So will er auch am Samstag jubeln: Juve-Keeper Gianluigi Buffon Foto: Getty

Die Torhüterlegende Gianluigi Buffon peilt den ersten Triumph in der Königsklasse an. Der 39-Jährige trifft mit Juventus Turin im Finale am Samstag auf Real Madrid.

Stuttgart - Wenn der Mann, der kurz vor Länderspielen stets mit unverwechselbarer Inbrunst die Nationalhymne schmettert, am Samstag kurz vor dem Anpfiff die berühmte Hymne der Champions League hört, dann würde es irgendwie nicht überraschen, wenn er sie auch einfach spontan mitsingt. Die Leidenschaft, die Gianluigi Buffon sonst bei „Fratelli d’Italia“ an den Tag legt, sie ist ja durchaus zu vergleichen mit den Emotionen, die den Torhüter von Juventus Turin vor dem Finale der Königsklasse gegen Real Madrid umtreiben. Das Spiel an diesem Samstag in Cardiff (20.45 Uhr/ZDF) ist für den Torwartheiligen Buffon (39) die Krönungsmesse. Es ist gefühlt das nächste Weltmeisterschaftsfinale für den alten Weltmeister von 2006. Alles hat dieser Mann erlebt. Er ist die lebende Legende des Fußballs.

Nur dieser verdammte Titel fehlt ihm noch.

Buffon drückt seine Sehnsucht nach dem Henkelpott so aus: Er spricht über den Pokal wie über eine bisher unerreichbare Traumfrau. „Ich habe ihn lieb und zwinkere ihm zu“, sagt Gianluigi Buffon, „denn er treibt mich voran, mich weiterhin täglich zu motivieren .“

Buffon hat noch was zu erledigen. Der alte Mann im Tor will mit der alten Dame endlich den Triumph in der Champions League. Zweimal stand er bisher mit Juve im Finale der Königsklasse. Zweimal klappte es nicht. Nur um die Dimensionen zu begreifen: Beim Finale von Manchester 2003 kickte sein heutiger Mitspieler Sami Khedira noch als 16-Jähriger in der B-Jugend des VfB Stuttgart. Buffon stand im Tor. Er hielt im Finale gegen Milan zweimal im Elfmeterschießen. Es reichte dennoch nicht zum Triumph. Ebenso wenig wie im Finale von Berlin zwölf Jahre später. Gegen den FC Barcelona setzte es eine 1:3-Niederlage.

Buffon hält, was er verspricht

Sportler wachsen an ihren Niederlagen, heißt es ja. Buffon ist da anders. Dieser Mann muss nicht mehr wachsen. Seine Lebensgeschichte macht ihn schon jetzt zum Mythos, zum vollkommenen Charakter. Er ist zu einem Riesen gewachsen. Zwischen den Pfosten. Und im wahren Leben.

Buffon ist der, der hält, was er verspricht. Und das nicht nur im Tor. Sein Leben bietet Stoff für einen Film-Epos. Mit dem Einstieg in das Textilunternehmen Zucchi verbrannte er einst über 20 Millionen Euro. Die Textilindustrie gehöre zur italienischen Wirtschaftsgeschichte, sagte er hinterher: „Ich habe zwar viel Geld verloren, aber keinen der 1200 Mitarbeiter entlassen.“ Weil sie eine „weniger privilegierte Realität“ als er besäßen. Solche Bekenntnisse erhöhen seine Strahlkraft. Seine Aufrichtigkeit setzt Maßstäbe. Es gibt wohl keinen Fan, der Buffon nicht bewundert. Und auch keinen Kickerkollegen. Für die Leistungen. Vor allem aber für seinen Charakter.

Bescheiden und demütig bleiben im Erfolg, aufrichtig sein in der Niederlage – Buffons Verhalten auf dem Platz setzt vor allem kurz nach dem Schlusspfiff Maßstäbe. Dann, wenn er seine Gegner in den Arm nimmt. Wenn er ihnen nach der eigenen Niederlage, trotz der größten Trauer, gratuliert. Oder wenn er sie tröstet. Dann, wenn seine Teamkollegen irgendwoanders feiernd rumhüpfen.

Was für ein Typ, dieser Torwart

Sein Leben war die beste Schule für diese Demut. 2008 räumte Buffon ein, depressiv gewesen zu sein. In der Zeit sportlicher Erfolge, als er 2003 und 2004 zum Welttorhüter gekürt wurde, spielte die Psyche nicht mit. „Das war der Umbruchphase zwischen Jugend und dem Erwachsenwerden“, sagt er im Rückblick: „In meinem Kopf haben sich viele Dinge verändert. Jetzt geht es mir wieder gut.“

Auch zu den Vorwürfen, einst mit dem Faschismus sympathisiert zu haben, nahm Buffon später offen Stellung. „Fehler aus Ignoranz“ nannte er Aktionen wie das Kritzeln eines Mussolini-Zitats aufs Trikot. Buffon wirkt jetzt an Antirassismuskampagnen mit. Die Distanzierung wirkt glaubhaft.

Ein Mann, der nicht perfekt ist. Der Emotionen zeigt. Der zu Tiefpunkten steht. Der aus Fehlern lernt. Und der nebenbei noch immer hält wie ein Weltmeister. Das ist Buffon. Was für ein Typ, dieser Torwart.

Jetzt also Cardiff. Das große Finale. Bei einem Triumph wäre Buffon der älteste Champions-League-Sieger der Geschichte. Und wahrscheinlich auch der glücklichste.

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