Antonio Rüdiger hat eine klare Meinung zu Rassismus und noch große Ziele Foto: Pressefoto Baumann

Ex-VfB-Spieler Antonio Rüdiger überzeugt schon vor der ersten Partie beim Confed-Cup mit seinem Stellungsspiel und positioniert sich gegen Rassismus im Fußball. Er fordert harte Konsequenzen.

Sotschi - Was seine Meinung angeht, ist Antonio Rüdiger ein mutiger Mann. Mutiger jedenfalls als auf anderen Gebieten, etwa in der persönlichen Freizeitgestaltung. Vor dem deutschen Auftaktspiel am Montag (17 Uhr MESZ/ZDF) gegen Australien hat der Abwehrspieler der Nationalmannschaft im russischen Sotschi erst einmal die profanen Dinge des Lebens kommentieren müssen, ehe er sich sehr ernsthafter Thematik zuwandte. Deshalb weiß man jetzt: Es stimmt überhaupt nicht, wie tags zuvor von Mitspieler Julian Brandt steif und fest behauptet, dass Rüdiger im Vergnügungspark der Olympiastadt von 2014 unbedingt mit dem Riesenrad fahren will. „Ich will hier niemanden als Lügner bezeichnen“, witzelte er ein wenig irritiert, „aber ich habe mit dem Riesenrad nichts am Hut.“ Auch Loopings auf der Achterbahn könnten ihm aus Gründen der Furchtsamkeit getrost gestohlen bleiben. Wäre das also geklärt.

Ungleich furchtloser präsentiert sich Rüdiger ansonsten nicht nur auf dem Fußballplatz. Es ist in der Regel nicht lustig für gegnerische Angreifer, mit dem 1,90 Meter großen Koloss zu tun zu bekommen. Vor allem seine Körperlichkeit, seine Zweikampf- und Kopfballstärke und seine Antrittsgeschwindigkeit haben den ehemaligen Profi des VfB Stuttgart inzwischen 13 Nominierungen für die Nationalmannschaft beschert. Der 14. Einsatz dürfte jetzt gegen Australien folgen. Auf russischem Boden, für dessen Beschaffenheit in Sachen Trainingsplatz Rüdiger nur ausgiebiges Lob übrig hatte. Was man bei anderen Themenfeldern nicht unbedingt behaupten konnte.

Rüdiger fordert harte Konsequenzen gegen Rassismus

Russland und Rassismus etwa sind nicht unbedingt Vokabeln, die sich gegenseitig ausschließen. Rüdiger, vor etwas mehr als 24 Jahren als Sohn eines deutschen Vaters und einer Mutter aus Sierra Leone in Berlin geboren, kennt das Gefühl, wegen seiner Hautfarbe Diskriminierungen zu erfahren. Und er knickt auch in Sotschi keinesfalls ein: „Bei allem Respekt: Es ist einfach zu sagen von Leuten, die nicht dieselbe Hautfarbe haben wie ich, wir sollten ruhig bleiben, wenn wir beleidigt werden. Sie werden nie wissen, wie es sich anfühlt. Deshalb sollte dagegen hart vorgegangen werden.“

Es ist ein Thema, das ihm wichtig ist. Entsprechend konsequent geht der Defensivmann in die Offensive und unterstützt ausdrücklich das just zum Confed-Cup von der Fifa neu aufgelegte Programm gegen Rassismus. Bei jedem Spiel sitzen Antidiskriminierungsbeobachter im Stadion, die laut Weltverband nichts anderes zu tun haben, als entsprechende Exzesse auf den Tribünen wahrzunehmen und bei Bedarf entsprechend einzugreifen. Der Schiedsrichter ist dann angehalten, über den Stadionsprecher eine ernsthafte Warnung aussprechen zu lassen, rassistische Laute oder Bekundungen umgehend zu unterlassen. Sollte das keine ausreichende Wirkung haben, sollen die Unparteiischen laut Fifa-Vorgaben die Partie unterbrechen und gegebenenfalls abbrechen. „Ich finde es gut, dass dann abgebrochen werden kann“, sagt Rüdiger, seit zwei Jahren Profi beim italienischen Spitzenclub AS Rom.

Der Abwehrrecke hat in Italien, wohin ihn der VfB Stuttgart für 14 Millionen Euro verkaufte, spürbar mehr verbale rassistische Angriffe auf seine Person erlebt als in der Bundesliga. „Ich wurde in mehreren Spielen mit ‚Uh, uh, uh‘-Lauten ausgebuht, und es ist trotzdem nichts passiert. Das ist für mich unverständlich, dagegen muss gehandelt werden“, sagt er. Öffentlichkeitswirksame Marketingaktionen hält er in diesem Zusammenhang nicht annähernd für ausreichend: „Wir befinden uns im Jahr 2017, meiner Meinung nach dürfte es das heute nicht geben.“ Immer wieder sehe er Plakate mit dem Slogan „,No to racism“, „aber in Italien passiert nicht viel“.

Confed-Cup als gute Gelegenheit für den Spieler des AS Rom

Ein wenig ist dann aber doch passiert. Ende vergangenen Jahres war Rüdiger unmittelbar nach dem römischen Derby von Lazio-Profi Senad Lulic öffentlich beleidigt worden: „Vor zwei Jahren hat er in Stuttgart noch Socken und Gürtel verkauft, jetzt macht er einen auf Phänomen.“ Lulic wurde für die verbale Entgleisung von seinem Verein 20 Tage lang gesperrt und musste eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Euro zahlen. Erst nach heftigen Protesten hatte sich der Bosnier auf seine Facebook-Seite beim Deutschen entschuldigt.

Rüdiger fühlt sich dennoch wohl in Italien, Rom bezeichnete er als wunderschöne Stadt und bestätigte indirekt unter Verweis auf Roma-Sportdirektor Monchi, dass er auch in der kommenden Saison beim AS Rom spielen wird. Monchi hatte unlängst bei einer Pressekonferenz einem Interesse von Inter Mailand eine klare Absage erteilt: „Es gibt absolut keine Chance, dass Toni weggeht.“

Den Confederations Cup sieht Abwehrrecke Rüdiger nun als gute Gelegenheit, bei Bundestrainer Joachim Löw auf sich aufmerksam zu machen, zumal er sich unmittelbar vor der EM 2016 im ersten Training des DFB-Teams am Genfer See bei einem harmlos erscheinenden Zweikampf mit Thomas Müller einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, operiert werden musste und fast vier Monate lang ausfiel. „Umso mehr freue ich mich jetzt auf den Confed-Cup“, sagt er. Was die deutschen Erfolgschancen angeht, präsentierte der meinungsfreudige Innenverteidiger noch eine interessante Überlegung: „Wir sind nicht mit der voll besetzten Mannschaft da. Deshalb glaube ich, dass uns einige Gegner unterschätzen werden. Das wird für uns ein Vorteil sein.“

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