Impulse durchs Rückenmark ins Gehirn: Tübinger Ärzte setzen bei chronischen Rückenschmerzen auf die sogenannte Neurostimulation. Die Ergebnisse sind ermutigend.
Tübingen - Der Leidensweg von Susann Claus begann vor rund fünf Jahren mit einer Bandscheibenvorwölbung. Die war zwar nicht besonders groß, doch sie verursachte starke Schmerzen in Hüfte und Beinen bei der damals erst 35 Jahre alten Frau. Ein erster Orthopäde verschrieb ihr Rehasport und empfahl Akupunktur. „Die Schmerzen wurden noch schlimmer“, berichtet Claus. Ein zweiter Orthopäde operierte die Bandscheibenvorwölbung dann minimalinvasiv: Gesundes Bandscheibengewebe wird dabei durch Hitzeeinwirkung zerstört, die vorgewölbte Bandscheibe schrumpft und zieht sich wieder zurück.
Doch „Hitze heizt degenerative Prozesse erst richtig an“, kritisiert der Neurochirurg Bernhard Meyer von der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik der TU München. Kurzzeitig hatte Claus weniger Schmerzen, doch die kamen bald mit voller Wucht zurück und wurden stärker als zuvor. Inzwischen war Claus arbeitsunfähig. In den nächsten Jahren folgten Aufenthalte in Schmerzkliniken, Reha, Sport und Physiotherapie sowie die Einnahme größerer Schmerzmittelmengen und sogar von Opioiden. Diese machten sie benommen und das Autofahren unmöglich.
Die gesetzlichen Krankenkasse bezahlen die Behandlungsmethode
„Ich war ziemlich verzweifelt, weil ich so viel probiert hatte, und nichts hat geholfen. Die Vorstellung, den Rest meines Lebens mit diesen Schmerzen dahinzuvegetieren, war ein echter Horror“, erinnert sich Susann Claus. Der Tipp einer Freundin führte sie schließlich ins Universitätsklinikum Tübingen. Die dort vorgenommene Dekompressions-OP und alle sonstigen umfassenden Maßnahmen brachten aber nur kurzzeitig Linderung. Nachdem alle konservativen Therapieoptionen ausgeschöpft waren, schickten die Tübinger Ärzte sie zu ihrem Kollegen, dem Neurochirurgen Matthias Morgalla. Er leitet den Bereich Neurochirurgische Schmerztherapie der Neurochirurgischen Klinik am Uniklinikum Tübingen.
Für Claus war das der glückliche Wendepunkt. Morgalla machte sie mit der Neurostimulation bekannt. Zunächst war Susann Claus skeptisch, weil sie noch nie etwas von dieser Therapie gehört hatte. Die Skepsis war schnell weg, denn die von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlte Behandlungsmethode kann die Schmerzsignale auf ihrem Weg durch die Nervenfasern zum Gehirn modifizieren, den Schmerz quasi „wegstimulieren“. Zudem sind die Risiken laut Morgalla hierbei deutlich geringer ist als bei anderen Rückenoperationen – etwa an Bandscheiben.
Elektrische Impulse stimulieren das geschädigte Nervengewebe
Im Zuge eines minimalinvasiven Eingriffs im Wachzustand wird eine Elektrode – also ein dünner Draht – in der Nähe des Rückenmarks platziert, und zwar dorthin, wo die zu den Schmerzen zugehörigen Nervenfasern verlaufen. Das geschädigte Nervengewebe wird dann von außen durch elektrische Impulse stimuliert. Das Verfahren nennt sich Burst-Stimulation und ist eine Art „Salven“-Stimulation. Die Methode operiert mit gebündelten Impulsen, deren Abfolge in einem bestimmten Grundrhythmus unterbrochen wird.
Seit drei bis vier Jahren setzt Morgalla die Burst-Stimulation zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen ein. Auch einige andere größere Unikliniken arbeiten damit. „Die schnellen hochenergetischen Impulse können tief ins Rückenmark eindringen, um genau dort, wo die Schmerzsignale in Richtung Gehirn umgeschaltet werden, wirksam zu sein“, sagt Morgalla. „Die Burst-Stimulation ist zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen optimal, weil auch das Nervensystem selbst Informationen in Form bestimmter elektrischer Impulse übermittelt.“ Das Gehirn empfängt diese Impulse und verarbeitet sie. Sind Nerven beschädigt, übersetzt das Gehirn die ankommende gestörte Information als Schmerz.
Das Gehirn interpretiert die Signale nicht mehr als Schmerz
Die Neurostimulation überschreibt die fehlerhafte Information gewissermaßen gleich zu Beginn. Die im Gesäß eingepflanzte Steuerungseinheit und die implantierte Elektrode arbeiten nämlich ebenfalls mit Burst-Impulsen. Die zum Gehirn gelangenden Signale werden dadurch nicht mehr als Schmerz interpretiert. „Dieses sehr effektive und auch langfristig einsetzbare Verfahren nutzt die Sprache des Gehirns für die Therapie von Nervenschmerzen“, erklärt der Schmerztherapeut Gerhard Müller-Schwefe, leitender Arzt des Schmerz- und Palliativzentrums Göppingen. Der geschulte Patient kann seine Schmerzen selbst kontrollieren, indem er die Frequenz der elektrischen Signale über einen kleinen Schrittmacher möglichst optimal einstellt.
Die Neurostimulation wird schon länger zur Behandlung neuropathischer Schmerzen in Beinen und Füßen eingesetzt. „Dafür eignet sich eine tonische Stimulation, die an ‚Da, da, da, da‘ erinnert – mit Impulsen in niedriger Frequenz und gleichbleibenden Abständen“, erläutert Morgalla. „Zur Behandlung von Rückenschmerzen ist die tonische Stimulation aber ungeeignet, weil man sich an die Stimulation gewöhnt, so dass die Wirkung nachlässt.“ Auch bei der Burst-Stimulation kann es laut Morgalla grundsätzlich zu einem Gewöhnungseffekt kommen. „Aber es besteht die Möglichkeit, die Impulsabfolge so zu verändern, dass erneut eine signifikante Schmerzlinderung einsetzt.“
Die Patientin fühlt sich heute wie neugeboren
Bislang hat Morgalla hundert Patienten mit der Burst-Stimulation behandelt. Die erzielten Ergebnisse seien gut. Langzeiterfahrungen liegen jedoch noch nicht vor. Nachdem die Elektroden implantiert wurden, bleiben die Patienten für ein bis zwei Kontrolltage im Krankenhaus. Danach folgt eine einwöchige Testphase unter Belastung zu Hause, nach der sich etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten zufrieden äußern. „Auf einer Skala von null gleich kein Schmerz bis zehn gleich nicht auszuhalten kann der Schmerz auf etwa drei abgesenkt werden.“ In einer zweiten OP wird den Patienten dann der aufladbare Schrittmacher im Gesäß implantiert.
Susann Claus fühlt sich heute wie neugeboren. „Bereits nach Einsetzen der Testelektrode im März 2018 war ich stundenlang schmerzfrei. Das war ein unglaubliches Gefühl“, erinnert sie sich.