Wenn Clown Paulo auf die Bühne tritt, geht der Sonderschullehrer Jörg Friedrich immer mit: Wer einen Clown verkörpert, bringe seine eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne, sagt Friedrich. Foto: Jacqueline Fritsch

Jörg Friedrich tritt seit 20 Jahren als Clown auf. Die Rolle hilft dem Lehrer, manches im Leben nicht so eng zu sehen. Aber nehmen ihn die Kinder an der Möhringer Margarete-Steiff-Schule da noch ernst?

Möhringen - Eigentlich ist Jörg Friedrich ein ganz normaler Lehrer. Er trägt eine Brille, hat leicht angegrautes Haar, ist durchschnittlich groß – wie 59 sieht er noch lange nicht aus. Und wie ein Clown sieht er eigentlich auch nicht aus. Ja, er trägt ein schwarz-weiß geringeltes T-Shirt. Das erinnert aber erst – und auch nur vage – an ein Clownskostüm, als er darauf hinweist. Aber sobald er die rote Pappnase und seinen flachen, dunkelgrauen Hut aufsetzt, verwandelt sich der offene, etwas nachdenkliche Mann in einen naiven, frechen, neugierigen Clown – oder kurz gesagt: Jörg Friedrich verwandelt sich in Paulo. „Wenn ich die Nase aufziehe, bin ich voll und ganz der Paulo“, sagt er, „dann verändert sich sogar meine Körperspannung“.

Jörg Friedrich ist von seinem Bühnen-Ich nicht mehr zu trennen. Seit 20 Jahren tritt der Sonderschullehrer, der an der Margarete-Steiff-Schule auf den Hengstäckern unterrichtet, in seiner Freizeit als Clown auf. „Wenn Paulo auf die Bühne geht, gehe ich mit“, sagt Friedrich, „das macht ihn auch sympathisch und nahbar“. Und das sei der Unterschied zwischen einem Clown und einem Schauspieler: Wer einen Clown verkörpere, bringe seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen Probleme und Themen mit auf die Bühne. Andersherum funktioniere das genauso: „Die Leichtigkeit, mit der Clowns Probleme angehen, kann ich mir auch ein Stück weit in den Alltag mitnehmen“, sagt Friedrich.

„Jedes Problem ist Glück“

Genau das sei es, was dem Lehrer an seinem Hobby gefällt. „Zirkusclowns konnte ich nie leiden“, sagt er, „aber die Ur-Figur des Clowns, die alles darf, die Narrenfreiheit hat, die alle Themen ansprechen darf – die fand ich faszinierend“, schwärmt Friedrich. Zwei Jahre lang hat er berufsbegleitend eine Ausbildung zum Clown gemacht, fand immer mehr Gefallen daran und strahlt bis heute, wenn er darüber spricht. „Auch tragische und schwere Themen bekommen aus Clownssicht plötzlich eine Leichtigkeit“, sagt Friedrich. Es mache ihm einfach Spaß, Probleme auf der Bühne übertrieben darzustellen und sie dadurch vielleicht als gar nicht so schlimm zu entlarven. „Deshalb ist jedes Problem eigentlich Glück“, sagt er, „denn dann hat der Clown etwas, dem er sich stellen kann“.

In einem seiner Programme beschäftigt sich Jörg Friedrich mit dem Gefühl, in sich selbst gefangen zu sein. Dieses Gefühl stellt er mithilfe eines großen Käfigs dar, in den er sich hineinsetzt. „Dieser Käfig engt einen ein, ist aber gleichzeitig ein Schutz vor der vermeintlich bösen Welt da draußen“, erklärt Friedrich. Naiv und neugierig wie Clown Paulo ist, verlässt er den Käfig, um einen herzförmigen Luftballon zu schnappen. „Er fängt ihn ein und stopft ihn in den Käfig“, sagt Jörg Friedrich und lacht. Der Ballon fliegt wieder davon und Paulo muss es schaffen, den Käfig für immer hinter sich zu lassen.

Manche Lektionen gibt er gleich an seine Schüler weiter

Hinter der lustig anzusehenden Jagd eines Clowns nach einem roten Ballon steckt also viel mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte. „Es ist nicht so, dass ich nur Quatsch mache, oder alles immer easy ist“, sagt Jörg Friedrich. Vielmehr bringe er ernsthafte Gedanken und Probleme in einem bunten, lustigen Programm auf die Bühne. „Manchmal muss man auch über sich selbst lachen können.“

An seinem Arbeitsplatz an der Margarete-Steiff-Schule ist Jörg Friedrich natürlich auch als Clown bekannt. „Man könnte meinen, dass mich die Schüler deshalb weniger ernst nehmen, aber das ist überhaupt nicht so“, sagt er. Humor müsse im Unterricht einfach sein: „Dadurch wird vieles leichter.“ Außerdem verringere sich damit auch die Distanz zu den Schülern. „Wie auf der Bühne, zeige ich auch im Unterricht mich selbst, bin offen und weiß, dass ich Fehler machen darf“, sagt Friedrich. So könne er gleich seinen Schülern beibringen, was er als Clown gelernt hat: „Humorvoll durchs Leben gehen – das ist wichtig.“

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