Wie können Jugendliche mit Polarisierung in den sozialen Medien umgehen und Schulen sich gegen Extremismus wappnen? Die Buzzard-App soll helfen. In der Friedrich-Ebert-Schule in Esslingen wird sie bereits im Unterricht eingesetzt.
Zwei bis drei Stunden am Tag verbringen die Schüler der 12. Klasse der beruflichen Friedrich-Ebert-Schule in Esslingen nach eigenen Angaben durchschnittlich in den Sozialen Medien. Die Plattformen Instagram, Snapchat und YouTube sind am beliebtesten. „Das ist eine Menge Zeit“, sagt Felix Friedrich, „da ist es fast unausweichlich, dass man auch Inhalten von rechten Parteien, Extremisten oder Fake News begegnet.“ Friedrich hat deshalb zusammen mit Dario Nassal das Journalismus-Start-up Buzzard mit dazugehöriger App gegründet.
In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien die sozialen Netzwerke überfluten, sei es wichtiger denn je, den Überblick zu behalten – und verschiedenste Perspektiven kritisch zu prüfen und einordnen zu können, sagen die beiden Journalisten. Die App bündelt Medienberichte und Expertenanalysen zu aktuellen Debatten und ordnet diese ein. Knapp zusammengefasste Beiträge in Pro und Contra aufgeteilt sollen dabei helfen, sich eine eigene, gesicherte Meinung zu bilden. „Wir möchten vor allem den Blick der nächsten Generation schärfen“, erzählt Friedrich. Deshalb möchten die Gründer ihre App vor allem an weiterführenden Schulen verbreiten. „Die Jugend ist unsere Zukunft. Wer die Gesellschaft verändern möchte, muss sich unabhängig und konstruktiv mit anderen Meinungen auseinandersetzen“, sagt Friedrich.
App erleichtert politische Bildung
An diesem Montagvormittag sind er und sein Kollege für einen Workshop zu Gast in der Friedrich-Ebert-Schule in Esslingen. Hier wird die App seit einigen Monaten im Unterricht benutzt. Das Interesse daran ist groß. Auch ein Fernsehteam ist zu Gast. „Die App ist eine Bereicherung für uns“, sagt Sanja Ostoji. Sie unterrichtet die Jugendlichen in Gemeinschaftskunde und brachte den Vorschlag, Buzzard einzuführen – bisher als einzige Schule im Kreis Esslingen. Es lasse sich schließlich nicht mehr verhindern, dass die Inhalte, die die Jugendlichen in ihrer Freizeit konsumieren, den Unterricht mitbestimmen, so die Lehrerin. Die polarisierenden Zeiten machen auch vor den Jugendlichen nicht halt, beobachtet Ostoji, der Bedarf nach Einordnung sei groß. Außerdem helfe es, wenn diese von außen und nicht von der Lehrkraft selbst komme. Im Workshop wird deutlich, dass sich die Zwölftklässler fast ausschließlich über Soziale Plattformen informieren. So auch die Schülerin Victoria Stümpfeln. „Ich finde es wichtig andere Perspektiven wahrzunehmen, sonst versteift man sich zu sehr, und die App gibt neue Blickwinkel“, erzählt sie.
„Vor allem wenn es um emotionale Inhalte geht, vergessen wir oft, die Informationen zu hinterfragen“, erklärt Nassal. Extremisten und Menschen, die Propaganda verbreiten möchten, machen sich das zunutze. In Zeiten des Gaza-Kriegs, des Kriegs in der Ukraine und Zeiten, in denen der Rechtsextremismus an Stärke gewinnt, sei das eine Gefahr. „Ich habe das Gefühl, dass ich viel mehr Inhalte mit Pro-Palästina-Aussagen angezeigt bekomme“, reflektiert einer der Schüler. Die App-Gründer erklären den Schülern, wie sie selbst mitbestimmen können, was sie in den Sozialen Medien sehen. Algorithmus lautet das Stichwort. Er liefere genau das, was uns angeblich interessiere. Dieser orientiere sich aber nur daran, welche Posts Nutzer teilen, liken und kommentieren. Daran, wo sie sich gerade befinden und wonach sie suchen. Um nicht in eine Art Filterblase reingezogen zu werden, rät Friedrich deshalb den Jugendlichen wachsam beim Teilen und Kommentieren zu bleiben.
Wie erkennt man Falschbilder?
Doch woran lässt sich nun erkennen, ob es sich um Fakt oder Fake, um Seriöses oder Satire handelt? Weil vor allem Bilder die Plattformen bestimmen, starke Emotionen auslösen und gleichzeitig einfach manipuliert werden können, versucht Nassal, die Klasse für Falschbilder zu sensibilisieren. Er zeigt drei Fotos von Explosionen – angeblich alle in den vergangenen Tagen im Gazastreifen aufgenommen. Bei der Einschätzung gehen die Jugendlichen nach ihrem Bauchgefühl, „das sieht irgendwie komisch aus“, hört man des Öfteren. „Es gibt ein paar Tipps, an die ihr euch halten könnt“, sagt Nassal, „schaut euch immer zuerst die Quelle an.“ Außerdem sei ein Impressum ein Zeichen für Seriosität und mit der Google-Rückwärtssuche lasse sich herausfinden, wann das Foto zum ersten Mal im Netz aufgetaucht ist. Die Auflösung zeigt: eines der Fotos wurde bereits vor zwei Jahren in Gaza aufgenommen, ein anderes zeigt keine reale Explosion, sondern stammt aus einem Computerspiel. Überraschend sei das, sagt ein Schüler, und es sei erschreckend, was alles möglich ist.
Schulprojekt gegen Desinformation
Die Idee
Den Einfall für Buzzard hatten Felix Friedrich und Dario Nassal während ihres Politikstudiums in Mannheim im Sommer 2015. Ihnen fiel auf, wie schwierig es ist, im Alltag den Überblick über politische Perspektiven zu behalten, ohne sich durch die eigenen Lieblingsmedien leiten zu lassen. Erfunden wurde die App in Esslingen, weil die beiden zu der Zeit in der Region wohnten. Nun arbeiten sie, zusammen mit ihrem Team, in Berlin.
Finanzierung
Vielen Schulen fehlt für die Einführung der App das Geld, und die Bildungsarbeit von Buzzard ist nach der kurzfristigen Absage eines Großprojekts mit zwei Ministerien und 40 teilnehmenden Schulen zusätzlich in Gefahr. 100 weiterführende Schulen in Deutschland starten deshalb gemeinsam mit dem Journalismus-Start-up eine Crowdfunding-Kampagne, um die fehlenden Mittel beizusteuern. Die Aktion läuft noch bis zum 18. Dezember 2023.