Wenn es Spitz auf Knopf steht, kämpft man. Mit der Devise führt der CDU-Spitzenkandidat im Land Wolfgang Schäuble seinen 14. Bundestagswahlkampf.
Stuttgart - Damals 1972, als alles noch vor ihm lag, was in den nächsten fünfzig Jahren ein beispielloses bundesdeutsches Politikerleben werden sollte, muss der junge Regierungsrat beim Finanzamt Freiburg seiner Frau Ingeborg einmal gesagt haben, er werde eh nicht gewählt – dann könne eine Kandidatur als CDU-Abgeordneter für den Deutschen Bundestag ja nicht schaden. Was für ein Irrtum!
Nicht nur hat Wolfgang Schäuble – damals knapp dreißig und heute kurz vor seinem 79. Geburtstag – seinen ersten Wahlkampf mit der Eroberung des Direktmandats im Wahlkreis Offenburg gekrönt und mit 53 Prozent der Wählerstimmen dabei nur wenig schlechter abgeschnitten als sein langjähriger Vorgänger. Den Erfolg im Wahlkreis hat der studierte Jurist, der mit 23 Jahren der CDU beigetreten ist, seither bei weiteren zwölf Bundestagswahlen wiederholt. Auch jetzt steht er wieder auf Platz eins der Landesliste der Südwest-CDU.
Hüter der schwarzen Null
Zwar sei niemand unersetzlich, hat Schäuble in einem Interview mit unserer Zeitung gesagt. Weil er aber auch von jüngeren Parteifreunden gedrängt worden sei, „in dieser Zeit des Umbruchs noch einmal zu kandidieren“, gilt nach dem Wahlsonntag am 26. September auch noch nicht „isch over“ für Schäuble und die aktive Politik. Mit dieser schwäbisch-soft klingenden Formulierung hat der Hüter der schwarzen Null und des stabilen Euro 2015 dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis in der Griechenland-Krise das Ende der Kompromissbereitschaft angedroht, als dieser das EU-Hilfsprogramm verändern wollte. Es war die Zeit als der Grexit ganz und gar kein Ding der Unmöglichkeit, sondern eine ganz real drohende Katastrophe war.
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Die Anekdote mit den miesen Wahlchancen und seiner Frau, die eine politische Karriere skeptisch sah, war seinerzeit nicht aus der Luft gegriffen: 1972 kämpfte Kanzler Willy Brandt (SPD) gegen den CDU-Herausforderer Rainer Barzel um die Fortsetzung der ersten sozial-liberalen Koalition und fuhr am Ende den größten Wahlsieg in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ein. Dem Autor eines TV-Porträts zu seinem siebzigsten Geburtstag hat Wolfgang Schäuble die Sache viel später erzählt. Es ist eine Anekdote, wie der amtierende Bundestagspräsident sie gerne mag: witzig, klug mit Biss und so dargeboten, dass der Erzähler selbst auch nie schlecht wegkommt dabei.
Historische Rolle
In Kurzform ist es schwer, dem Politiker mit der längsten Abgeordnetenbiografie im Bundestag gerecht zu werden. Vielleicht hilft es, ihn mit der Brille von Erstwählern zu betrachten: Der Badener ist zweieinhalb Mal länger in der Politik, als sie auf der Welt sind. In fünf Jahrzehnten war er Kanzleramtsminister, zweimal Innenminister, Finanzminister, Alterspräsident des deutschen Bundestags, CDU/CSU-Bundestagsfraktionschef und Vorsitzender der CDU Deutschlands.
Bei vielen Schlüsselsituationen der Nachkriegszeit, die Erstwähler nur aus dem Geschichtsunterricht kennen, spielt Schäuble eine zentrale Rolle von der Deutschen Einheit bis zur Euro- und zur Flüchtlingskrise. Schon was er nicht geworden ist, und wie er es nicht geworden ist – Kanzler oder Bundespräsident – könnte Bücher füllen. Schäuble hat Kanzler stabilisiert, aber auch immer wieder Zweifel entstehen lassen, ob er die Rolle als Reservekanzler, nicht doch irgendwann einmal zum Griff nach der Macht nutzen würde. Das war zuletzt in der Flüchtlingskrise 2015 so, als er das Bild vom unvorsichtigen Skifahrer prägte, der am Hang „ ein bisschen Schnee bewegt“ und so eine Lawine auslöst. Als Anspielung auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik wollte er das dann nicht verstanden wissen.
Schwergewicht weit über die Südwest-CDU hinaus
Seit Jahrzehnten ist Schäuble für die Südwest-CDU das Schwergewicht im politischen Berlin. Sein Einfluss reicht weit über den Landesverband hinaus. Den Beweis dafür hat er zuletzt bei der Kür des Kanzlerkandidaten geliefert. Ohne seine Hilfe wäre Armin Laschet es nicht geworden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, den der von Umfragetief zu Umfragetief eilende Unionswahlkampf jeden Tag mehr davon überzeugt, dass er selbst die bessere Wahl gewesen wäre, hat nicht umsonst betont: Nicht Seehofer oder Laschet seien sein härtester Rivale gewesen, sondern Schäuble.
Härte – die hat das Leben Schäuble selbst auch abverlangt. Im Wahlkampf 1990 hat ein psychisch kranker Attentäter ihm das Rückenmark zerschossen. Seither sitzt er im Rollstuhl. Zum Bruch in und mit seinem politischen Leben hat er das nicht werden lassen. Die Lust – wahrscheinlich auch die Sucht – waren stärker. Schäuble blieb und behielt seinen Platz in der ersten Reihe.
Indessen wird es immer wahrscheinlicher, dass sich in Schäubles 14. Wahlkampf die Erfahrung aus seinem ersten wiederholen könnte, und die – zunächst schon abgeschriebene – SPD einen fulminanten Wahlsieg über die Union einfährt. Dass es„Spitz auf Knopf“ steht, hat Schäuble zu den Wahlchancen der Union zuletzt gesagt. „Dann kämpft man.“