Comic-Versandhändler aus Esslingen „Wir waren vor Amazon im Internet“

Von Frank Rothfuss 

Frieder Maier zeigt seine Schätze in der Sammlerecke Foto: Horst Rudel
Frieder Maier zeigt seine Schätze in der Sammlerecke Foto: Horst Rudel

Es ist eine unvorstellbare Zahl. Zwei Millionen Comics und Romanhefte nennt Frieder Maier sein Eigen. Sie lagern in einer Halle auf zwei Etagen. Er ist Europas größter Versandhändler für Bildergeschichten. Ein Gespräch über Schatzsuche, Sammlerstücke und ungläubige Steuerberater.

Esslingen - Die Lagerhalle ist groß wie ein Fußballfeld und doch schon wieder zu klein. Vom Boden bis zur Decke stapelt sich der Lesestoff. Sauber sortiert, Frieder Maier weiß genau, wo „ Bessy“ Nummer 335 ist oder „Superman“ 125. Doch jetzt stellt sich eine ungleich schwerere Aufgabe. Wo gibt’s zwei freie Stühle? Schließlich wird er in einem kleinen Büro fündig. Kartons rahmen uns ein. Zettel künden vom Inhalt und vom Preis.

Herr Maier, hier steht „Sündhaft teuer“. Was ist in dem Karton?
Das sind Bücher aus den dreißiger Jahren. Western namens „ Billy Jenkins“, die kosten 300 Euro das Stück.
Und das wird bezahlt?
Ja. Da gibt es Liebhaber, die zahlen das. Allerdings nur, wenn die Qualität sehr gut ist. Ware mit Mängeln ist schwer zu verkaufen.
Man sollte also keine Eselsohren reinknicken?
Wenn Sie es noch verkaufen wollen, besser nicht. Das „Bessy“-Heft mit der Nummer eins kostet in traumhafter Erhaltung 4000 Euro, in schmuddeligem Zustand bekommen Sie noch 400 Euro.
Haben Sie das Heft?
Ja. Ich hatte mal den Ehrgeiz, die 100 wertvollsten deutschen Comics gehabt zu haben. Nicht um sie zu behalten, ich wollte sie einmal in meinen Händen halten. Auch wenn ich die meisten zehn Minuten später verkauft habe.
Haben Sie das geschafft?
Fast. Ich schätze mal, 80 davon habe ich besessen. Viele habe ich verkauft, manche behalten. Etwa die „Micky Maus“ Nummer eins. Die habe ich mehrmals. 20 000 Euro ist das perfekte Heft wert laut Katalog, unser besterhaltenes kostet 12 000 Euro.
Wie viele Stücke haben Sie hier überhaupt?
Zwei Millionen. Eine Million sind sortiert, alphabetisch geordnet und im Online-Shop und im Katalog erfasst. Wenn ein Kunde kommt und etwas Spezielles sucht, finden wir das binnen Sekunden.
Das schaffen Sie?
Testen Sie mich. Ich habe den kompletten Katalog mit allen jemals erschienen Comics auf Deutsch im Kopf. Das ist ein Drama. Manchmal denke ich, wie bescheuert kann man sein: Statt, dass ich mal anständig Englisch gelernt hätte, kann ich den Katalog auswendig rauf und runter sagen. Ich weiß bei jeder Serie, wie viele Nummern es gibt; ich kenne von jeder Nummer den Preis, wann sie erschienen ist. Und den Romanpreiskatalog kenne ich auch auswendig.
Was im Keller lagert, wissen Sie auch?
O je. Das sind 700 Paletten je 24 Kisten, gut eine Million Stücke. Das ist die weniger verlockende Ware, die interessanten und mittelinteressanten Sachen haben wir rausgesucht.
Die Sachen reifen also? Wie Wein.
Leider nicht. Vieles ist auch vergoren und nichts wert. Gut möglich, dass der ein oder andere Schatz dazwischenliegt. Aber meine 15 Festangestellten und 15 freien Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Ich müsste eine eigene Abteilung gründen, die sich hier durchwühlt.
Woher kommen die Sachen?
Morgen kommt der Kollege Lochmann wieder mit dem Laster und bringt neue Kartons. Wir sind bekannt. Die Leute melden sich bei uns, wenn Sie Sammlungen auflösen oder einen Nachlass haben. Und wir kommen vorbei. Das ist ein Service, den nur wenige bieten. So findet man die guten Sachen, dass man direkt zu den Leuten hinfährt und den Dachboden ausräumt.
Und dabei finden Sie noch Schätze?
Ganz selten. Was für uns spannend ist, sind Kioske, die stillgelegt werden. Da wandert der Rest oft in den Keller. Wir haben in Österreich mehrere Altbestände in Wien aufkaufen können. Das waren Trafiken, die zugemacht und die Sachen eingelagert hatten.
Wie wird man Comic-Händler?
Ich hatte in Nürtingen einen wirklich chaotischen Laden entdeckt, der war winzig, 25 Quadratmeter klein. Es gab kein Wasser und keine Heizung. Da stand ein alter Mann drin und verkaufte Comics und alte Romanhefte. Hinter ihm waren Kartons, die waren zugestaubt. Das hat mich so fasziniert, ich wollte das unbedingt machen.
Und Sie haben den Laden gekauft?
Das war nicht einfach. Ich habe den alten Herrn bequatscht. Nach 14 Tagen hatte ich ihn überzeugt und konnte mich über die Kartons hermachen. Leider musste ich feststellen, dass vor mir schon andere dran waren; da war nur noch Schrott in diesen Kartons. Aber ich hatte einen Grundstock an Kunden.
Comic-Händler, ein ausgefallener Beruf.
Kann man sagen. Ich suchte damals einen Steuerberater auf. Der fragte mich: „Was machen Sie denn?“ „Ich mache einen Comic-Laden auf.“ Seine Antwort war: „Da brauchen Sie doch keinen Steuerberater.“ Hinterher hat er dann eine Kraft extra für uns einstellen müssen.
Wie ging es weiter?
Ich habe dann alles sortiert, irgendwann die erste Preisliste verschickt. Relativ früh haben wir im Internet einen Online-Shop gehabt. Da waren wir einer der ersten, weit vor Amazon und Ebay. Wir hatten Bestellverfahren ohne Bilder. Die wären nie geladen worden damals. Aber wir waren zu früh. Es ist eingeschlafen, weil es nicht genutzt wurde. Dann irgendwann haben wir gemerkt, es geht doch was. Und jetzt geht fast alles übers Internet. Wir haben Kunden weltweit, in Tasmanien, im Irak, in Japan oder Kanada.
Aber auch der Laden ist gewachsen.
Klar. Von Deutschlands kleinstem Comic-Laden sind wir nach mehreren Umzügen zu Deutschlands größtem Comic-Laden geworden. Als wir hier in die Pliensau-Vorstadt gezogen sind, sind 250 Tonnen Comics mit umgezogen.
Wenn alle Welt im Internet kauft, braucht es überhaupt noch einen Laden?

Gerade haben wir einen Herrn aus der Schweiz hier, der kommt regelmäßig und sucht Romane. Das Stöbern macht vielen Menschen Spaß. Wir haben viele Kunden, die haben jetzt das Alter erreicht, dass die Kinder aus dem Haus sind, sie ein Hobby suchen und sagen, damals habe ich „Wastl“ gelesen, ich will die 178 „Wastl“-Hefte wiederhaben. Die bestellen zwar im Internet, aber die wollen auch in den Sachen blättern. Und mir geht’s ja auch so. Wenn morgen der Laster kommt, ist das wie Weihnachten. Die Kisten auszupacken ist das Größte.

Lesen Sie zu Hause eigentlich auch Comics?
Ich lese daheim nur Bücher. Ich habe keinen einzigen Comic zu Hause.

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