Wie im Mittelalter: Martin Rogier (links) beobachtet, wie sich das Töpferrad dreht und eine Helferin ein Gefäß formt Foto: Karolingische Klosterstadt e.V.

Mit Leader-Projekten wie dem Campus Galli versuchen die Europäische Union (EU) und das Land, den ländlichen Raum zu stärken. Der Gedanke dahinter: Von der Touristenattraktion soll eine ganze Region profitieren.

Messkirch - Martin Rogier hält seinen Holzstab in den Händen. Mit kraftvollen, kreisenden Bewegungen treibt er damit ein Töpferrad an. Nach einer halben Minute dreht sich das massive Rad so gleichmäßig und schnell, dass er den Stab zur Seite legen kann. Die eigentliche Arbeit beginnt für ihn nun allerdings erst. Er träufelt Wasser auf den Batzen Ton, der auf dem Teller in der Mitte des Töpferrads liegt, und beginnt mit beiden Händen, ihn vorsichtig zu formen. Bis das Gefäß fertiggestellt ist, muss Rogier das Rad mehrmals aufs Neue in Schwung bringen. „Für einen großen Topf muss ich es zehnmal antreiben“, erklärt er einem kleinen Mädchen, das mit seinen Eltern vor ihm steht und den Fertigungsprozess gespannt beobachtet.

Rogier ist eigentlich Archäologe, seit Sommer des vergangenen Jahres arbeitet er aber fest als Töpfer auf dem sogenannten Campus Galli. Hier, auf einem etwa 25 Hektar großen Wald- und Ackerstück zwischen Sigmaringen und Meßkirch, setzen er und 20 weitere Vollzeitmitarbeiter den St. Galler Klosterplan aus dem neunten Jahrhundert um – mit Werkzeugen, Werkstoffen und Techniken aus der damaligen Zeit. Die Besucher erfahren, wie Korbmacher, Schmiede, Steinmetze, Weberinnen und andere früher gearbeitet und gelebt haben. Wenn sie wollen, dürfen sie sogar ehrenamtlich mithelfen und selbst ins Mittelalter eintauchen.

Campus Galli wird im Rahmen der Leader-Förderung zu einem Leitprojekt

Die Idee dazu hatte Bert Geurten. Er wollte zum einen wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen, zum anderen sollte der Campus Touristen anziehen. 2012 gründete er den Verein Karolingische Klosterstadt. Als auch der Gemeinderat der Stadt Meßkirch grünes Licht gab, kam die Europäische Union (EU) mit ihrem Regionalförderprogramm Leader ins Spiel. Weil auf dem Gelände jegliche Infrastruktur fehlte, stellte die Stadt einen Förderantrag bei der Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben – mit Erfolg. Der Campus Galli wurde sogar zu einem Leitprojekt.

„Wir waren uns sicher, dass das Projekt der ganzen Region einen Impuls geben würde“, sagt der Geschäftsführer der Aktionsgruppe Oberschwaben, Emmanuel Frank. Der Gedanke dahinter: Das Projekt wird Touristen anziehen, die wiederum in Restaurants in der Region essen und womöglich in Hotels oder Ferienwohnungen übernachten. Also kurbelt es die lokale Wirtschaft an, was sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirken kann.

Minister Hauk (CDU) hält Leader für wichtig zur Stärkung des ländlichen Raums

Für den Minister für Ländlichen Raum, Peter Hauk (CDU), spielen die Leader-Projekte eine wichtige Rolle zur Stärkung von eher dünn besiedelten Regionen im Südwesten. In der noch bis 2020 laufenden Förderperiode können die landesweit 18 lokalen Leader-Aktionsgruppen insgesamt bis zu 84 Millionen Euro von der EU und dem Land abrufen – 60 Prozent einer Fördersumme kommen immer von der EU, 40 Prozent aus nationalen, meist Landesmitteln. „Mit unserem Schwerpunkt auf Leader ermöglichen wir es den Bürgern, aktiv die Zukunft ihrer Heimat mitzugestalten“, sagt Hauk.

Für den Campus Galli steuerten die EU und das Land Baden-Württemberg zusammen mehr als 600 000 Euro bei. Mit der Summe wurden ein Schotterplatz samt Auf- und Abfahrt zur Landstraße, ein Kassenhäuschen, eine Toilettenanlage, eine Umzäunung, der Rundweg sowie der Strom- und Wasseranschluss finanziert. „Mit Leader-Mitteln verhelfen wir Projekten zum Start“, sagt der Aktionsgruppen-Geschäftsführer Frank. Es werde jedoch nie der laufende Betrieb einer Einrichtung unterstützt.

Besucherzahlen entwickeln sich kontinuierlich nach oben

Mitte 2013 wurde der Campus Galli dann eröffnet. Weil das Projekt seither nur dank Zuschüssen von der Stadt Meßkirch überleben kann, stand es zwischenzeitlich sogar auf der Kippe. Mittlerweile hat sich die Situation aber gebessert. Die Zahl der Gäste stieg in den vergangenen Jahren von 12 000 (2013) über 36 500 (2014) auf 48 000 (2015). In diesem Jahr kamen bis Ende August bereits 44 000 Besucher. Angesichts des Wachstums ist Galli-Geschäftsführer Hannes Napierala zuversichtlich, dass sich das Projekt – wie geplant – von 2018 an selbst trägt. Mittlerweile gebe es zudem die erhoffte Wechselwirkung zwischen anderen touristischen Attraktionen in der Region wie dem Schloss Sigmaringen oder dem Pfahlbaumuseum am Bodensee, sagt Napierala: „Das funktioniert, wir befruchten uns gegenseitig.“ Das wirke sich auch auf die Beherbergungsbetriebe aus. In den vergangenen Wochen habe man in Meßkirch kaum noch ein freies Hotelzimmer oder eine nicht belegte Ferienwohnung gefunden.

Auch auf dem Campus selbst geht es voran. Die Klosterstadt wächst, der Bau einer imposanten Holzkirche auf dem zentralen Dorfplatz soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. In diesen Wochen decken mehrere Handwerker das Dach mit Holzschindeln. Ein Steinmetz fertigt parallel den Altar. Andere wiederum ernten Getreide, schmieden Nägel oder flechten Körbe, die für den Transport und die Lagerung von Holz oder anderen Produkten verwendet werden.

Langzeitarbeitslose finden durch das Projekt in die Arbeitswelt zurück

Die Hintergründe der rund 20 festangestellten Mitarbeiter sind ziemlich unterschiedlich. Daniel Witschard-Schruttke (33) zum Beispiel, ein gelernter Zimmermann, wanderte vor einigen Jahren aus und arbeitete in Rumänien. Als er im Sommer 2014 wieder nach Deutschland zurückkehrte, besuchte er den Campus Galli einfach so aus Neugier und arbeitete ehrenamtlich mit. Es gefiel ihm so gut, dass er blieb und fest übernommen wurde – sehr zu seiner Freude: In der Moderne arbeite man in seinem Beruf oft nur noch als Monteur, sagt er: „Mir geht es aber ums Handwerkliche.“ Es sei zwar bei der Planung und Vorbereitung der Baumaterialien ein Umdenken erforderlich gewesen, weil er nur Mittel und Techniken des Mittelalters verwende. Aber das macht ihm nichts aus, denn: „Hier macht alles die Hand“, sagt Witschard-Schruttke.

Auch mehrere Langzeitarbeitslose haben durch das Projekt wieder in Arbeit gefunden. „Das ist ein Riesennutzen für beide Seiten – und natürlich auch für die Gesellschaft, weil die Personen nun wieder in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis stehen“, sagt Geschäftsführer Napierala.

Wann die Klosterstadt fertiggestellt sein wird, lässt sich derweil nicht abschätzen. Es gibt schlichtweg keine Erfahrungswerte. „Wir gehen von mehreren Jahrzehnten aus“, sagt Napierala. Doch das ist auch der Sinn des Ganzen. Denn wie der promovierte Archäologe betont: „Es geht bei Campus Galli nicht darum, ein Endprodukt zu präsentieren, sondern den Prozess zu veranschaulichen und diesen auch wissenschaftlich zu begleiten.“

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