Immer wieder wird Dickens’ Weihnachtsspuk neu verfilmt: hier das Plakatmotiv von Robert Zemeckis’ Kinovariante von 2009. Foto: imago images/Everett Collection/Walt Disney Co.

Guter Horror verkauft sich auch gut. Lange vor Stephen King wusste das Charles Dickens. Seine beliebte „Weihnachtsgeschichte“ von 1843 hat zu einem Geisterboom geführt.

Stuttgart - Vielleicht, aber auch nur vielleicht, ist die Geschichte von der Geburt des Jesuskindleins in einer miserablen Last-Minute-Unterkunft in Bethlehem noch immer die bekannteste Weihnachtsgeschichte der Welt. Dicht auf den Versen ist dieser Mär aber die 1843 erstmals erschienene „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. Wenig anderes aus dem 19. Jahrhundert ist so frisch geblieben wie diese x-fach verfilmte, unzählige Male kopierte und variierte Mär von der Wandlung des hartherzigen Geizhalses und Menschenschinders Ebenezer Scrooge zum Wohltäter und Menschenfreund.

 

Dickens’ beliebtester Text ist eine gelungene humanistische Offensive. Aber auch Literatur hat Risiken und Nebenwirkungen: die „Weihnachtsgeschichte“ kann man gut und gerne als Initialzündung des modernen Horrorbooms sehen. Darüber sprechen Freunde des Feingeistigen nicht so gerne, obwohl sich Dickens’ Miniroman doch fraglos um die hochdramatischen Auftritte von drei übernatürlichen Wesen dreht, um die Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der künftigen Weihnacht. Ebenezer Scrooge lernt das Gruseln, bevor er das Freundlichsein lernt.

Beispiellos erfolgreich

Charles Dickens (1812-1870) setzte die Feder nicht mit dem Vorsatz aufs Papier, einen wahren Horrorboom auszulösen. Er wollte wirklich auf das Schicksal der Armen und Ausgebeuteten in einer kaltherzigen Welt der Profitgierigen aufmerksam machen. Aber er brauchte, als er „A Christmas Carol in Prose“ im Eiltempo verfasste, auch dringend selbst Geld.

Als emsiger und talentierter Journalist und Romanautor hatte er sich aus den elenden Verhältnissen seiner Kindheit und Jugend herausgeschuftet. Er war als Autor beispiellos erfolgreich, seine in Fortsetzungen erscheinenden Romane, etwa „Oliver Twist“ und „Der Antiquitätenladen“ hatten das Buch- und Zeitschriftengeschäft in neue Dimensionen katapultiert. Folglich hatte der lebensfrohe Dickens ein großes Haus in London gekauft und Umbauten beauftragt, er ließ sich und seine Familie von fünf Hausangestellten umsorgen, gab seinem Drang nach extravaganter Garderobe nach und prasste auch anderweitig.

Plötzlich hoch verschuldet

Und dann lieferte er unversehens den Flop „Barnaby Rudge“, einen Fortsetzungsroman, den die Leser verschmähten. Mit einmal war Dickens völlig überschuldet. Er brauchte umgehend, noch vor Jahresende 1843, einen Bestseller. Ein herzzerreißender Appell ans soziale Gewissen würde aller Erfahrung nach gut ankommen – aber ein paar eindrucksvolle Gespenster konnten nicht schaden.

Charles Dickens, wird gerne behauptet, habe mit der „Weihnachtsgeschichte“ das heutige Weihnachtsfest erfunden. Das ist arg zugespitzt, aber kein ganz wirres Zeug. Das englische Weihnachtsfest war damals kein glanzvoller Höhepunkt des Jahres. Das wurde schon vor Dickens Märchen beklagt, es gab auch allerlei Reformbemühungen. Aber „A Christmas Carol“ wurde zur Lokomotive der Bewegung. Der Text entzündete eine Sehnsucht nach innigen Weihnachtsfeiern, nach festlichem Innehalten, die das praktische Leben veränderte.

Nun werden Geister beschworen

So ähnlich verhält es sich mit Dickens’ Gespenstern. Spuk und Unheimliches waren lange schon Teil der Literatur, aber die langstieligen gotischen Romane des 18. Jahrhunderts wirkten mittlerweile schwerfällig und ungelenk. Um die sich stetig weitende Menge der Leselustigen zu erreichen, war die geraffte, effektbewusste Gespenstergeschichte ein gutes Mittel – und die „Weihnachtsgeschichte“ zeigte allen, wie hoch ein guter Spuk fliegen konnte.

Danach wuchs sich die Gespenstergeschichte in England zu einer der beliebtesten Unterhaltungen des 19. Jahrhunderts aus. Parallel dazu erlebte der reale Spiritismus einen unglaublichen Aufschwung. Echte Versuche der Geisterbeschwörung in bürgerlichen Haushalten waren an der Tagesordnung. Die wöchentlichen Auftritte von Spukerscheinungen in allen Magazinen und Lesezirkelangeboten des Landes hie und die Beschwörungssitzungen in den Salons dort befeuerten einander.

Eine Chance für schreibende Frauen

Dickens selbst war ab 1850 Herausgeber, Chefredakteur und Starautor eigener Magazine, zunächst „Household Words“ (bis 1859), dann bis zu seinem Tode 1870 „All the Year round“. Das gab ihm die Chance, Weihnachten und Gespenster noch weiter zu verknüpfen. Was in den Weihnachtsausgaben seiner Magazine aus dem Jenseits ins Diesseits herüberlichtern durfte, das hatte jeweils den Anspruch, eine der besten, wenn nicht die beste Gruselvergnügung des Jahres zu sein. Zugleich signalisierte Dickens Kopplung von Spuk, Baum und Festtagsbraten: Wenn Geistergeschichten sogar für die nun wieder im enormen Aufschwung befindliche Weihnachtsfeierstimmung gut genug waren, dann konnte im übrigen Jahr erst recht niemand etwas gegen Flirts mit dem Totenreich sagen.

Moderne Freunde der Horrorliteratur verweisen darauf, in Büchern von Stephen King und Co. könne die Welt produktiv auf den Kopf gestellt werden, werde ein frischer Blick auf die Realität möglich. Da ist was dran, aber es trifft schon auf den englischen Gespensterboom des 19. Jahrhunderts zu. Klassenschranken, Verhaltenszwänge, Geschlechterrollen etwa fielen weg, wenn Gestalten aus dem Grab zurückkehrten. Dieses Phänomen griff in die Realität über. Ob unter männlichem Pseudonym oder unter eigenem Namen, erstaunlich viele Frauen trugen zum Boom der Gespenstergeschichte bei. So viele und auch noch kommerziell derart erfolgreiche Autorinnen hatte bis dahin kein Literaturzweig hervorgebracht.

Auf Gespenster folgen Vampire

Charles Dickens hat das direkt und indirekt gefördert. Viele der später erfolgreichen Gruselautorinnen, Mary Elizabeth Braddon, Amelia B. Edwards und Mary Louisa Molesworth etwa, sind in den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren und mit Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ aufgewachsen. Der erfolgreiche, jährlich wieder hervorgekramte Kurzroman hat den Lesegeschmack der einen und die fantastische Erfindungslust der anderen entscheidend geprägt.

Noch lange nach Dickens’ Tod bildeten Gespenster einen der Rückenwirbel der britischen Literatur. Es gab Spezialisten, die praktisch nichts anderes an Belletristik verfassten, wie den angesehenen Altertumsforscher M. R. James, und anderweitig tätige Literaten wie Robert Louis Stevenson und E. F. Benson, die auch als Erfinder von Spuk und Horror brillierten. Die Faszination des Übernatürlichen wich auch später nie mehr, obwohl Kritiker und Literaturhistoriker gerne über sie hinwegsehen. Mit Bram Stokers 1897 erstmals erschienenem Roman „Dracula“ wurde die Horrorliteratur aufgefrischt und bekam mit dem Vampir eine neue Zentralgestalt. später verlagerte sich das Zentrum der Gruselfabelei in die USA, wo die Pulp-Magazine Autoren wie H. P. Lovecraft ein Forum boten.

Komplett verrückt geworden?

Dem geschäftstüchtigen, vom Schreiben und Verlegen lebenden Charles Dickens selbst kam natürlich alles recht, was den Lesemarkt ausweitete und die Gier auf tägliche Lektüre und wöchentlichen Magazinkauf anheizte. Die Spätfolgen seiner eigenen „Weihnachtsgeschichte“ aber waren ihm unheimlich. Er hatte Gespenster als Symbole verwendet und wollte sie so verstanden wissen. Die Geisterbeschwörung als verbreitete Salonübung aber, die Karrieren betrügerischer Medien und Geistheiler sowie manche Gespenstergeschichte selbst legten offen, dass die Leute an Geister wirklich glauben wollten. Auch Autorinnen von Gespenstergeschichten.

„Sie ist komplett verrückt geworden“, schrieb Dickens etwa 1854 fassungslos über die älteste der Boom-Autorinnen, die 1790 geborene Catherine Crowe, deren Geschichten er früher in „Household Words“ gedruckt hatte. Über die von ihrem Ehemann, einen Offizier, schon lange getrennt Lebende lief da nämlich gerade das Gerücht um, Crowe sei splitterfasernackt durch die Straßen von Edinburgh spaziert, in einer Hand ihr Taschentuch, in der anderen ein Visitenkärtchen, weil Stimmen aus dem Jenseits ihr versprochen hätten, so bliebe sie unsichtbar. Für die einprägsame Anekdote gibt es keine Augenzeugen, keine Zeitung in Edinburgh hat zeitnah von dem Vorfall berichtet. Aber nicht nur Dickens hat den Vorfall weitererzählt. Eine gute Geschichte, erst recht, wenn Gespenster hineinspielen, lässt sich eben nicht aufhalten, siehe „A Christmas Carol in Prose“.