Die Schalelemente, die zum Gießen der 28 Kelchstützen genutzt wurden, könnten zu einem einzigartigen und nachhaltigen Rundbau zusammengefügt werden. Foto: Stuttgart 210 weiterdenken - weiterbauen!

Noch steht ein Zirkuszelt auf der ehemaligen Aurelis-Fläche am Vaihinger Bahnhof. Mittelfristig könnte dieses durch ein Forschungsprojekt ersetzt werden.

Timon Schilling kann noch immer nicht fassen, „dass es so schön geworden ist, und dass es schon in diesem Sommer geworden ist“. Im Juli hatten er und seine Mitstreiter von der gemeinnützigen Gesellschaft Kreativhaltig zusammen mit der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft (STJG) das Circuleum ins Leben gerufen. Seitdem geht es auf dem ehemaligen Aurelis-Gelände am Vaihinger Bahnhof, das mittlerweile unter dem Namen Aufenthaltestelle Zukunft firmiert, bunt zu. Ein Zelt bietet Platz für Artistik und Konzerte. Wer sich ausprobieren will, kann verschiedene Sportgeräte im Freien nutzen. Ein Sonnensegel, ein bisschen Grün und Liegestühle laden zum Verweilen ein. Es gibt Foodtrucks und Getränke. „Es ist nicht nur Zirkus, es ist ein Kultur- und Begegnungsort“, sagte Timon Schilling jüngst in der Sitzung des Bezirksbeirats, die in dem Zelt stattfand.

 

Bis zum 21. Oktober wollen Kreativhaltig und die STJG das Gelände noch bespielen. Über den Winter muss das Zelt abgebaut werden. Doch auch dann wird es immer wieder Aktionen geben, wie zum Beispiel einen kleinen Weihnachtsmarkt. Das Circuleum ist eine sogenannte Zwischennutzung – ohne feste Bauten. Im Frühjahr 2024 soll es wiederbelebt und erweitert werden. Unklar ist aber noch immer, wie die langfristige Lösung für das Gelände aussieht. In einem umfangreichen Beteiligungsverfahren hatte die Stadtverwaltung zusammen mit Bürgern und Aktiven in Vaihingen Ideen erarbeitet. Relativ sicher ist, dass es einen sogenannten Mobilitätshub geben wird, also eine moderne Verkehrsdrehscheibe. Zudem sind neben Grünflächen eine Sporthalle und Kultureinrichtungen vorgesehen. Wie die Gebäude auf dem zwar großzügigen, aber schmalen Gelände positioniert werden könnten, will die Stadt in einer Machbarkeitsstudie untersuchen.

Abfallvermeidung und Ressourcenschonung beim Bauen

Kultur und Begegnung könnten künftig in einem ganz besonderen Rundbau stattfinden. Grundlage dafür ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Hochschulen Konstanz, Stuttgart und Karlsruhe. Der Name „Stuttgart 210 weiterdenken – weiterbauen!“ nimmt bewusst Bezug auf das Bahnhofsprojekt. Denn es geht darum, die Schalelemente wiederzuverwenden, die zum Gießen der 28 Kelchstützen genutzt wurden. Diese Schalelemente bestehen aus Brettsperrholz. Normalerweise wären sie nach dem Gebrauch zu Holzfaserdämmstoff umgewandelt oder für die Wärmeerzeugung verbrannt werden. Nun soll ihnen aber als hochwertige Bauteile neues Leben eingehaucht werden. Im Fokus steht dabei die Abfallvermeidung und Ressourcenschonung. Es geht um die Wiederverwendung, um „Re-Use“.

Von außen ähnelt der Rundbau einem Zirkuszelt. Foto: Stuttgart 210 weiterdenken - weiterbauen!

Koordiniert wird das Projekt von proHolzBW. Die Firma versteht sich als Drehscheibe rund um das Thema Bauen mit Holz. Es gibt Zuschüsse vom Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Das Bauunternehmen Züblin ist Kooperationspartner und stellt die Schalelemente kostenfrei für das Forschungsprojekt zur Verfügung. Einige liegen bereits auf dem Circuleum-Gelände, erkennbar an der Aufschrift „Konstanz“, was auf die Hochschule verweist. Die Bauteile seien markiert worden, damit sie nicht versehentlich auf dem Recyclinghof landen, erklärte Roman Kreuzer vom Projektteam im Bezirksbeirat und ergänzte: „Das Projekt bietet die einmalige Gelegenheit, außergewöhnliche Konstruktionen umzusetzen, die im Falle einer Neubestellung unbezahlbar wären. Der Innenraum wäre spektakulär und würde an ein Zirkuszelt erinnern.“

Die Stadträte im zuständigen Ausschuss nahmen das Projekt bei der Vorstellung in der vergangenen Woche positiv auf. Die Bezirksbeiräte waren zwiegespalten. Die CDU pochte auf die Dreifeld-Sporthalle, die Vaihingen dringend brauche. Aus dem öko-sozialen Lager kamen kritische Stimmen, weil mit Turnhalle und Rundbau viel Fläche versiegelt werde. Roman Kreuzer machte klar, dass es viele Interessenten für das Projekt gebe; wenn es nicht in Vaihingen gebaut wird, dann wohl an einem anderen Ort.

Circuleum
Das Circuleum hat dienstags bis freitags von 16 bis 22 Uhr geöffnet. Donnerstags lädt das Team von 17 Uhr an zum Kulturbiergarten. Am 28. September ist Karaoke geplant, am 5. Oktober gibt es mit Fire Fingers eine Feuershow. Am 19. Oktober ein Überraschungsprogramm.

Parameter
Was endgültig auf dem Gelände am Vaihinger Bahnhof entsteht, hängt von vielen Faktoren ab. Entscheidend sind die Machbarkeitsstudien zu einer möglichen Seilbahn in Vaihingen und zu einer möglichen Stadtbahn-Verlängerung in Richtung Vaihingen-West. Die Ergebnisse stehen immer noch aus. Zudem gibt es Pläne, die beiden Unterführungen umzugestalten, die zu den Gleisen führen. Großes Interesse an der Zukunft der Fläche hat auch der freie Bildungsträger Konzept-e. Dieser hat ein direkt angrenzendes Grundstück gekauft und möchte dort eine Schule bauen. Eine auch für die Vereine nutzbare Sporthalle könnte dann auf der städtischen Fläche entstehen, so die Idee von Konzept-e. Der Bezirksbeirat hat das mehrheitlich abgelehnt. Der Ausschuss für Umwelt und Technik entschied daraufhin, dass Konzept-e seine Pläne überarbeiten soll.

IBA’27-Netz
Das Gelände am Vaihinger Bahnhof soll zu einem IBA-Spotlight im Rahmen des IBA’27 Festivals 2025 werden. Das Ziel ist es, die Ergebnisse, den Ablauf und die Erfahrungen aus dem Planungs- und Beteiligungsprozess „AufentHaltestelle Zukunft: Flächen am Bahnhof Vaihingen“ sowie die bis dahin möglicherweise installierten temporären Nutzungen zu präsentieren. Der Rundbau, sofern er umgesetzt werden kann, stellt dafür einen ersten Baustein dar.