Schon Haltungsfehler, die zu Rückenschmerzen führen, können einen steten Fehlalarm im Gehirn bedingen. Foto: dpa/Arno Burgi

Chronisch Schmerzkranke versuchen mit Tabletten ihr Leiden zu lindern – mit riskanten Folgen. Ein Patient erzählt von seinen Erfahrungen und berichtet, was ihm wirklich geholfen hat.

Stuttgart - Peter Baumers Rücken schmerzt. Das tut er schon seit einem Vierteljahrhundert – jeden einzelnen Tag. Mit Mitte vierzig wurde der ehemalige Angestellte bei der Post wegen seines Leidens in Frührente geschickt. Ein halbes Dutzend Mal wurde er operiert. „Ich habe akzeptieren müssen, dass ich ein Leben lang Schmerzen haben werde“, sagt der 66-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte.

 

Dass Menschen Schmerzen empfinden können, ist ein überlebenswichtiger Mechanismus. Doch dieser ist störanfällig – wenn nämlich die Signale des Körpers nicht mehr aufhören zu feuern, die Schmerzbahnen überstrapaziert sind und die Nervenentwicklung so manipuliert wird, dass jede Bewegung oder Berührung schmerzhaft ist.

Jeder Dritte im Land hat chronische Schmerzen

Aus einer aktuellen Umfrage der AOK Baden-Württemberg unter 1510 Teilnehmern geht hervor, dass gut jeder Dritte im Land von chronischen Schmerzen betroffen ist, die mindestens drei Monate fast täglich auftreten. Elf Prozent leiden so gut wie immer darunter, ein Viertel beklagt oft wiederkehrende Schmerzen. Das trifft nicht nur Ältere: Rund ein Viertel der 30- bis 59-jährigen Befragten hat immer wieder mit einem schmerzenden Bewegungsapparat zu kämpfen.

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Bei Baumer war es eine sogenannte Osteochondrose, eine verschleißbedingte Veränderung der Bandscheibe und der angrenzenden Knochen, die zu seinen steten Schmerzen geführt hat. Doch es braucht nicht unbedingt eine Erkrankung oder eine Operation. So können schon Haltungsfehler, die zu Rückenschmerzen führen, einen steten Fehlalarm im Gehirn bedingen.

Mit den Schmerzen verändert sich die Psyche

Peter Baumer hat jahrelang Tabletten geschluckt, „um irgendwie zu funktionieren“, wie er sagt. „Manchmal haben sie geholfen, dann wieder nicht.“ Die dauerhafte Einnahme führte zu Schäden bei Niere, Magen und Leber. Gleichzeitig fing der Schmerz an, den Menschen zu verändern. Einst führte Baumer seine Frau abends gerne zum Tanzen aus und lud an Wochenenden zu Wanderausflügen ein. Dann zog er sich immer weiter zurück. Das hatte Auswirkungen auf die Psyche. „Ich wurde insgesamt empfindlicher und im Umgang mit anderen aggressiver.“ Die Pflege eines nahen Angehörigen bis zu dessen Tod setzte ihm emotional extrem zu. Baumer griff zum Alkohol. „Ich konnte mein Leben nicht mehr anders ertragen.“

Es gibt noch zu wenig Schmerzmediziner

Bei chronischem Schmerz gibt es irgendwann meist keine akute körperliche Ursache mehr. Dauert die Pein Jahre an, hinterlässt dies Spuren im Gehirn. Ein Schmerzgedächtnis entsteht. Dann genügen kleinste Reize, um das komplexe Schmerzsystem in Gang zu bringen. Emotionale, psychische und soziale Faktoren können es zusätzlich befeuern. Es gibt aber noch zu wenig Ärzte mit einer speziellen Weiterqualifikation, bemängelt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin. Derzeit stehen nur etwas mehr als 1300 ambulant tätige Schmerzmediziner zur Verfügung. Für eine flächendeckende Versorgung bräuchte es mindestens 10 000 Fachärzte.

Viele Patienten suchen jahrelang nach Hilfe

Und die Zahl der Patienten wächst: Chronische Schmerzerkrankungen werden häufiger diagnostiziert, besagen auch die Umfrageergebnisse der AOK – vermutlich auch, weil die soziale Akzeptanz und die Sensibilität für dieses Leiden gestiegen sind, sagen Experten wie der Anästhesist Stefan Junger vom Klinikum Stuttgart. Die Folge dieses Ungleichgewichts: „Viele Betroffene suchen jahrelang vergeblich nach Hilfe.“

Stefan Junger leitet die ambulante und stationäre Schmerztherapie am Klinikum Stuttgart. Dort werden Patienten interdisziplinär und multimodal schmerzmedizinisch behandelt. „Schmerzfreiheit als einzig akzeptables Ziel ist unrealistisch“, sagt er. Vielmehr geht es darum, dass der Patient die Mechanismen chronischer Schmerzerkrankungen versteht und den Schmerz akzeptiert. „Wir können den Patienten zeigen, dass sie den Schmerz beeinflussen können.“ Dabei hilft ihnen ein Team aus Orthopäden, Neurologen, Schmerzmedizinern, Psychologen sowie Ergo- und Physiotherapeuten.

Die Wahrnehmung von Schmerzen verändert sich

Baumer hat viele Ärzte kennengelernt, die mal dies und mal das versucht haben, den Schmerzen aus seiner Warte aber nicht gründlich auf den Grund gegangen sind. Seit 2018 ist er per Zufall zu Junger in Behandlung gekommen. Am Anfang wurde er umfassend untersucht. Daraufhin wurden unter anderem die Medikamente angepasst. Der 66-Jährige absolviert Besuche bei der Krankengymnastik und übt sich in Strategien, die ihm dabei helfen, den Schmerz zu bewältigen. Auch eine psychotherapeutische Behandlung hat er angenommen. Auf einer Skala von null bis zehn verortet er regelmäßig sein Schmerzempfinden. Zu Beginn der Therapie waren die Schmerzen so stark, dass sie die Stufe acht belegten. „Heute bin ich bei der Stufe vier angelangt.“ Sein Leben ist immer noch eingeschränkt, aber anders als vor ein paar Jahren ist er zuversichtlicher. „Ich habe mehr Vertrauen in meinen Körper und lasse mich nicht so leicht unterkriegen.“

Wo Betroffene Hilfe finden

Häufigkeit
 Rund 3,9 Millionen Bundesbürger leiden der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) zufolge an dauerhaften, schweren Schmerzen, die mehr als drei Monate oder länger fast täglich auftreten. Zu den häufigsten chronischen Schmerzerkrankungen zählen nicht-spezifische Rückenschmerzen sowie primäre Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne und Spannungskopfschmerz. Auch das Fibromyalgiesyndrom, Gelenkbeschwerden wegen Arthrose oder rheumatischer Erkrankungen sind häufig sowie neuropathische Schmerzen – also solche, deren Ursache eine Störung des Nervensystems ist.

Hilfe
Die Deutsche Schmerzliga (schmerzliga.de) hat ein Schmerztelefon eingerichtet. Montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr: 069 / 20 019 019. Montag- und Mittwochabend von 18 bis 20 Uhr: 06201/60 49 415. Hilfe vermittelt auch die DGS, schmerzgesellschaft.de. Die AOK Baden-Württemberg hat zudem eine Kampagne aok.de/bw/leib-und-seele gestartet, um Menschen für das Thema Schmerzen zu sensibilisieren und chronischen Beschwerden vorzubeugen.