Teodor Currentzis Foto: EFE / TEATRO REAL

Seit 2011 ist der Grieche Teodor Currentzis Chefdirigent der Oper im sibirischen Perm. Ab Herbst 2018 übernimmt der 45-Jährige als erster Chefdirigent das SWR-Symphonieorchester Stuttgart und Baden-Baden.

Stuttgart - Dirigieren, sagt Teodor Currentzis, ist Magie. „Gib deiner Fantasie Raum!“, zitiert der Schlacks mit Vorliebe seinen russischen Lehrer Ilia Musin, der eine Generation von Dirigenten prägte, und weil dieser Leitspruch nicht nur für den Mann am Pult gelten soll, lässt Currentzis Orchestermusiker gerne mal die Augen schließen, während er seine langen Arme schwingt. Wenn sie dennoch präzise seinen Zeichen folgen, dann ist das ein Wunder – finden neben ihm selbst die Mitglieder und Management-Abteilungen der besten Orchester rund um den Erdball und laden den 1972 in Athen geborenen Mann trotz seiner Exzentrik und trotz mancher extremer Vorgaben bei Tempi, Dynamik und klangfarblicher Gestaltung immer wieder gerne zu sich ein. So jettet Currentzis vom Opernhaus im sibirischen Perm aus, das er seit 2011 leitet, durch die Welt, so hat er auch beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR gastiert, so ist er Erster Gastdirigent beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg geworden, und so kommt es, dass er zwei Jahre nach der Fusion beider Orchester zum neuen SWR-Symphonieorchester Stuttgart und Baden-Baden dessen erste musikalische Leit- und Leuchtfigur werden soll.

Mit Beginn der Saison 2018/2019 wird der charismatische Grieche das seit September 2015 bestehende und immer wieder hörbare Vakuum an der Spitze des neuen Klangkörpers füllen. Für den SWR ist die Verpflichtung ein Coup: Mit Currentzis hat man einen international gefragten Taktstock-Star gewonnen, der Aufsehen erregt, niemanden kalt lässt, ja der mancher ungewöhnlicher Interpretationsansätze wegen schon als „Che Guevara der Klassikszene“ bezeichnet wurde. Seine Einspielungen von Mozarts Da-Ponte-Opern machten mächtig Furore, erst 2016 krönte ihn das Fachmagazin „Opernwelt“ zum „Dirigenten des Jahres“ (was sicherlich auch in seinem feinen Gefühl für Stimmen gründet).

Vielseitigkeit als Stärke

Und, nicht unwesentlich: Currentzis ist vielseitig. Auch stilistisch ist er ständig unterwegs zwischen den Welten, dirigiert hier das von ihm selbst am Opernhaus von Nowosibirsk gegründete sibirische MusicAeterna-Ensemble, das auf historischen Instrumenten und auf der Basis der historisch informierten Aufführungspraxis spielt, und steht dort an den Pulten großer philharmonischer Apparate. Dass er die Leitung des Eröffnungskonzertes beim Neue-Musik-Festival in Donaueschingen 2012 kurzfristig absagte, bei dem dann wild und öffentlich gegen die just beschlossene Orchesterfusion des SWR protestiert wurde, hat man ihm aus verschiedenen Gründen übel genommen. Einem gestörten Verhältnis zur zeitgenössischen Musik dürfte sein Rückzug indes nicht geschuldet sein, denn Grenzenlosigkeit gehört zur Natur dieses Künstlers.

Sie betrifft musikalische Stile ebenso wie Hörgewohnheiten: Immer wieder wird bei Teodor Currentzis das Außerordentliche zum Normalen, ja Normativen, Apollinisches steht neben Dionysischem, und Kontraste und Risiko werden in einer Weise kultiviert, dass selbst Studioaufnahmen unter ihm oft eine Aura des Live-Musizierens innewohnt. So hat der Dirigent zuletzt gemeinsam mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja (die ihm an Exzentrik nicht nachsteht) Tschaikowskys Violinkonzert eingespielt, und das Ergebnis ist so individuell und lustbetont, dass man die im Gegenzug zerfallenden Bögen dafür geradezu jauchzend in Kauf nimmt.

Jeder Takt ist ein Ereignis

Als Currentzis 2014 als Gast am Pult des Staatsorchesters stand, hat er dem letzten Satz von Tschaikowskys sechster Sinfonie, der „Pathétique“, trotz extremer Tempi zu genau jenes ganz persönliche Requiem implantiert, der dem Komponisten vorgeschwebt haben dürfte. Damals noch mit Zopf am Hinterkopf (heute trägt man die Haare eher kurz), stoppte, staute und beschleunigte der Dirigent den musikalischen Fluss in diesem Werk derart, dass man nur staunen konnte über die hohe Kunst und Disziplin des Orchesters, die in ebenso präzise gesetzten wie dramatisch packenden, wirklich unerhört wirkenden Klangmomenten gipfelte.

Teodor Currentzis ist ein Mann des Feuers und des trotzigen Eigensinns. Bei ihm hat alles Spannung, und jeder Takt, jeder Klang will Ereignis sein: ein Individuum. „Entscheidend ist es nicht, ein Stück zu studieren, sondern sich selbst lesen zu lernen“: Diesen Satz hat er gesagt, als er noch Chefdirigent an der Oper von Nowosibirsk war, in deren oberstem Stockwerk er damals wohnte; wenn er dann von oben zur Premierenparty im Dirigentenzimmer herunterstieg, wandelte er sich im Handumdrehen vom Einsiedler zum Lebemann der Kunst. Das steckt nämlich beides in ihm. Natürlich, hat Currentzis damals eingeschränkt, müsse ein Dirigent sich nicht nur selbst lesen lernen“, sondern außerdem noch „andere glauben machen, dass das, was er liest, richtig ist“. Aber das sei eine Kleinigkeit - wenngleich eine wichtige, denn die meisten Instrumentalisten seien heute „musikalisch tot“, weil sie mit Noten und Partituren nichts wirklich Eigenes anzufangen wüssten.

Teodor Currentzis’ eigenes Ensemble ist eine Forschertruppe

Auch um dies zu ändern, hat der Dirigent sein eigenes Ensemble gegründet: MusicAeterna soll keine Puristen-Truppe sein, sondern eine Art offenes, undogmatisches, flexibles Forscherteam, das vor allem zwei herausragende Qualitäten hat: Instinkt und Wissen. „Wenn Musiker diese Eigenschaften nicht haben, machen sie denselben Job wie Fabrikarbeiter, und als Dirigent kann man keine Liebesbeziehung zu ihnen haben, sondern ist nichts anderes als ein pragmatischer, manchmal auch grausamer Vorarbeiter.“

Ab Ende 2018 wird sich herausstellen, ob auch die Beziehung von Teodor Currentzis zum SWR-Symphonieorchester eine Liebesbeziehung wird. Sein Vertrag geht (zunächst) über fünf Jahre und legt eine Präsenz von zehn bis zwölf Wochen (einschließlich Proben) pro Saison fest. Ende Juli ist der designierte Chef als Dirigent von Mozarts „La Clemenza di Tito“ bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele zu erleben, und im Januar 2018 wird er als Gast in Stuttgart und Freiburg Bruckners neunte Sinfonie dirigieren. Man darf und muss gespannt sein, bei Currentzis immer und sowieso.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: