Der Aufbau auf dem Wasen läuft schon Wochen vor dem Volksfest auf vollen Touren – bei Temperaturen von bis zu 40 Grad im Schatten leisten die Männer Schwerstarbeit Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Drei Monate dauert es, bis eine ganze Stadt aus dem Boden gestampft ist. Auf dem Cannstatter Wasen laufen längst die Aufbauarbeiten für das Volksfest – ein logistischer und finanzieller Kraftakt.

Stuttgart - Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Die Hitze auf dem Cannstatter Wasen ist kaum auszuhalten. Dennoch herrscht Hochbetrieb. Das Eingangsportal des Almhüttendorfs wächst in die Höhe. Türmchen und Häuschen lagern daneben. Ein riesiger Deko-Specht hockt verlassen auf dem Parkplatz und glotzt in die Gegend. An den Zelten werkeln Männer mit nackten Oberkörpern schweißüberströmt in der Sonne. Innen gibt es zwar ein bisschen Schatten, doch das hilft nicht ewig: „Solange vorne und hinten noch offen ist, kann die Luft durchziehen“, sagt ein Handwerker, „danach ist es wie in der Sauna.“

Mancher Passant reibt sich verwundert die Augen und fragt sich: „Ja, isch denn heut scho Wasen?“ Das Volksfest beginnt zwar erst am 25. September, doch die großen Festzelte wachsen bereits seit Juli in die Höhe. „Wir bauen eben ein Haus – nur dass wir es nachher jedes Mal wieder abbauen“, sagt Werner Klauß und lacht. Der Sprecher der Festwirte auf dem Wasen – in diesem Jahr werden es neun sein – kennt den Aufwand, den das Volksfest mit sich bringt: „Der Aufbau dauert drei Monate, der Abbau sechs Wochen.“ Und das alles für 17 Tage Rummel, Göckele und „die Krüge hoch“.

„Nach dem Wasen ist vor dem Wasen. Das ist ein Job fürs ganze Jahr“, weiß Sonja Merz. Die Festwirtin ist an diesem Tag gemeinsam mit ihren Kollegen Klauß und Peter Brandl auf dem Gelände unterwegs, um sich den Fortgang der Arbeiten anzusehen. Bis zu 60 Leute gleichzeitig schuften am Aufbau eines Bierzeltes. Später einmal werden dort bis zu 250 Mitarbeiter Hähnchen und Bier in großen Mengen servieren.

Allein Aufbau und Miete verschlingen 1,5 Millionen Euro

Das Ganze ist nicht gerade billig. Klauß macht eine Rechnung auf: „Aufbau, Zelt- und Platzmiete kosten rund 1,5 Millionen Euro. Für Programm und Technik werden weitere 200 000 Euro fällig. Und da sind Wareneinsatz, Energie und Lohnkosten noch nicht mit drin.“ Die Zelte sind meist zu groß, um sie auf anderen Festen einzusetzen – sie stehen oft nur einmal im Jahr, eben auf dem Wasen. Brandl hat seines vor zehn Jahren selbst bauen lassen, Merz dagegen mietet die Hülle und lagert die Inneneinrichtung das Jahr über ein – in einer üppig dimensionierten Halle.

Angesichts des großen Aufwandes ärgert es die Festwirte, dass sie sich immer wieder für den steigenden Bierpreis rechtfertigen müssen. Der wird auch in diesem Herbst um rund 30 Cent nach oben klettern. Zwischen 9,50 und 9,80 Euro werden die Besucher voraussichtlich für eine Maß hinlegen müssen. Die Zehn-Euro-Marke ist nicht mehr weit. „Immer steht das im Vordergrund“, sagt Klauß kopfschüttelnd. Bei der Reservierung frage aber kein Gast danach. Vielmehr gehe es darum, „einen tollen Abend für einen festen Preis zu bekommen“. In der Stadt etwas essen und trinken zu gehen sei schließlich auch nicht billiger.

Brandl erzählt zum Stichwort Preise eine kleine Geschichte. Erst vor wenigen Tagen habe ihn auf dem Wasen ein Radfahrer angesprochen. Der habe sich eine Weile den Aufbau angeschaut und dann gesagt: „Wenn man das so sieht, diesen ganzen Aufwand hier, dann fragt man sich, warum sich manche über den Bierpreis aufregen.“ Noch kein einziger Gast, so der Festwirt, habe sich bei ihm jemals darüber beschwert. Und Sonja Merz ist sich sicher: „Wir bieten gute und ehrliche Qualität. Dazu gehören ein großes Speisenangebot, Unterhaltung und eine aufwendige Dekoration. Allein die Gärtner sind bei uns vier Wochen lang beschäftigt.“

Das Volksfest verzeichnet großen Zulauf

Nun ist es nicht so, dass die Festwirte am Hungertuch nagen müssten. Der Wasen ist angesagt, um samstagabends einen Tisch zu bekommen, reservieren manche bereits ein Jahr vorher. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass das Fest brummt. Aber dafür haben alle Beteiligten in den vergangenen Jahren viel getan“, so Brandl. Es sei viel investiert worden – und das Risiko nach wie vor groß. Eigentlich, sagt er, sei man zu billig: „Aber wir können die vielen Preiserhöhungen, die wir selbst haben, nicht eins zu eins an die Gäste weitergeben. Das geht nicht.“

Zu den Unwägbarkeiten gehören auch neue Auflagen. In diesem Jahr soll die Einhaltung der Lärmobergrenzen noch strenger kontrolliert werden, kündigt Andreas Kroll an. Der Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart weiß, „dass das nicht einfach ist und den Schaustellern weh tut“. Die Festwirte etwa müssen den Pegel über das gesamte Fest aufzeichnen und anschließend einen Bericht abliefern. „Wir haben das im Griff“, sagt Kroll. „Das Fest muss auch in Zukunft noch funktionieren. Die jetzige Lärmbeschränkung ist die Grenze. Weniger geht nicht mehr“, sagt Klauß.

Dass der Wasen hoch beliebt ist, hat sich im vergangenen Jahr gleich mehrfach bewundern lassen. Am Tag der Deutschen Einheit musste das Gelände wegen Überfüllung geschlossen werden. An den Samstagen herrschte vor den Zelten drückende Enge, wenn zum Schichtwechsel tausende Gäste zeitgleich hinaus-, andere kurz darauf hineinwollten. Auch das soll sich ändern. Künftig wird der Wechsel nicht bei allen Zelten zur gleichen Uhrzeit stattfinden. Und weil es diesmal kein Landwirtschaftliches Hauptfest geben wird, soll generell mehr Platz auf dem Wasen vorhanden sein.

Werbung im benachbarten Ausland

In den vergangenen Jahren sind dank gezielter Werbung immer mehr Touristen aus dem Ausland zum Volksfest gekommen. „Die Zusammenarbeit mit in.Stuttgart und Stuttgart Marketing ist gut, wenngleich die Werbemittel teils bescheiden sind“, sagt Klauß. Ein wenig mehr dürfte es aus Sicht der Beschicker ruhig noch sein. „Es handelt sich hier um ein Aushängeschild, um das uns viele Städte beneiden“, betont Klauß selbstbewusst. Das Volksfest stehe dafür, dass Stuttgart über die Stadtgrenzen hinaus nicht nur für Feinstaub, Stau und ein umstrittenes Bahnprojekt bekannt sei.

Deshalb will man weiter neue Märkte erschließen. „Wir brauchen die Internationalität“, sagt Brandl. Besonders die Nachbarländer Schweiz, Österreich und Frankreich sind interessant, aber auch aus Italien reisen immer mehr Gäste an. Bei den Hotels, das ist die Kehrseite, müssen Besucher mittlerweile zeitweise bis nach Heilbronn ausweichen.

Eine gewaltige Holzplatte hängt am Haken. Sie schwebt am ausgefahrenen Kran hinauf zur Stirnseite eines Zeltes. In wenigen Wochen werden hier Zigtausende feiern. Und dann, wenn die Stimmung den Siedepunkt erreicht, werden die Wirte wissen, wie es gelaufen ist. Ob das Jahr ein goldenes wird oder doch eher eines, für das das olympische Motto gilt: Dabei sein ist alles. Denn das, sagt Werner Klauß und schaut über das Gelände, ist immer noch etwas besonderes: „Es ist eine Herausforderung, Teil des zweitgrößten Volksfests der Welt zu sein. Aber es macht uns auch stolz.“

Info 170. Cannstatter Volksfest

Das Cannstatter Volksfest ist im Jahr 1818 gegründet worden. Heute gilt es als zweitgrößtes Volksfest der Welt nach dem Münchner Oktoberfest. In diesem Jahr findet es zum 170. Mal statt – und zwar vom 25. September bis zum 11. Oktober.

Auf dem Cannstatter Wasen werden rund 320 Betriebe etwa vier Millionen Besucher erwarten. Zum Programm gehören sieben Bierzelte, zwei Weinzelte und das Almhüttendorf. In den Festzelten und Biergärten gibt es etwa 30 000 Sitzplätze. Wer in den Zelten reservieren will, sollte sich sputen: Besonders abends sind viele Tage bereits ausverkauft. Besser sieht es mittags und am Beginn der jeweiligen Woche aus.

Die Schausteller locken die Besucher mit diversen Attraktionen. Dazu gehören zwei Achterbahnen, die höchste transportable Schaukel und der höchste transportable Freifallturm der Welt. Wie immer gehört auch ein Krämermarkt zum Programm.

Am Sonntag, 27. September, werden sich um 11 Uhr Brauereigespanne, Trachtengruppen und Musikkappellen treffen, um beim Volksfestumzug durch Bad Cannstatt zu ziehen. Ziel ist das Festgelände, erwartet werden bis zu 250 000 Zuschauer. (jbo)

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