Chamisso-Preisträger Fatah „Ich bin an den Brüchen interessiert“

Von Thomas Morawitzky 

Sherko Fatah ist es gewohnt, zwischen den Kulturen zu leben. Er ist der neueste Chamisso-Preisträger Foto: Yves Noir
Sherko Fatah ist es gewohnt, zwischen den Kulturen zu leben. Er ist der neueste Chamisso-Preisträger Foto: Yves Noir

Zwei Männer, zwei Gefangene: Der Deutsche Albert und sein Dolmetscher Osama werden verschleppt, fürchten im Irak um ihr Leben. Sherko Fatah erzählt von der Konfrontation der Kulturen. Der Schriftsteller erhielt diese Woche in München den Adelbert-von-Chamisso-Preis.

Herr Fatah, Sie erhielten den Adelbert-von-Chamisso-Preis für Ihr Gesamtwerk, vor allem aber für Ihr jüngstes Buch „Der letzte Ort“. Was hat Sie veranlasst, dieses Buch zu schreiben?
Ich habe vor vielen Jahren Robert Louis Stevensons Roman „Kidnapped“ gelesen und war beeindruckt,wie da zwei völlig unterschiedliche Charaktere zusammengezwungen werden. Das gelingt nur mit den Mitteln eines Abenteuerromans, sonst wird das sehr schwierig und langweilig. Ich wollte lange dieses Entführungsthema gestalten. Ich habe mehrmals angesetzt, erst dann ist es mir gelungen. Das Problem war: Wie bringe ich diese disparaten Elemente zueinander in Beziehung: Terrorismus, Entführung, der Nahe Osten, die DDR-Vergangenheit von Albert, meine Hauptfigur? Das gerade machte aber auch den Reiz des Projektes aus.
Mit dem Nahen Osten beschäftigen Sie sich in Ihren Büchern immer wieder.
Die Region interessiert mich, weil sie seit dem Altertum auch ein Aufmarschgebiet der Imperien ist. Alle haben dort ihre Spuren hinterlassen. Der Nahe Osten ist eine Art Geschichtsraum ohne Grenzen. Unsere Geschichtsräume hier in Europa sind ja immer sehr begrenzt und abgezirkelt. Dort sind dagegen Zuschreibungen gar nicht möglich, aber an jeder Ecke und unter jedem Stein findet man geschichtliche Umwälzungen. Man sieht blauäugige Kurden, man sieht rothaarige Iraner, es gibt überall Vermischung, und das wird auch sichtbar in den Bauten.
Sie selbst sind als Sohn eines Kurden in der DDR aufgewachsen. Welche Rolle spielt dieser biografische Hintergrund in Ihrer Arbeit als Schriftsteller?
Das biografische Element kann ich gar nicht wegdenken. In meinem Leben gab es eben auch immer eine andere Kultur, die zu Zeiten der DDR, als ich ein Kind war und ein Heranwachsender, noch viel fremder war als heute. Meine Familie hatte deshalb ein wenig den Status von etwas Besonderem. Später haben sich für mich daraus dann aber Probleme ergeben: Ist man Deutscher, ist man nicht Deutscher? In meinen Büchern gibt es deshalb häufig eine Dopplung, eine Konfrontation der Kulturen. Es sind immer beide Welten. Es geht niemals nur um den Irak, es geht um was anderes.
Sie haben den Nahen Osten selbst bereist.
Die ersten Reisen haben wir in den 1970er Jahren gemacht, als ich noch ein Kind war. Möglich wurde das durch eine Besonderheit in der Biografie meines Vaters, der zwar als Student und Stipendiat in die DDR kam, aber die Staatsangehörigkeit niemals annahm. Schlau wie er war, wollte er, obwohl er Sozialist war, das Recht behalten, ausreisen zu können.
Und wann haben Sie begonnen, sich mit diesem Thema als Schriftsteller zu befassen?
Auf literarische Weise habe ich mich seit­ ­Ende der 1980er Jahre damit befasst, aber mein erstes Buch zu diesem Thema erschien erst m Jahr 2001. Das lag auch daran, dass es nicht ganz einfach war, einen Weg zu finden, über dieses für meine Biografie scheinbar so ganz Selbstverständliche literarisch zu schreiben.
Kam durch dieses Schreiben für Sie selbst dann ein Prozess in Gang?
Ein Prozess war es von Anfang an. Seine Auflösung hat er eigentlich erst jetzt gefunden. Die Konfrontation, die ich beschreibe, ist zu einem meiner wesentlichen Themen geworden. Das konnte ich damals noch nicht ahnen, vor der Wende war die Diskussion ja noch ganz anders, Deutschland war kein Einwanderungsland im heutigen Sinne. Aber mit den Jahren hat sich mein Thema mit den Veränderungen vermengt, die in der bundesrepublikanischen Gesellschaft stattfinden – ein Beispiel dafür, wie sich innere Motivation und gesellschaftliche Situation überschneiden können.
Sie schreiben über Themen, die auch die politische Tagesdiskussion bestimmen. Ist der Abenteuerroman dagegen nicht ein Genre, dem vor allem an der Unterhaltung gelegen ist?
Ich will den Leser auch unterhalten, aber natürlich nicht nur. Dann könnte ich es mir leichter machen. Ich habe auch einen hohen literarischen Anspruch an meine Arbeit. Das geht leider ein bisschen unter im Ansturm des Aktuellen, den ich gerade mit diesem Buch erlebt habe. Die Koinzidenz, dass, gerade als das Buch fertig war, diese Entwicklung im Nahen Osten begann, finde ich unglaublich und auch gefährlich. Vorher war gar nicht die Rede davon gewesen, und plötzlich wurde mein Buch jeden Abend in der „Tagesschau“ bebildert, wenn man so will. Das ist nicht gut, denn die Literatur sollte einen Abstand zur Realität haben – und zur Aktualität.
Zum Abenteuerroman bekennen Sie sich aber trotzdem . . .
Das Abenteuer, das ich meine, ist ein Abenteuer der Begegnung, der Erforschung sogar. Albert erlebt den Irak aus einer Guckkastenperspektive. Mir ging es darum, ihm diese Perspektive zu geben und etwas zu sagen, über die spezielle gewaltsame Begegnung dieses Mannes mit der Fremde. Was mich interessiert, sind die Brüche. Es geht ja gar nicht darum, in einem Roman neutral, wertfrei, modern, politisch korrekt zu schreiben, wie es sich gehört – nein, ich will meine Figuren auch verwickeln in den Konflikt. Das ist das Spannungsfeld, in dem ich arbeite. Das ist interessant: alte Blickwinkel unter neuen Voraussetzungen.
Wie haben Sie als Autor, der sich mit den Konflikten des Nahen Osten beschäftigt, die Nachricht von den Pariser Terroranschlägen erlebt?
Ich empfand dabei dasselbe wie Sie und jeder andere – das war natürlich entsetzlich, es war ein gezielter und perfide ausgeführter Anschlag. Andererseits wurde zur selben Zeit in Nigeria ein ganzes Dorf niedergebrannt. Natürlich kann man das schrecklich finden, dass man das anders wahrnimmt, aber wie bei vielen anderen ist es bei mir auch so: Paris ist mir näher als Nigeria. Ich war auf Reisen, als ich zuerst von „Charlie Hebdo“ hörte – ich dachte: Oh Gott, lass es nicht dazu führen, dass eine Gegengewalt entsteht, die eine Art Bürgerkrieg auf niedriger Flamme entfesselt. Das ist immer die Furcht, dass in Europa die Auseinandersetzung zwischen den Gruppen eskaliert. Diese Angst haben wir in Deutschland natürlich auch, aber in Frankreich ist sie vielleicht noch stärker.
„Der letzte Ort“ ist im August 2014 erschienen. Haben Sie bereits mit der Arbeit an einem neuen Roman begonnen?
Ich habe noch nicht begonnen, dieses Mal habe ich zu viel zu tun vorher. Aber ich denke schon darüber nach. Es gibt ein paar Fragen vor jedem Buch, die beantwortet werden müssen. Ich weiß schon ungefähr, worüber ich schreiben möchte. Ich habe noch keine konkrete Geschichte, aber eine Richtung.

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