Das unbebaute Tammerfeld 1968: Ein guter Standort für das örtliche Gewerbe. Berühmt wurde der Standort allerdings wegen seiner Konsumtempel. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-4070, LGL

Gläserne Aufzüge, Hosenknöpfe und Köttbullar: Der Bau des Breuningerlandes und von Ikea in Ludwigsburg ging mit höchst turbulenten Diskussion einher. Doch die Kunden strömten in Scharen. Rückblick auf eine Zeit, die erstaunlich aktuell ist.

Auf diesen 5. April 1973 haben die Massen gewartet. Als sich um 12 Uhr am Mittag zum ersten Mal die Glastüren des Breuningerlandes auseinanderschieben, stürzen die Besucher hinein, als gäbe es in dem Konsumtempel eine echte Gottheit zu berühren. Das ist natürlich nicht der Fall, das Haus ist Sensation genug. So etwas hat die Welt, oder zumindest das Land, noch nicht gesehen. Gläserne Aufzüge, ein Kino, ein Flugsimulator, ein Teich mit japanischer Brücke im Eingangsbereich, Restaurants – und natürlich Waren ohne Ende: Vom Hosenknopf bis zum Super-Rennwagen gab es nichts, was es nicht gab. „Wo ist der Mittelpunkt der Welt? Neuerdings im Tammerfeld“, reimt der Landrat dereinst.

 

Breuninger meldet Bedarf an

Etwas mehr als 49 Jahre liegt dieser Jubeltag nun zurück. Doch bei genauer Betrachtung ist er, und alles, was dazugehört, noch immer hochaktuell.

Das Gelände, auf dem das Breuningerland entstand, war unbebaut, als die Stadt Ludwigsburg beschloss, aus dieser grünen Wiese ein Gewerbe- und Industriegebiet zu machen. Sie wollte den Erweiterungswünschen ihre Firmen „Rechnung tragen“. Wahrscheinlich hätte dieses Vorhaben nicht übermäßig viel Aufmerksamkeit erregt, wenn nicht auch die Firma Breuninger aus Stuttgart Bedarf angemeldet hätte.

Ein völlig neuartiges Konzept

Das traditionsreiche Warenhaus wollte dort, direkt an Autobahn und Bundesstraße, etwas erschaffen, was es bis dahin nur in Amerika gab: ein Shoppingcenter. Heute muss man nicht mehr erklären, was das ist. Damals erschien es nachgerade verwegen, unter einem Dach Dinge darzubieten, die nicht nur dazu dienten, Bedürfnisse zu decken, sondern vor allem Wünsche zu erfüllen. „Der Kunde der Zukunft wird noch mehr Freizeit und ein noch größeres Erlebnisbedürfnis haben“, erläuterte Breuninger. Die Firma wollte mit ihrem Einkaufszentrum auch dem zunehmend stärker werdenden Versandhandel etwas entgegensetzen.

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„Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert“, sagt der Stadtarchivar Simon Karzel, der sich anlässlich des Baubeginns vor 50 Jahren mit der Geschichte des Breuningerlandes befasst hat. Dazu gehört auch, man ahnt es, dass Ludwigsburg damals beinahe Kopf stand. Hin- und hergerissen zwischen Ekstase und Sorge: Was, wenn die Kunden der Innenstadt fortan nur noch an den Stadtrand pilgern? Wo es neben dem ach so bombastischen Ambiente kostenlose Parkplätze zuhauf gibt und schlechtes Wetter nicht stört. Letztlich jedoch, im Juli 1969, genehmigte der Gemeinderat nach vielen, langen und heftigen Debatten das Vorhaben.

Und dann auch noch Ikea

Was natürlich nicht bedeutet, dass damit Ruhe im Tammerfeld einkehrte. Einerseits, weil das Breuningerland immer wieder attraktiver (heller, freundlicher, zusätzliche Angebote) und damit größer werden wollte. Andererseits, weil auch Ikea das Gelände entdeckt hat. Bevor das Möbelhaus aus Schweden im Hochsommer 1998 tatsächlich Billy-Regale und Köttbullar verkaufen konnte, ging es wieder heftigst zur Sache.

Die Händler in Innenstadt schlagen „fünf vor zwölf“ Alarm und schalten in ihren Geschäften symbolträchtig die Lichter aus. Eine anonyme Gruppe verteilt Postkarten, auf denen Reime stehen wie: „Wächst das Areal, ist die Innenstadt bald kahl.“ Und die Nachbargemeinde Tamm, wo so gut wie jeder mobil macht, klagt gegen den Bebauungsplan für das Riesen-Projekt. Der Ort befürchtet, unter den zu dräuenden Automassen begraben zu werden. Letztlich ändert auch dieser Protest nichts: Im Mai 1997 beginnt Ikea im Tammerfeld zu bauen.

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Die Innenstadt motzt sich auf

Wer Ludwigsburg kennt, weiß, dass die Befürchtungen von einst nicht wahr geworden sind. Die Innenstadt ist nicht untergegangen – im Gegenteil: Entgegen ihrer Drohungen haben Ludwigsburger Geschäftsleute investiert und ihre Läden aufgehübscht. Die Stadt selbst hat durch Sanierungen und die Einrichtung der Fußgängerzone bislang Unvorstellbares getan, um die City und die (nicht mehr ganz so) grüne Wiese einigermaßen in eine Balance zu bringen.

Eine kühne Idee mit Folgen

Dazu gehörte Mitte der 1970er Jahre auch der Bau des Marstall, einem Einkaufscenter in der Innenstadt, dem Jahrzehnte später erneut eine bedeutende Rolle zukommt. Als das Breuningerland 2012 mal wieder Wachstumspläne schmiedet, koppelt die Stadt die Genehmigung an eine Bedingung: Der Betreiber der Mall soll das ganz und gar unansehnlich gewordene Marstall reaktivieren – und damit die Innenstadt aufwerten. Lange unvorstellbar, doch so kommt es.

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Diese nunmehr fast zehn Jahre alten Wachstumspläne sollten nach langem Hin und Her voriges Jahr endlich umgesetzt werden. Dass dies nicht der Fall ist, liegt daran, dass Tamm und Bietigheim-Bissingen dagegen geklagt haben. Die Nachbarkommunen sorgen sich wegen der Auswirkungen auf ihre Ortskerne. Und tatsächlich: Am Montag hat der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim die Ausbaupläne gekippt. Wie es nun weiter geht, ist offen. Ruhig, so viel dürfte klar sein, wird es nicht werden.

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