Hans (links) ist Stammgast im Café 72. Er hat einen guten Draht zu dem Sozialpädagogen Christoph Lakner. Foto: Julia Bayer

Im Café 72 des Vereins „Ambulante Hilfe“ an der Waiblinger Straße finden Wohnungslose und andere Bedürftige Obdach und Ansprache. Gerade in der Weihnachtszeit kommen bei vielen die sonst verdrängten Gefühle hoch. Ein Besuch.

Bad Cannstatt - Als er Weihnachten hört, muss Maik kurz den Raum verlassen. Der 35- Jährige ist ein emotionaler Typ, die 1,6 Promille, die er nach eigener Schätzung im Blut hat, tun ihr Übriges. „Ich bin seit 14 Jahren allein“, erzählt er, als er sich wieder gefasst hat. An Heiligabend wie an jedem anderen Tag. Maik ist nach einem traumatischen Erlebnis in seinem Job als Rettungsassistent vor sechs Monaten ausgestiegen. Seither „macht er Platte“, wie es im Jargon heißt. Maik schläft auf der Straße.

Die Geschichte des blonden Mannes ist eine von vielen, auf die der Gast im Café 72 an der Waiblinger Straße stößt. Alle Besucher der Einrichtung, die werktags für bedürftige Menschen mit oder ohne Wohnung offen steht, haben ihr Päckchen zu tragen. Viele sitzen alleine an dem großen Tisch, der das Herz des Bistros bildet. Sie lesen, essen tief über den Teller gebeugt zu Mittag – Gulasch mit Rotkohl steht heute auf dem Speiseplan – und schweigen.

„Ich saufe nicht und habe einen Job“

Anders Hans: Der 61-Jährige sitzt mit drei anderen Männern am Kopf der Tafel und zeigt Bilder aus Ghana. Zehn Jahre hat er dort gelebt, sich mit seiner Ex-Partnerin einen Lebenstraum erfüllt. Die Insolvenz seiner Firma konnte der Zimmerermeister mit der Auswanderung hinter sich lassen, ganz neu beginnen. Doch die Beziehung scheiterte, dann war das Geld aus. Hans musste zurück nach Deutschland. Zurück in die Arbeitswelt wie er gehofft hatte ging es jedoch nicht: „Ich bin zu alt“, sagt Hans. Das habe er mit vielen anderen, die das Café besuchen, gemeinsam. Sonst eher wenig, wie er betont. „Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, saufe nicht und habe einen Job.“ Täglich fährt er für die Johanniter geistig behinderte Menschen zur Werkstatt in Bonlanden, wo sie arbeiten, und wieder heim.

Man kann die Gäste des Café 72 keinesfalls über einen Kamm scheren, weiß auch Christoph Lakner. Der Sozialpädagoge arbeitet seit drei Jahren im Café. „Es gibt nicht den klassischen Wohnungslosen“, sagt er. Manche seien psychisch krank, andere hätten sie wie Maik freiwillig für die Straße entschieden, die einen trinken und haben sich aufgegeben, andere kämpfen.

In der Regel geht es sehr friedlich zu

An diesem Montag ist von allem etwas dabei. Es wuselt im Café 72. Die Dusche, der PC und der Fernseh- und Raucherraum sind besetzt. Im Vorraum sitzen einige Männer und trinken. Das ist nur dort erlaubt. Wer drinnen trinkt, bekommt Hausverbot. Eine Liste im Büro der Mitarbeiter zeigt, dass sie ein solches immer wieder verhängen müssen. Die Gründe sind nicht nur das Saufen. Auch „Gewalt“ steht da in der Spalte für den Hausverbots-Grund oder „Sabotage“. „Es menschelt eben bei uns“, sagt Christoph Lakner. Gerade in der besinnlichen Zeit lägen die Nerven blanker als sonst. „Unsere Gäste werden mit dem Leben, mit ihrer Vergangenheit konfrontiert“, sagt Lakner, der sich bei der Straßensozialarbeit auch außerhalb des Cafés um die Wohnungslosen kümmert. In der Regel gehe es aber sehr friedlich zu.

Die Kleiderkammer ist beliebt. Foto: Ambulante Hilfe

Typisch für die Vorweihnachtszeit ist auch, dass wie an jenem Morgen auffällig viele Roma im Café sind. Sie nehmen eine Sitzgruppe im Eck ein, bleiben unter sich, sind lauter und aufgeregter als die anderen Besucher. Die Männer und Frauen sind keine Flüchtlinge, sie leben auf der Straße und betteln. Ihre Pappschilder, auf denen sie um Geld betteln, haben sie auf dem Fenstersims abgestellt. Obwohl sie auf sich gestellt sind und nicht vom Staat unterstützt werden, schwelt bei den andern Besuchern der Neid. Sie denken, die Roma würden mehr Anziehsachen aus der Kleiderkammer und größere Portionen bei der Essensausgabe bekommen, erzählen die Mitarbeiter. Die Sprachbarriere tut ihr übriges.

Fürs Festessen fehlt nur ein zweiter Teller

Nach Weihnachten würde es meist ruhiger werden, viele Roma gehen dann zurück nach Rumänien, sagt Lakner. Montags ist im Café trotzdem immer extrem viel los. „Die Besucher, die Platte machen, wollen dann Duschen und Essen.“ 40 Mahlzeiten gehen an diesem Tag über die Theke, gekocht vom Küchenteam, bestehend aus Besuchern. Jeder soll im Café mit anpacken.

Hans und Maik diskutieren derweil, was an Weihnachten auf den Tisch kommen könnte. Eben haben sie beschlossen, den Abend zusammen bei Hans zu verbringen. Er lebt in einer kleinen Wohnung im Sozialhotel. Das sei kein Problem, sagt er. „Ich brauche nur noch einen zweiten Teller.“

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