Party-Pause auf dem Wasen Foto: Martin Stollberg/Lichtgut

Orientierungslose, randalierende Hitzköpfe und Pärchen, die in der Öffentlichkeit kopulieren, halten die Polizisten auf dem Cannstatter Volksfest in Atem: Ein Abend auf der Wasenwache.

Stuttgart/Plochingen - In der blauen Stunde am Samstagabend entfaltet das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen seinen Lichterzauber. Beleuchtete Schiffsschaukeln, Achterbahnen und Turboschaukeln schleudern Unerschrockene durch den Abendhimmel. In den Festzelten fließt Bier in Strömen, und die Polizisten der Wasenwache haben alle Hände voll zu tun.

20 Uhr: gefährliche Schläger

Schnapsdrosseln, Schluckspechte und Unglücksraben, die alle zuviel gezwitschert haben, sitzen schon im Revier. Zwei junge Herren in Handschellen beäugen sich mit glasigem Blick. „Halt die Klappe. Du ich schwör dir . . .“ sagte der eine. Was er dem anderen schwören will, geht unter, weil im Alkoholdampf die Worte den Weg nicht mehr auf die Zunge finden. Die beiden haben sich mit Bierkrügen beworfen und müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. „Anlass dafür sind meist Beleidigungen von Freundinnen oder Gerangel um Plätze“, sagt Polizeioberrat Thomas Engelhardt, Leiter der Wasenwache. „In der Frühschicht haben wir mit 15 Beamten angefangen. Am Nachmittag, wenn bei den Volksfestbesuchern der Alkoholpegel steigt, stocken wir auf 80 auf“, sagt der 57-Jährige. Vor dem Spiel des VfB Stuttgart gegen Borussia Mönchengladbach sei es auf dem Wasen schon rund gegangen; „Wir haben vier VfB-Ultras wegen Raubes festgenommen. Sie haben Fanartikel der Gladbacher durch Drohung oder Wegreißen erbeutet.“

20.30 Uhr: Zoff im Zelt

Plötzlich wird es auf der Wasenwache lebendig. Uniformierte Polizisten rennen zu Grandls Bierzelt. Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn folgen ihnen. Sicherheitspersonal und Polizeibeamte in Zivil bringen junge Männer vor den Eingang. Die Kollegen in Uniform legen ihnen Handschellen an und bringen sie in Streifenwagen aufs Revier. „Vor der Bühne sind Gäste zweier Tische aufeinander losgegangen, insgesamt etwa 20 Leute. Man hat die Hauptaggressoren rausgebracht“, sagt Polizeikommissar Sven Drenzeck. Zum Anlass des Streits sagt er: „Ab einem gewissen Alkoholkonsum ist nichts mehr rational erklärbar.“

20.50 Uhr: Tückische Krüge

Während Sven Drenzeck die Festgenommen und Zeugen zur Aufnahme der Personalien und Aussagen zum Verhör auf die Wache mitnimmt, gehen Polizeihauptkommissar Roland Klein und vier Kollegen übers Gelände. Immer wieder nehmen sie Gästen gläserne Maßkrüge ab. „Sie werden oft als Schlagwerkzeug oder Wurfgeschosse missbraucht“, sagt Roland Klein. Am Wasen-Eingang an der Mercedesstraße zeigt er auf Toilettenhäuschen: „Dahinter haben wir mal ein Pärchen beim Sex in der Öffentlichkeit erwischt.“ Der Weg mit Begrenzungsmauer hinter den Großzelten ist die Pinkelrinne für alle, die es nicht mehr auf die Toilette schaffen. „Hier lag einmal ein betrunkenes junges Mädchen mit dem Gesicht in einer Urinlache“, sagt Roland Klein. Nicht ahnend, wo sie sich niedergelassen haben, sitzen junge Männer auf dem Boden, lehnen sich mit den Rücken an die Mauer und telefonieren. Ein Beamter klärt einen von ihnen auf. Wie von der Tarantel gestochen springt er auf und ruft: „Mein Gott, ist das ekelig!“

21.30 Uhr: Helfer in Uniform

In einem schmalen, dunklen Durchgang zwischen Göggelesmaier und einer Wurfbude sitzt ein vom Alkohol orientierungsloser Betrunkener. Der Kommissar fordert einen Streifenwagen an. „Wir bringen ihn aufs Revier. Wenn er wieder laufen kann, lassen wir ihn gehen“, sagt Roland Klein. Wenige Schritte weiter sehen die Beamten junge Männer, die einen Freund stützen. Er ist rückwärts von einer Bank gefallen und klagt über Atemnot. Die Beamten fordern das Rote Kreuz an. „Das DRK hat auf dem Volksfest eine Außenstelle. Dort wird er weiterverarbeitet“, sagt Klein. Immer wieder werden die Beamten von Gästen bedrängt, die sich mit ihnen fotografieren lassen wollen. „Das lehnen wir ab. Man weiß nie, was mit solchen Fotos im Internet gemacht wird“, sagt Klein. Plötzlich drückt ihm ein Mann ein Smartphone, das er gefunden hat, in die Hand. Klein: „Fundbüro sind wir auch.“

23 Uhr: Team für alle Fälle

Ein junger Mann mit blutverschmiertem Gesicht und Hemd sitzt in der Wasenwache und stillt mit einem Tuch eine Platzwunde an der Stirn. „Der hat mehrfach einen Bierkrug ins Gesicht gekriegt“, sagt ein Beamter. „Das Volksfest ist für uns etwas Besonderes, selbst Kollegen, die nicht mehr hier sind, kommen, um Dienst zu schieben, man erlebt unglaubliche Dinge, zum Beispiel Pärchen, die vor der Wache kopulieren“, sagt Thomas Engelhardt. Ein Kollege, der Koch gelernt habe, bekoche die Mannschaft aus Beamten der Verkehrspolizei, der Einsatzhundertschaft, des Reviers Cannstatt und der Kripo.

0.30 Uhr: Ekel in der S-Bahn

Während sich das Team um Thomas Engelhardt bei den Streifengängen den Weg durch weggeworfenes Papier und Plastikbecher bahnt, werden im S-Bahneinsatzwerk Plochingen am Nordseekai S-Bahnen gereinigt. „Normalerweise arbeiten wir samstags am Tag, aber beim Volksfest und bei Fußballspielen reinigen wir die Züge auch nachts“, sagt Frank Garbig, Ablaufplaner Reinigung. Das Volksfest sei für die fünfköpfigen Putzkolonnen die „intensivste Zeit des Jahres.“ „Wir haben aus einem Zug schon einmal 200 Flaschen rausgeholt“, sagt Garbig. Man brauche bei dieser Arbeit einen harten Magen: „Manche Gäste übergeben sich nicht nur“, sagt er und deutet auf einen Aschenbecher, in dem eine streng riechende, braune Flüssigkeit schwimmt. Zwei Sitzreihen weiter liegt auf dem Boden etwas, das unverdaut eine Pizza gewesen sein könnte. Popcorn auf dem Boden, angereichert mit verstreuten Tampons und garniert mit Zigarettenkippen gehört zu den kleineren Übeln.

„Eine Sauerei ist das schon, aber für uns ist es Routine. Wir hatten mal einen Zug, in dem man vor lauter Flaschen nicht mehr auftreten konnte“, sagt Garbig. Am Bahnsteig findet das Reinigungspersonal Stationen mir heißem und kaltem Wasser. Die Aschenbecher werden geleert, gekippt und ausgespült, Fenster und Böden mit Reinigungsmittel eingesprüht und abgezogen. Dann bürsten die Mitarbeiter die Polster und entfernen Flecken. 20 Minuten pro Zug dauert die Reinigung. Dann kann wieder drin gefeiert werden.

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