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Christian Träsch über seine Titelträume beim VfL Wolfsburg und sein neues Kapitänsamt.

Düsseldorf - Im Sommer ist Christian Träsch vom VfB Stuttgart zum VfL Wolfsburg gewechselt - wegen der besseren sportlichen Perspektiven. Angesichts des schleppenden Ligastarts sieht es aber so aus, als sei er vom Regen in die Traufe gekommen.

Herr Träsch, herzlichen Glückwunsch, Sie sind am gestrigen Donnerstag 24 Jahre alt geworden. Hat Bundestrainer Joachim Löw Ihnen denn ein Ständchen gesungen?
Nein, bei der Nationalmannschaft laufen Geburtstage ähnlich ab wie zu Hause. Beim Frühstück kommen alle und gratulieren. Ein Ständchen gibt es nicht.

Auch keine Geschenke?
Nein. (Pause.) Oh doch: Unser Koch Holger Stromberg hat einen Kuchen gebacken.

Da lässt es sich aushalten. Man sagt, die Nationalmannschaft sei eine Art Wohlfühloase für Spieler, bei denen es im Ligaalltag nicht besonders gut läuft. Stimmt das?
Hier trainieren wir ganz anders als im Verein, ich habe andere Leute um mich herum, insofern kann ich schon etwas abschalten. Andererseits hätten wir jetzt Zeit, in Wolfsburg etwas zu korrigieren.

Haben Sie noch den Überblick, wen Ihr Trainer und Manager Felix Magath denn gekauft oder verkauft hat?
Ich denke schon. Der Trainer hat eine komplett neue Mannschaft aufgebaut. Wir sind jetzt 27 Spieler. Da ist es wichtig, dass wir uns rasch kennenlernen.

Den einen oder anderen kennen Sie ja schon. Thomas Hitzlsperger, Alexander Hleb, Diego Benaglio, Magath und Sie selbst bilden ja eine kleine VfB-Filiale.
Ja, schon, aber ich habe in Stuttgart ja nur mit Hitze und Alex zusammengespielt.

Hleb hat beim VfB und danach die Erwartungen nicht erfüllt. Was erwarten Sie von ihm?
Alex ist beim VfB unter Magath groß rausgekommen. Er besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten. Jetzt ist es wichtig, dass er nach seiner Meniskusoperation schnell fit wird.

"Wollte schon immer unter Magath trainieren"

Der Ruf, der dem Trainer Magath vorauseilt, hat Sie nicht abgeschreckt?
Als ich bei 1860 München Spieler war und er Trainer beim FC Bayern, habe ich schon gesagt: Unter ihm möchte ich einmal trainieren. Mir hat seine Art schon immer imponiert. Ich habe sowieso eine Luftveränderung angestrebt, und das hat mich in meinem Wunsch nach einem Wechsel bestärkt.

Und - haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Felix Magath legt viel Wert auf Disziplin. Und er trainiert ein bisschen anders. (Schmunzelt.) Na ja, bei ihm ist man einfach fit. Aber der Erfolg, den er zuletzt bei jedem Verein hatte, gibt ihm recht. Unter ihm sehe ich gute Chancen, über kurz oder lang mit Wolfsburg einen Titel zu gewinnen.

Was war wirklich ausschlaggebend für Ihren Wechsel? Die sportliche Perspektive kann es ja nicht gewesen sein, siehe das Pokal-Aus und drei Punkte aus den ersten vier Spielen.
Ich habe immer die langfristige Perspektive gesehen. Felix Magath versucht, langfristig etwas aufzubauen. Dabei hat er andere finanzielle Möglichkeiten als der VfB.

Gutes Stichwort. Was sagen Sie denen, die behaupten, Sie seien nur dem Lockruf des Geldes gefolgt? Immerhin hätten Sie beim VfB drei Millionen Euro pro Saison verdient, in Wolfsburg soll es eine Million mehr sein.
Ich verstehe, dass viele Fans das so sehen. Doch sie sehen nur das Jetzt. Aber ich muss für die Zukunft planen. Und da sind in Wolfsburg für mich viele Möglichkeiten gegeben, etwas Positives zu erreichen.

Auch deshalb, weil Sie im zentralen Mittelfeld spielen können?
Das war ein großer Faktor bei meiner Entscheidung. Beim VfB hatten Trainer Bruno Labbadia und Manager Fredi Bobic andere Vorstellungen, sie hatten mit mir auf der rechten Abwehrseite geplant.

Was ist daran so schlimm?
Ich spiele gerne mal hinten rechts, aber ich sehe mich eher im zentralen Mittelfeld. Ich habe gern das Spiel um mich herum. Das ist meine Lieblingsposition.

"Dem VfB habe ich viel zu verdanken"

In der Nationalmannschaft ist die rechte Abwehrseite erst mal verwaist, weil Philipp Lahm jetzt links spielt. Im zentralen Mittelfeld gibt es dagegen viele Spieler mit sehr hoher Qualität, zumal defensiv.
Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Toni Kroos, ich weiß. Aber rechts hinten ist die Konkurrenz auch groß. Da sind Jérîme Boateng oder Benedikt Höwedes. Das ist auch kein Selbstläufer.

Wie überrascht waren Sie, als Ihnen Felix Magath in Wolfsburg das Kapitänsamt angetragen hat?
Sehr überrascht, ich habe mich gefreut und gewundert. Schließlich war ich erst eineinhalb Wochen da. Das ist eine große Ehre für mich.

Was ändert sich dadurch für Sie? Treten Sie jetzt anders auf?
Ich bin generell nicht der Typ, der auf dem Platz jemanden zusammenschreit. Und ich bin sowieso der Meinung, dass der Kapitän nicht allein für alles verantwortlich ist.

Das konnte man vergangenes Wochenende lesen. Nach dem 0:3 in Freiburg sind Sie aus der Haut gefahren und haben Ihren Mitspielern vorgeworfen: ,Jeder kocht sein eigenes Süppchen, jeder denkt zu sehr an sich.' Sind Sie selbst erschrocken?
Das musste ich einfach ansprechen. Es ist klar, dass wir als neu zusammengestellte Mannschaft noch nicht funktionieren können. Aber ich habe es ja vergangene Saison beim VfB erlebt: Als jeder für den anderen gelaufen ist, sind die Punkte gekommen.

Als Kapitän muss man nicht, aber man kann ein Buch schreiben. Haben Sie das Werk von Philipp Lahm schon gelesen?
Ich bin nicht so der Viel-Leser.

Was bedeutet Ihnen der VfB noch?
Beim VfB bin ich zum Bundesligaspieler geworden, ich habe dem Verein viel zu verdanken. Der VfB bleibt immer etwas Besonderes für mich.

Vergangene Saison sind Wolfsburg und der VfB um ein Haar abgestiegen. Und diesmal?
Ich drücke dem VfB weiter die Daumen, aber Priorität hat natürlich Wolfsburg. Ich denke, eine gute Saison wäre es, wenn am Ende beide international spielen würden.

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