Hauptsymptom von Long Covid ist das Fatigue-Syndrom – ein chronischer Erschöpfungszustand. Häufig berichten Betroffene auch über Kurzatmigkeit, Depressionen, Kopfschmerzen sowie Beeinträchtigungen von Geruchs- und Geschmackssinn. Foto: dpa/Uwe Anspach

Etliche Menschen leiden immer noch unter den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. Die Ursachen des komplexen Krankheitsbildes sind bis heute jedoch nicht abschließend geklärt. Ein Überblick.

Zurzeit stecken sich wieder mehr Menschen mit Corona an. Bislang stellt das aber kein größeres Problem für das Gesundheitssystem dar. Die Grundimmunität der Bevölkerung führt in den allermeisten Fällen zu milden Krankheitsverläufen. Dagegen leiden viele nach wie vor unter Long und Post Covid. Wir beantworten Fragen dazu.

 

Was sind Symptome von Long Covid? Rennradfahren, Laufen, Klettern – für Martin gab es fast keinen Tag ohne Sport. „Doch nach meiner Corona-Infektion konnte ich ein halbes Jahr lang kaum trainieren. Ich war die ganze Zeit müde und erschöpft“, erzählt der 30-Jährige. Nach einer Reha geht es ihm wieder besser. Aber seine alte Fitness ist immer noch nicht ganz zurück, obwohl seine Infektion fast ein Jahr zurückliegt.

Maria ist meist zu müde, um wie früher lange Spaziergänge oder Bergtouren zu machen. „Auch mein Erinnerungsvermögen hat sich verschlechtert“, sagt die 63-Jährige, deren Infektion etliche Monate zurückliegt. So oder so ähnlich klingen Erfahrungsberichte Betroffener. Hauptsymptom ist das Fatigue-Syndrom – ein chronischer Erschöpfungszustand. Häufig berichten Betroffene auch über Kurzatmigkeit, Depressionen, Kopfschmerzen sowie Beeinträchtigungen von Geruchs- und Geschmackssinn.

2) die Tabelle

Wie viele Menschen sind betroffen? Zum Anteil der Corona-Infizierten, die Long Covid entwickeln, gibt es unterschiedliche Angaben. Die Bandbreite reicht vom niedrigen einstelligen Prozentbereich bis zu jedem fünften Infizierten und mehr. Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf Studien, in denen der geschätzte Anteil zwischen sechs und 15 Prozent liegt. Bei knapp 40 Millionen nachgewiesenen Infektionen hierzulande wären demnach zwischen 2,4 und sechs Millionen Menschen von Long Covid betroffen. Manche sprechen daher von einer Pandemie nach der Pandemie. Daten der AOK Baden-Württemberg zeigen, dass im Durchschnitt bei zwei Prozent der Versicherten Long Covid diagnostiziert wurde. Die Krankenkasse betont jedoch, dass es sich nur um ärztlich dokumentierte Fälle handele. Der tatsächliche Wert dürfte höher sein.

Was macht die Erfassung von Long Covid so schwierig? Ein großes Problem sei die Vielgestaltigkeit der Symptome, sagt Katrin Giel, Sektionsleiterin für Translationale Psychotherapieforschung am Universitätsklinikum Tübingen. Zudem seien die Symptome sehr unspezifisch: „Sie können auch im Zusammenhang mit vielen anderen Erkrankungen auftreten und lassen sich daher schwer einer bestimmten Ursache zuordnen.“ Hinzu kommen unterschiedliche Studienbedingungen. Weil die Beschwerden mit der Zeit in vielen Fällen nachlassen, hat es beispielsweise einen großen Einfluss, wann Betroffene befragt oder untersucht wurden. Ein häufiges Manko seien fehlende Kontrollgruppen, so Giel. Denn auch bei Menschen, bei denen keine Corona-Infektion festgestellt wurde, kommen entsprechende Symptome vor. Wird dieses „Hintergrundrauschen“ nicht erfasst, wird der Anteil der Long-Covid-Betroffenen zu hoch geschätzt. Daher untersuchen Giel und ihr Team in einer Studie sowohl 5000 ehemals Infizierte als auch 5000 Personen ohne vorherige Corona-Infektion in Stuttgart. Ergebnisse sollen Anfang 2024 vorliegen.

Welche Ursachen hat Long Covid? Eine Theorie besagt, dass das Krankheitsbild auf eine Autoimmunreaktion zurückzuführen ist, bei der sich die körpereigene Abwehr auch gegen eigene Zellen richtet. Diskutiert wird zudem über Entzündungen infolge einer anhaltenden Alarmbereitschaft des Immunsystems. Das könnte erklären, warum nach Corona-Infektionen in vielen Körperteilen und Organen entzündungsbedingte Veränderungen auftreten können – etwa in Niere, Lunge oder Gehirn. Eine Rolle könnten auch Virusreste im Körper spielen, die das Immunsystem immer wieder aktivieren. Auch Schäden an Blutgefäßen durch winzige Gerinnsel werden als Ursache von Long-Covid-typischen Beschwerden wie Müdigkeit, Kurzatmigkeit, verminderte geistige Fähigkeiten, Herzklopfen oder Schmerzen diskutiert. Psychische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass die Virusvariante Omikron und ihre Ableger seltener zu Long Covid führen als frühere Varianten wie Delta. Vorerkrankungen oder ein schwerer Coronaverlauf erhöhen tendenziell das Krankheitsrisiko. Doch auch wer eine Infektion ohne größere Probleme oder symptomlos übersteht, kann später Long Covid entwickeln.

Wo finden Betroffene Hilfe? Erste Anlaufstelle ist in der Regel die Haus- oder Kinderarztpraxis. Zudem gibt es spezielle Long-Covid-Ambulanzen, die unter anderem an den Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm sowie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim eingerichtet wurden. Hinzu kommen die Rehabilitationskliniken, in denen fachübergreifend die körperlichen und psychischen Folgen von Long Covid behandelt werden können. An derzeit 17 Rehastandorten im Land gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein multidisziplinäres Rehabilitationskonzept für komplexe Fälle. Die Behandlung umfasst beispielsweise Atem- und Physiotherapie, Entspannungsübungen oder Gedächtnistraining. Katrin Giel hat bei ihren Patienten auch gute Erfahrungen mit einer psychotherapeutischen Kurzzeitintervention gemacht. Auch wenn die Symptome nicht ganz verschwinden, könnten Betroffene so Wege finden, mit der Belastung im Alltag umzugehen.