Svenja (Amina Merai) entdeckt die politische Unkorrektheit. Foto: Björn Klein

Kurzweiliger als eine Soziologie-Vorlesung, aber mindestens so erhellend: In der bissigen Bühnengroteske „Café Populaire“ wird die aktuelle Klassengesellschaft karikiert.

Stuttgart - Klassismus ist das Thema des Abends. Nicht Klassizismus, was der Feuilletonleser mit einer Kulturepoche assoziiert. Auch nicht Sexismus und Rassismus, „obwohl das im Theater gerade eher en vogue ist“, wie Valentin Richter als Don doziert, nachdem er mit lautem Getöse und Skateboard auf die Bühne gerollt ist. „Eigentlich haben wir das Thema verfehlt.“ Von wegen. Schon in der ersten Minute der rasant inszenierten Komödie „Café Populaire“, die im Kammertheater als deutsche Erstaufführung am Samstag Premiere erlebte, wird klar, worum es geht: um die feinen Unterschiede, um das soziale Kapital, über das Theatergänger verfügen – und sich damit, wie Svenja böse zischt, abgrenzten gegen die, die mit Klassizismus noch nicht mal einen Baustil verbänden, dafür aber klatschten, wenn ihr Touri-Bomber auf der Landebahn aufsetze.

Svenja ist einer der vier Figuren, die die 1983 geborene Schauspielerin, Regisseurin und Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud in ihrer bissigen, sehr unterhaltsamen Groteske „Café Populaire“ als Versuchskaninchen durch den Distinktionsdschungel der Gegenwart jagt. Eigentlich ist Svenja (Amina Merai) ja ein guter Mensch: Sie hat studiert, isst vegan und arbeitet im Hospiz als Clown. „Eigentlich heißt es Hospizclownin. Ich habe mich entschlossen, den Anglizismus Clown als geschlechtsabstrakte Personenbezeichnung gelten zu lassen“, sagt Svenja, der politische Korrektheit über alles geht. Deshalb zünden ihre Pointen selten bis nie, deshalb hat sie auch nur acht Follower auf ihrem Videoblog.

Aram steht für das Dienstleistungsproletariat

Püppi, eine der Hospizbewohnerinnen, wäre gern der neunte Follower, wenn sie endlich dieses schon lange bei Aram bestellte Internet hätte. Aram (David Müller) in seinem maßgeschneiderten Trainingsanzug mit rosa Hütchen steht für das Dienstleistungsproletariat der Gegenwart: Er ist Altenpfleger, Uber-Fahrer, Putzmann, Paketbote und rappt im besten Migrantensprech über die Zubereitung von Borschtsch.

Es dauert eine Weile, bis sich Amina Merai in der Rolle der humorfreien Spaßmacherin freispielt. Richtig lustig wird es, als „der Don“ von ihr Besitz ergreift und sie plötzlich das ausspricht, was ein politischer unkorrekter Teil von ihr schon immer dachte, aber nie zu sagen wagte. Der Don (diabolisch: Valentin Richter) plädiert für soziale Entmischung in den Städten: Dem Dienstleistungsproletariat sollte das Wohnen im Umland schmackhaft gemacht werden, damit es nicht mehr länger im Wettstreit um die begehrten Altbauwohnungen mitmischt. „Ich hasse sozial exkludierte Schmarotzer, arme Menschen. Dich auch, mit dem beschissenen Zahnglitzersteinchen. Da hängt noch der Scheiblettenkäse vom Frühstück drin“, lässt er Svenja im Live-Stream beim Humoristen-Wettkampf ausstoßen.

Es geht um die Abgrenzung nach unten

Sind wir nicht alle ein bisschen Svenja? Darum geht es in „Café Populaire“: um die Abgrenzung nach unten und warum der Klassismus, das Reden über die neuen alten Klassen, durchaus auf die Bühne gehört. Denn die Analyse des Soziologen Pierre Bourdieu von den feinen Unterscheiden, die undurchlässige soziale Schranken bedeuten, gilt immer noch. Aber weil das Theater keine moralische Anstalt mehr ist, verpackt Nora Abdel-Maksoud das alles in eine kein Klischee auslassende Groteske mit immer neuen Volten im Kampf ums Erbe des Gasthauses „Zur goldenen Möwe.“ Soll die zur Kita für alle werden?

Die junge Regisseurin Anja Schoenwald drückt aufs Tempo, was dem Witz gut, der Verständlichkeit manchmal weniger gut tut. Es ist ja nicht nur zum Lachen, was auf der im Foyer eingerichteten Bühne in pfeilschnellen Dialogen zu hören ist. Hinter der Komik steht eine kluge, sehr bissige Analyse der Gegenwart und ihrer sozialen Schere. Wie gekonnt Püppi (Felix Strobel) aus der Rolle fällt und die Handlung in einem Wutausbruch zusammenfasst, gehört zu den Höhepunkten eines nur 75 Minuten langen, aber mehr als kurzweiligen Abends.

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