Europa-Geschäftsführer von Christie’s: Dirk Boll Foto: Muir Vidler

An diesem Dienstag setzt das Kunstmuseum Stuttgart die Gesprächsreihe „Private View. Privat gesammelt – öffentlich präsentiert“ fort. Unter den prominenten Gästen: Christie’s-Europa-Geschäftsführer Dirk Boll.

Herr Boll, „Privatsammler, Händler und Auktionatoren bestimmen zunehmend die Diskussion um die Kunst“, heißt es in der Ankündigung für den heutigen Abend. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Auktionshäuser?
Es scheint, dass sich die Globalisierung ­asymmetrisch auf den Markt ausgewirkt hat. Im markenaffinen Medienzeitalter sind naturgemäß globale Unternehmen im Vorteil, die Aufmerksamkeit von Marktneulingen auf sich zu ziehen – und diese großen Marken waren eher die der Auktionshäuser als der Galerien. Hinzu kommt, dass der Prozess des Versteigerns vielen Unternehmern in diesen Ländern vertraut ist, schließlich werden Bohrlizenzen, Schürfrechte oder Gebrauchtwagen per Auktion vergeben. Vertrauen in die Marke und in den Prozess haben die Auktionshäuser in aufstrebenden Regionen überdurchschnittlich erfolgreich und zu den Gewinnern der Globalisierung gemacht.
Die Auktionshäuser, führend Christie’s und Sotheby’s, sind mehr und mehr im sogenannten Primärmarkt aktiv. Dieser wurde lange von Händlern beziehungsweise Galerien erschlossen und bedient. Wohin führt diese Entwicklung?
Ich habe das Gefühl, dass es sich hierbei vor allem um eine historische Entwicklung handelt. Vor zehn bis 15 Jahren war das in der Tat so, und alle größeren Auktionshäuser haben eigene Galerien gekauft oder gegründet – von denen heute keine einzige mehr existiert. Künstler wollen mehrheitlich nicht von Galerien vertreten werden, die ein Arm eines Auktionshauses sind, und das ist ja auch einleuchtend. Die großen beiden Häuser halten sich sehr zurück und vermeiden weitestgehend, „atelierfeuchte“ Werke anzubieten. Andere wiederum werben damit, dass man die größte Zahl von jungen Künstlern auf den Sekundärmarkt bringe. Vor zehn bis 15 Jahren war das eine Strategie der gesamten Industrie, heute nur noch die Entscheidung eines einzelnen Unternehmens, um sich vom Wettbewerb abzusetzen.
Haben wir es unter dem Strich nicht doch mit einer starken Umwälzung und einem Verdrängungswettbewerb zu tun?
In der Tat ist die zunehmende Privatvermittlung durch Auktionshäuser die größte Strukturveränderung unserer Zeit. ­Auktionshäuser haben sich als gleichberechtigtes Distributionssystem neben dem Modell der Galerien und der Kunstmessen etabliert, mit allen ökonomischen Folgen, die ein Markt so kennt.
Gleichwohl – bleibt den Privatgalerien bald nur die Rolle als Erstbühne, die schon bei der zweiten Ausstellung Gefahr laufen, ihre Akteure an Christie’s & Co. zu verlieren?
Wohl kaum. Christie’s & Co. verkaufen Objekte, die Unternehmen des Primärmarktes entdecken, betreuen, entwickeln und vermitteln deren Werke nicht nur kommerziell, sondern auch inhaltlich. Die Künstler sind die zentralen Akteure hier und wissen, was sie an ihren Galerien haben. Migration findet da eher vom kleinen zum größeren Anbieter statt.
„Die Preise für Kunst steigen – umso wichtiger wird die Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Kunstsammlungen, vor allem bei der Schließung von Lücken in den Museumsbeständen“, heißt es in der Ankündigung für diesen Dienstag in Stuttgart. Treiben nicht aber die Auktionshäuser die Preise – und empfehlen sich nun zugleich als Retter?
Außer den Museen haben alle ein Interesse an steigenden Preisen: Künstler, Sammler, Galerist, Auktionator, Berater, Versicherer. Aber eben nicht jederzeit und um jeden Preis, denn man konnte in der Vergangenheit erleben, dass Kreativität ein zartes Pflänzchen ist, das an zu raschem Wertzuwachs ­ersticken kann. Da es keine übergeordnete Kontrolle gibt, kann die Lösung nur in einem vernünftigen Zusammenspiel der Beteiligten liegen.
Galerien leben heute ökonomisch weitgehend von Messeverkäufen. Auch die Auktionshäuser stehen unter Innovationsdruck. Welche sind dabei besonders wichtig?
Alle kommerziellen Marktteilnehmer müssen immer spezialisiertere Kundenwünsche erfüllen, und das in immer kürzerer Zeit, denn die nächste Messe- oder Auktionssaison steht vor der Tür. Größte Herausforderung bleibt die Gewinnung von Sammlernachwuchs.
Anders als bei Galerien gibt es bei Auktionshäusern ausschließlich schriftlich fixierte ­An- und Verkäufe. Umgehen Sie so die Rückgabe-Mentalität?
Das Auktionsgeschehen ist ja im Detail im Gesetz geregelt, vor allem die Abläufe und die Gewährleistungen beziehungsweise deren Ausbleiben: „Gekauft wie besehen“ lautet hier das Stichwort. Trotzdem geben seriöse Auktionshäuser freiwillig Gewährleistung auf Katalogangaben. Nur die Begründung des Schuhkäufers, dass das Bild „nicht passt“, gilt nicht als Reklamationsgrund.
Jede Auktion ist ein Ereignis. Aber es gibt sicher auch für Sie noch besondere Auktionen. Was dürfen wir aus Ihrer Sicht nicht verpassen?
Unsere New Yorker Auktion mit Nachkriegskunst ist eine solche Ansammlung von Meisterwerken, dass einem der Atem wegbleibt. So banal es ist – denn Kunst hat ja eben nicht nur mit Größer, Höher, Weiter, sprich Teurer, zu tun – , aber diese Werke möchte ich leibhaftig sehen. Ansonsten ­freue ich mich auf die Pariser Fotoauktion mit Werken aus der Sammlung des Sammlers Kaspar Fleischmann, deren Erlös dem Lehrstuhl für Fotografie an der Universität ­Zürich zugutekommt.