Vor vier Jahren wurde die Rems bei Winterbach auf rund einem Kilometer Länge renaturiert. Pflanzen und Tiere haben das Terrain im Nu zurückerobert. An die Besucher gibt es eine große Bitte.
Es sind harte Worte: „Die Rems ist ein Abwasserkanal“, sagt Manfred Hennecke, Naturschützer aus Remshalden. Die Wasserqualität ist zwar in Ordnung, aber der 80 Kilometer lange Fluss bewegt sich vielerorts eingekeilt zwischen hohen Dämmen. Einst war die Rems um einiges länger: Pläne aus dem 19. Jahrhundert zeigen, wie der Fluss in Schleifen und Bögen durch das Tal mäanderte. Doch dann wurde die Rems Stück für Stück begradigt – erst für die Flößer und dann, um Platz im Tal zu schaffen.
Zwischen Winterbach und Remshalden allerdings bekommt der Fluss seit etwa vier Jahren wieder mehr Raum. Wie sich der Bereich dadurch entwickelt hat, das findet Manfred Hennecke schlichtweg faszinierend: „Die Rems kann anders sein“, sagt er. Auf etwa 1,1 Kilometern darf sie wieder ein Fluss wie aus dem Bilderbuch sein. Im renaturierten Abschnitt wurden die Deiche nach hinten verlegt, darf sich das Flussbett auf einer Breite von 90 Metern bewegen. Auf den Luftbildern ist der gravierende Unterschied gut zu sehen: Die Rems darf mal sprudeln wie ein munteres Bächlein, sie darf sich schlängeln, sie darf Inseln bilden und Gelände abtragen, sie darf Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere sein.
Eisvogel, Biber und Co: Die Natur hat den Fluss zurückerobert
„Eine Woche nachdem die Bagger weg gewesen waren, kam der Eisvogel“, erzählt Hennecke. Besonders gefreut hat er sich über das Echte Barbarakraut, „das wächst nur an natürlichen Flussläufen“. Und ein echtes Highlight war es für Hennecke, als er dieses Jahr die ersten Fraßspuren eines Bibers entdeckt hat: „Da war ich platt. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass der Biber wiederkommt.“
Angesichts dieses Naturparadieses mag man sich nicht vorstellen, dass das Projekt fast an den Kosten gescheitert wäre. Ein Blick zurück: Zunächst war es der Hochwasserschutz, der die Rems-Renaturierung ins Spiel gebracht hat. „Alles hat mit der Änderung des Wassergesetzes und Wasserhaushaltsgesetzes im Jahr 2013 angefangen“, erzählt Hans-Peter Sieg, technischer Geschäftsführer des Wasserverbands Rems. Die Gemeinde Winterbach hatte dadurch das Problem, dass sich der gesamte Ort nach den neuen Hochwassergefahrenkarten im Überschwemmungsgebiet befand und kein Bauvorhaben mehr genehmigt werden konnte.
Ziele: Überflutungsfläche und ökologische Aufwertung der Rems
Der Befreiungsschlag sollte in Form einer neuen Überflutungsfläche gelingen. Diese im Zuge der bis dato größten Rems-Renaturierung zu realisieren, sei nur aus einem Grund gegangen: „Der Gemeinde haben riesige Flächen gehört. Ansonsten hätten wir das nicht geschafft“, erzählt Hans-Peter Sieg, der in dem Projekt von Anfang an mehr gesehen hat als einen Retentionsraum von etwa 100 000 Kubikmetern. „Mir war die ökologische Aufwertung der Rems immer wichtig“, sagt er.
Die Planung sei zügig vorangegangen, das Land habe eine Förderung zu 85 Prozent bewilligt. Doch dann wollte Winterbach die Rems-Renaturierung aus Kostengründen verschieben – und wohl auch deswegen, weil die Hochwassergefahrenkarten erneut geändert worden waren und nun kein Bauverbot mehr im Raum stand. Zudem war befürchtet worden, dass die Renaturierung erst kurz vor der Remstal-Gartenschau fertig werden würde und nur eine braune Wüste zu sehen sei.
125 000 Kubikmeter Erde wurden bewegt
Noch heute ist Hans-Peter Sieg dem Land dankbar, dass es die gesamten Kosten von rund 3,3 Millionen Euro übernommen hat und die einmalige Chance ergriffen werden konnte. Schließlich ging es Schlag auf Schlag: Im Oktober 2017 erfolgte der Feststellungsbeschluss, Ende des gleichen Jahres wurde mit notwendigen Baumfällarbeiten begonnen, im Februar 2018 fiel der offizielle Startschuss. Und dann begann das große Buddeln, 125 000 Kubikmeter Erde wurde bewegt, Seitenarme und neue Inseln angelegt, Kies und Sand verarbeitet.
Von Anfang an wurde auf die Kraft des Flusses gesetzt: „Die Rems hat ein starkes Geschiebe, transportiert also viel Material mit sich“, erklärt Sieg. Dass dieses Material das Gelände immer wieder verändern werde, das sei klar gewesen. Genauso wie die Tatsache, dass nach jedem Hochwasser Pflanzensamen zurückbleiben. „Wir haben kaum etwas angepflanzt“, sagt Hans-Peter Sieg. Einzige Ausnahmen: die große Blühwiese auf der Nordseite und die Bäume, die einmal einen Auwald bilden sollen.
Die Begeisterung der Besucher bringt Probleme
Obwohl an vielen Stellen noch etwas kahl, mauserte sich die Rems-Renaturierung schnell zu einem Höhepunkt der Remstal-Gartenschau 2019. Vor allem während der Corona-Lockdowns zog es immer mehr Besucher an die Rems-Renaturierung. „Die Menschen sehnen sich nach der Natur, aber sie haben kein Verständnis mehr für die Natur“, sagt Manfred Hennecke. Er hat nichts dagegen, wenn die Besucher das Naturparadies von den Dämmen aus beobachten. Aber er hat schon Camper von Inseln vertreiben müssen, und er sieht den Müll nach Partys am Fluss und trauert um das Nest eines Flussregenpfeifers, das zertreten wurde. „Ich möchte, dass das Gebiet unter Naturschutz gestellt wird“, sagt er.
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Manfred Hennecke findet es zudem schade, dass im Zuge der Remstal-Gartenschau nicht noch weitere Flussabschnitte naturnah umgestaltet wurden: „Wenn es eine kilometerweite Renaturierung gäbe, dann wäre Winterbach nicht so ein Hotspot geworden.“ Ist ein solches Projekt in diesem Ausmaß auch an anderen Stellen der Rems möglich? Ja, meint Hans-Peter Sieg und nennt gleich zwei. Bei Urbach sei die Rems so naturfern wie sonst nirgendwo. Da könne man den Fluss sogar auf 1,5 Kilometer naturnah gestalten. Und auch bei Waiblingen könnte sich der Fachmann eine 800 Meter lange Renaturierung vorstellen. „Man muss es nur wollen“, sagt Hans-Peter Sieg.