Zwei charismatische Trainer, zwei Philosophien: Pep Guardiola (li.) und Jürgen Klopp Foto: AFP

Jürgen Klopp trifft mit dem FC Liverpool auf Pep Guardiola und Manchester City – das ist wie Heavy Metal gegen Sinfonieorchester.

Liverpool - Normalerweise hofft das Publikum im internationalen Wettbewerb auf Duelle von Teams aus zwei Nationen. Normalerweise ist es eher öde, wenn zwei Vereine aus demselben Land in der Champions League aufeinandertreffen.

Man kennt sich, man schätzt sich, man trifft sich halt schon wieder. Zwei englische Teams also gegeneinander im Viertelfinale der Königsklasse? Nichts wirklich Reizvolles, normalerweise.

An diesem Mittwoch, an Liverpools Anfield Road, ist alles anders.

Der FC Liverpool empfängt Manchester City. Jürgen Klopp empfängt Pep Guardiola. Zwei große Clubs und ein Duell zweier großer Trainer, das spannender, gegensätzlicher und aufregender nicht sein könnte.

Liverpools System des aggressiven Gegenpressings, der überfallartigen Konter und des wilden Angriffswirbels trifft auf perfekt austarierten Ballbesitzfußball von ManCity. Dieses Team, in dem Pep Guardiola scheinbar wie von Zauberhand die Rädchen ineinandergreifen lässt und draußen vor Wut fast schon das Spiel abbrechen will, wenn einer seiner Profis mal einen halben Meter von seinem eigentlich vorgesehenen Platz entfernt steht.

Wenn man so will, trifft Klopps wilde Mischung aus Heavy Metal und Punk Rock auf dem Platz auf Guardiolas Tiki-Taka-Passmaschine, die ihr Spiel so virtuos und strukturiert anordnet wie die Wiener Symphoniker ihr Konzert. Nun will der bärtige Rocker Klopp die Bühne entern und den Ästheten die Lust

am Spielen nehmen.

Wilde Mischung aus Heavy Metal und Punk Rock

Er will ihnen die Geigen und die Violinen abnehmen. Er will im nächsten Moment selbst den Takt angeben, am liebsten sofort wild drauflostrommeln und später die E-Gitarre auspacken. Überfall, Konter, Beifallsstürme und Ekstase im Publikum, und am Ende dröhnt zum krönenden Abschluss „You’ll never walk alone“ aus den Boxen: So in etwa stellt sich Klopp das vor.

Und so in etwa lässt sich vielleicht die Angst des Pep Guardiola vor seinem Widersacher beschreiben.

„Es wird Feuer im Spiel sein“, sagt Jürgen Klopp also vor dem Hinspiel am Mittwoch (20.45 Uhr): „Wenn ich mich als Zuschauer entscheiden müsste, würde ich diese Partie gucken.“ In der Premier League liegt ManCity 18 Punkte vor Liverpool. Guardiolas Starensemble dominiert nach Belieben – aber das ist an diesem Abend wurscht. Jetzt ist Champions League. Und jetzt kommt für Guardiola der persönliche Angstgegner – Jürgen Klopp.

Zum 13. Mal in ihrer Laufbahn treffen die beiden Trainer aufeinander, und gegen keinen anderen Trainer hat Guardiola häufiger verloren als gegen den deutschen Kollegen. Die bisherige Bilanz von Klopp gegen Guardiola: Zwölf Spiele, sechs Siege, ein Unentschieden, fünf Niederlagen. Schon zu seinen Zeiten bei Borussia Dortmund gelang es Klopp, den damaligen Trainer des FC Bayern manchmal zu ärgern.

Gündogan kennt Klopp bestens

Warum das so oft klappt? In England haben sie dafür einen neuen, spaßigen Begriff kreiert, hinter dem aber irgendwie die ganze Wahrheit auf dem Platz steckt: „gegenpress“. Klopps taktisches Konzept des frühen Attackierens und des blitzartigen Konterns nach Ballgewinnen hat nun also auch auf der Insel seinen eigenen Ausdruck, und der gibt wohl so etwas wie das einzige Mittel wieder, mit dem man gegen Peps Perfektion ankommen kann.

Ilkay Gündogan, der aktuelle Chef in ManCitys Mittelfeld, kennt auch Jürgen Klopp aus früheren gemeinsamen Zeiten bei Borussia Dortmund bestens. Gündogan sagt: „Pep Guardiola bringt taktisch eine Gabe mit, die ihresgleichen auf der Welt sucht.“ Ein Genie sei Guardiola, ergänzt Gündogan, der betont, dass es unter dem Katalanen für jeden Gegner und für jedes System feste Handlungsmuster gebe, die man dann automatisch abrufen könne. Doch was bringen all die Muster, wenn Klopps aggressives Rollkommando auf dem Platz alles zunichtemacht?

Guardiola kennt die Problematik nur zu gut. Es ist noch lange her, da lehrte Klopp den Katalanen das Fürchten. Im Januar schlug Liverpool ManCity in einem mitreißenden Spiel in der Liga mit 4:3 – zwischendurch stand es 4:1. Manchester wollte wie gewohnt die totale Kontrolle, der Ballbesitz lag bei 64 Prozent. Liverpool aber presste hoch, die Angreifer jagten Citys Verteidiger tief in deren eigener Hälfte. Und dann? Überfall, Ballgewinn, Konter, Tor. Crash. Boom. Bang. Oder: Heavy Metal pur. Die Symphoniker hatten ausgespielt.

Eiskalte Gegenangriffe

So kam es zwischen der 59. und der 68. Minute zu drei Toren. „Vom Vorschlaghammer zum Skalpell in einer Sekunde“, schrieb der „Guardian“ hinterher über den Zeitraum zwischen Liverpools Ballgewinnen und den Toren. Das Angriffstrio Mohamed Salah, Sadio Mane und Roberto Firmino vollendete die Gegenangriffe eiskalt.

Nun wird sich Guardiola einen Plan zurechtgelegt haben, wie er Klopps Pressing umgehen kann, wie er sein Spiel wann und wie anordnet, welche Pässe seine Jungs wann wohin spielen sollen. Klopp dagegen wird sein Überfallkommando nochmals verfeinert haben. Seine Jungs wissen, wann sie zuschlagen müssen. Sie werden auf der Lauer liegen. 90 Minuten lang: Liverpool gegen ManCity, Klopp gegen Guardiola – der Kampf der Systeme. Bühne frei für einen großen Fußballabend!

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