrere Hundert Infektionen nachträglich in der Statistik erfasst.
Bei positiven Coronatests gibt es ein Melde- und ein Übermittlungsdatum. Das Meldedatum ist der Tag, „an dem das jeweilige Gesundheitsamt vor Ort Kenntnis von einem positiven Laborbefunderhalten hat“, heißt es im Corona-Lagebericht. Das kann auch nach Meldeschluss ans LGA sein, weil die Labore teils bis Mitternacht Testergebnisse ans Gesundheitsamt melden.
Labore stehen vor „besonderen Herausforderungen“
Ans Landesgesundheitsamt übermittelt, und damit Teil der offiziellen Coronastatistik, werden die Daten in diesen und anderen Fällen später – in Reutlingen beträgt der Verzug laut einer Sprecherin des Kreises in der Regel anderthalb Tage. Das muss nicht zwingend zum Problem werden, weil die 7-Tage-Inzidenz ja immer die Infektionszahlen einer ganzen Woche betrachtet. Darauf weisen alle Gesundheitsämter mit hohem Anteil an nachträglich ans LGA übermittelten Infektionen hin. Alle positiven Testergebnisse gehen irgendwann in die Statistik ein. Doch der eingangs genannte Zahlenvergleich zeigt, dass etliche Fälle offenbar so spät gemeldet werden, dass tatsächlich die Inzidenz zu niedrig ausgewiesen wird.
Das lenkt den Blick auf die Labore, in denen die Proben auf Coronaviren getestet werden. In Regionen mit hohen Infektionszahlen stünden die Labore „vor besonderen Herausforderungen“, erklärte vergangene Woche der Verein Akkreditierte Labore in der Medizin. Die Testkapazitäten von zwei Millionen PCR-Tests pro Woche sind zu 75 Prozent ausgelastet; zuletzt wurden bundesweit 1,6 Millionen solcher Tests ausgewertet.
Stuttgarter Gesundheitsamt hat niedrigen Anteil von Nachmeldungen
Diese Zahlen deuten auch auf eine Endlichkeit der überhaupt messbaren Inzidenz hin. An sich müsste deutlich mehr getestet werden. Bundesweit war zuletzt jeder sechste PCR-Test positiv, in Baden-Württemberg sogar jeder fünfte – das sind Werte, die über denen aus der zweiten Infektionswelle vom Herbst 2020 liegen und erfahrungsgemäß auf eine hohe Dunkelziffer hindeuten . Die Zahl der Neuinfektionen ist also auch völlig unabhängig von nachgemeldeten positiven Testbefunden deutlich höher als ausgewiesen. Das ändert nichts daran, dass die Gesundheitsämter mit einer weiter steigenden Zahl bestätigter Neuinfektionen umgehen müssen. Entsprechend hat sich die Zahl der Nachmeldungen seit Sommer deutlich erhöht, wie etwa das Calwer Gesundheitsamt bestätigt. Auf den starken Anstieg positiver Proben reagiert man dort sowie im Ortenaukreis mit der Aufstockung der Fallmanager, mit Überstunden und Wochenenddiensten.
Aus dem Göppinger Landratsamt kommt der Hinweis, dass am 5. November die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter wegen Überlastung eingestellt wurde. „Auch im Gesundheitsamt Göppingen wurde die Situation gerade in diesem Zeitraum schwieriger zu bewältigen“, sagt die Sprecherin des Kreises, Clarissa Weber. Seither seien die internen Abläufe angepasst worden „und der kurzzeitig entstandene Rückstand bei der Fallbearbeitung konnte zwischenzeitlich wieder aufgeholt werden“.
Das Stuttgarter Gesundheitsamt hat einen niedrigen Anteil von Nachmeldungen. Das liege daran, dass der Großteil der Fälle automatisch über die Meldesoftware Demis eingelesen werde. „Verzüge kommen am ehesten bei Fax- oder Briefmeldungen vor“, so der Stadtsprecher Sven Matis.