Wer ahnt schon, wenn er durch die Obere Straße in Stuttgart-Berg schlendert, dass hier bis 2004 die Städtische Frauenklinik stand? Ganze Generationen von Stuttgartern haben hier das Licht der Welt erblickt.
Stuttgart - Keine Frage, die Dauergäste des legendären Mineralbads Berg dürfen sich als waschechte Bergianer bezeichnen. Aber auch jene Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die dereinst in der Frauenklinik Berg das Licht der Welt erblickt haben, gehen wohl als Bergianer durch. Wie viele Menschlein das bis zum Jahr 2004 waren? Eine Zahl lässt sich nicht ermitteln. Aber dass ganze Generationen von Stuttgarterinnen und Stuttgartern in jenem gelblich-grauen Bau in der Obere Straße ihren ersten Schrei getan haben, soviel ist sicher. Der Autor dieser Zeilen (Jahrgang 1961) gehört genauso dazu wie sein jüngster Spross (Jahrgang 2000).
Kurdistan ist der letzte Bergianer
Der letzte dieser Bergianer heißt mit Vorname Kurdistan. Er kommt am Mittwoch, 28. April 2004 um 22 Uhr per Kaiserschnitt in der Frauenklinik zur Welt. Tags darauf räumt die Klinik das Feld und zieht nach Bad Cannstatt um. Die Aktion ist generalstabsmäßig geplant, aber eigentlich gar nicht so wild, erinnert sich Professor Ulrich Karck, der Ärztliche Direktor der Frauenklinik am Klinikum Stuttgart. Der gebürtige Hamburger Karck war damals als Chefarzt mit von der Partie. Die Frauenklinik sei in einem recht desolaten Zustand gewesen, erinnert er sich, nur acht Patientinnen hätten mit umziehen müssen.
Umzüge sind eine „schwere Geburt“
Für einige der Krankenschwestern und Ärztinnen und Ärzte war das bereits der zweite Umzug. Erst 1988 war die Städtische Frauenklinik aus dem Stuttgarter Westen in dem Haus der ehemaligen Landesfrauenklinik im Stuttgarter Osten untergebracht worden – nachdem der Gebäudekomplex zuvor für 36 Millionen Mark saniert worden war. Wenn man sich mit dem Umzug der Stuttgarter Geburtskliniken beschäftigt, stößt man immer wieder auf Begriffe wie „Geburtswehen“ oder „schwere Geburt“. Richtig glücklich war man mit dem Standort in Berg nie, weil etwa Frühchen mit dem Krankenwagen mitten durch die Stadt ins Kinderkrankenhaus Olgäle in den Westen der Stadt gefahren werden müssten. Noch in den 2000er Jahren mussten Säuglinge mit Neugeborenengelbsucht ins Olgäle gebracht werden, weil in der Frauenklinik keine entsprechenden Lampen zur Behandlung vorhanden waren.
Übergangslösung besteht zehn Jahre
Die Unterbringung der Frauenklinik in Bad Cannstatt war übrigens als Übergangslösung gedacht. Aber dann hat es doch zehn Jahre gedauert, bis die Frauenklinik an ihrem heutigen Standort in der Kriegsbergstraße einziehen konnte. „Dann mit 38 Patientinnen“, erinnert sich Professor Karck.
Aus der Vogelperspektive betrachtet sticht der Wandel in dem Viertel im Stuttgarter Osten gar nicht so dramatisch ins Auge. Ein großer, lang gezogener Block, die ehemalige Frauenklinik, im Volksmund auch „Hebammenschule“ bezeichnet, ist verschwunden. Mehrere kleinere Quader schossen zwischen Juli 2005 bis Mai 2009 aus dem Boden. Sollte es einen der Bergianer heute an den Ort seiner Geburt ziehen, trifft er dort auf eine nicht unansehnliche Ansammlung von fünf- bis siebenstöckigen Wohnblocks. 170 Eigentumswohnungen sind auf dem Areal der Frauenklinik in drei Bauabschnitten für 30 Millionen Euro entstanden.
„So eine Gegend verlässt man nicht.“
„Die Wohnungen sind hochwertig ausgestattet“, erzählt ein ehemaliger Bewohner. „Und die Lage ist erste Sahne.“ Die häufig frequentierte Stadtbahnhaltestelle Mineralbäder ist fußläufig zu erreichen, ebenso der Park der Villa Berg und der Schlossgarten. „So eine Gegend verlässt man eigentlich nicht“, meint der Mann. Aber irgendwann stand Nachwuchs ins Haus und die Eigentumswohnung der Freundin wurde zu klein. Tja, immer diese Kinder.