Der Burgholzhof hat eine wechselvolle und spannende Geschichte. Foto: Nagel

Der markante Höhenzug mit dem Burgholzhofturm und dem herrlichen Blick ins Neckartal ist von einer bewegten Geschichte geprägt. Lange Zeit wurde das Gelände militärisch genutzt. US-amerikanische Soldaten prägten Bad Cannstatt mit.

Bad Cannstatt - Der Burgholzhof ist nicht nur der jüngste der insgesamt 18 Stadtteile Bad Cannstatts. Allein von seiner Höhenlage her zählt das Wohngebiet zu den schönsten Ecken der Landeshauptstadt. Geprägt hat den Höhenzug jedoch nicht nur seine sonnenträchtige, einmalige Lage, sondern auch seine wechselvolle Geschichte.

 

Der Burgholzhof gehört zu Cannstatt wie das Mineralwasser und der Wein. Schon von weitem ist der lang gezogene Bergrücken mit dem markanten Aussichtsturm zu erblicken. Und bereits seit dem 19. Jahrhundert wird der Wolfersberg von den Cannstattern als Naherholungsgebiet genutzt. Auf dem Burgholzhof entstand daher vor mehr 150 Jahren auch Cannstatts erstes „Höhenrestaurant“. Denn die Konzession für die Bewirtschaftung wurde im Jahr 1869 erteilt.

Beliebtes Ausflugsziel

Der aus Endersbach stammende Ökonomierat Aldinger und dessen Familie erhielten die Erlaubnis, Ausflügler auf dem Burgholzhof mit Speis und Trank zu versorgen. Was jetzt schwarz auf weiß vorlag, hatte sich jedoch Jahre zuvor zwanglos eingebürgert. Denn bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam dem damals berühmten Wirtshaus Adler eine Schlüsselrolle zu. Ein cleverer Gastronom namens Weisser war gleichzeitig Besitzer eines umfangreichen Gutes auf der Wolfersberger Heide, wo er alle seine Stammgäste bewirtete.

Aber nach seinem Tod ebbte der Andrang in dieser beliebten Einrichtung ab. Der Grund war, dass sich Weissers Schwiegersohn Zeltmann mehr auf die Landwirtschaft konzentrierte. In diesem Zeitraum erhielt der Burgholzhof auch seinen heutigen Namen. „1837 erhielt das Gut des Adlerwirtes Zeltmann auf der Wolfersberger Heide den Namen Burgholzhof“, heißt es in einer Oberamtsbeschreibung. 15 Jahre später verkaufte Zeltmann das gesamte Anwesen an die königliche Hofdomänenkammer. Der Burgholzhof wurde somit zur Staatsdomäne und an die Familie Aldinger aus Endersbach verpachtet. Die große Zeit von Cannstatts einzigem landwirtschaftlichen Unternehmen in dieser Größe konnte beginnen.

Turm kostete 10 000 Mark

1891 wurde der Burgholzhofturm gebaut. Der Cannstatter Verschönerungsverein beauftragte den Oberamtsbaumeister Keppler, für 10 000 Mark einen 25 Meter hohen „Rundumblicker“ zu errichten. Er stand am äußersten Zipfel der Domäne, 358,20 Meter über dem Meeresspiegel und damit auf dem höchsten Punkt Cannstatts. Am 19. September 1891 wurde der Turm eingeweiht und war fortan ein beliebtes Ausflugsziel. Bis zur Plattform waren es exakt 100 Stufen. Wer die erklimmen wollte, musste damals jedoch bezahlen.

Während des Zweiten Weltkriegs war der Turm geschlossen und auch nach Kriegsende war er nicht immer offen. Ab den 60er-Jahren war er dann dauerhaft zu. Erst 1984 wurde auf Betreiben des Vereins „Pro Alt- Cannstatt“ hin der Burgholzhofturm renoviert. Die Kosten: rund 300 000 Mark. Seit dem Jahr 1987 ist der Aussichtsturm für die Öffentlichkeit wieder zugänglich. Die Geschichte des Burgholzhofs hat jedoch auch noch einen zweiten Teil. Denn von den 1920er Jahren bis 1992 war er stark vom Militär geprägt. Wegen der Neckarregulierung, die 1929 beendet war, musste der Truppenübungsplatz auf dem Cannstatter Wasen geräumt werden. Als Ersatz kaufte die Stadt Stuttgart große Teile des Burgholzhofes, um dort einen neuen Übungsplatz einzurichten. 1930 baute das Militär die Flandernkaserne mit einem großen Exerzierplatz für 1000 Soldaten. 1935 bezog schließlich das Infanterieregiment 119 den Komplex.

Stadt errichtet Truppenübungsplatz

Nach Kriegsende 1945 dienten die nur leicht beschädigten Kasernengebäude als Unterkünfte für befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – die sogenannten „Displaced Persons“. Drei Jahre später zogen dann US-amerikanische Truppen ein. Das Areal hieß fortan Robinson-Barracks. Für die amerikanischen Truppen und ihre Familien ließ die Bundesregierung von 1950 bis 1957 eine Wohnsiedlung bauen. Mehrfamiliengebäude für die Truppen, Villen für die Offiziere. In den folgenden Jahren kamen Einkaufszentrum, eine Schule und eine kleine Kirche hinzu. Auch eine eigene Energiezentrale wurde gebaut, so dass „Little America“ weitgehend unabhängig war.

AFN sendet ab 1958

Ab 1958 strahlte American Forces Network – kurz AFN – aus dem Obergeschoss der Schule seine Radio- und Fernsehprogramme aus. Zuvor war der berühmte Sender, der damals über lokale Ereignisse innerhalb der US-Streitkräfte berichtete, im Obergeschoss des Hotels Graf Zeppelin beheimatet. Der legendäre Sender unterrichtet seine Hörer über Veranstaltungen, die damals in den 39 US-Kasernen, zehn Wohnsiedlungen, 22 Service-Clubs und 22 amerikanischen Kinos in Südwest-Deutschland stattfanden. Besonders beliebt bei den deutschen „Mithörern“ war AFN deshalb, da der Sender populäre Musikarten wie Jazz, Rock’n’Roll und Country spielte – und zwar ohne die lästigen Werbeblöcke.

Chance für Städtebau

Der dritte Teil der Burgholzhof-Historie ist vom Wohnungsbau geprägt. Das Kapitel begann 1989. Die weltpolitische Veränderung führte in Deutschland zur Auflösung vieler Militärstandorte. Darunter die Reiter- samt McGee-Kaserne auf dem Hallschlag, das US-Hospital sowie die Robinson-Barracks auf dem Burgholzhof. Rund 10,5 Hektar wurden alleine dort 1993 von den US-Streitkräften freigegeben. Der Rückzug eröffnete der Stadt eine Chance für die Stadtentwicklung, die in ihrer Geschichte ihresgleichen suchte.

Architekt Schmohl baut Kaufhaus

1995 wurde das Areal für 18,2 Millionen Mark vom Bund erworben. Und erstmals in der Städtebaugeschichte der Stadt wurde eine Planungswerkstatt gegründet. Sie bestand aus Bürgermeistern, Stadträten, Architekten, Initiativen und sogar Kirchenmitgliedern. Drei Tage lang wurde im Schwarzwald diskutiert, wie der Burgholzhof bebaut werden sollte. 1996 begann die Stadt, Teile des Gebietes zu veräußern, die Entflechtungsarbeiten wurden erledigt sowie Alt- und Kriegslasten entfernt. Parallel dazu starteten die Abbrucharbeiten der Mannschaftsgebäude, fast 230 000 Kubikmeter umbauter Raum. Das Gewicht des Abbruchmaterials betrug 100 000 Tonnen, was etwa 5000 Lasterfuhren entsprach. Im D-Zug-Tempo ging es weiter, so dass der Spatenstich für den ersten Neubau bereits im Dezember 1996 war. 18 Monate lang prägten bis zu 25 Baukräne das Stadtbild, ehe im Juni 1998 die ersten Bewohner von Baubürgermeister Matthias Hahn begrüßt wurden.

Und 23 Jahre später? Der Burgholzhof ist nicht nur laut Bauhistorie der Landeshauptstadt der jüngste Stadtteil. Jede Menge Kinder sorgen auch heute noch dafür, dass das Durchschnittsalter der Einwohner bei gerade einmal 34 Jahren liegt.

Luftbilder-Projekt
 BW von oben: Für unser Luftbilder-Projekt BW von oben haben wir 20 000 Luftbilder von 1968 aufbereitet – fürs ganze Land, durchsuchbar nach Adressen und jeweils mit der heutigen Ansicht vergleichbar. Dazu erscheinen in den nächsten Wochen auch zahlreiche Artikel aus den Neckarvororten. Digitalabonnenten dieser Zeitung können unsere Luftbilder-Anwendung vollumfänglich nutzen. Sie steht online unter:

www.stuttgarter-zeitung.de/bw-von-oben und

www.stuttgarter-nachrichten.de/bw-von-oben