So sehen Revolverhelden im Friedrichsbau Varieté aus Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Künstlerinnen und Künstler der Grand Gala des Burlesque-Festivals im Friedrichsbau Varieté können sich auf der Bühne nach allen Regen der Kunst entblättern. Mit gängigem Strippen haben sie aber nichts am Hut.

Stuttgart - 20er-Jahre-Mode, Cowboydress, Teufelshörnchen oder Glitzerturban: Schon der Anblick des Publikums, das sich am Samstag zur Grand Gala des vierten Stuttgarter Burlesque-Festivals im Friedrichsbau Varieté eingefunden hat, ist eine Augenweide. Erst recht gilt das für die Künstlerinnen und Künstler, die sich auf der Bühne nach allen Regen der Kunst entblättern. Mit gängigem Strippen haben die internationalen Szenestars nichts am Hut, abgesehen davon, dass die meisten Hüllen fallen. Die individuelle Präsentation ist wichtiger als die Zurschaustellung nackter Haut.

Testosteron im Federkleid

Das Duo Hearts Desire etwa greift das Motiv der Poledance-Stange auf, nutzt sie aber für Akrobatik mit geschmackvoll erotischer Komponente. Angelina Angelic aus Prag präsentiert zwar ihren drallen Körper, bietet sich aber nicht an. Burlesque heißt zeigen, was man hat – selbstbewusst. Die Person auf der Bühne wird nie zum Objekt. Respekt gehört zum knisternden, oft ironisch aufgeladenen Spiel zwischen Bühne und Zuschauerraum, das beeindruckend vielfältig ausfällt.

Wer denkt, die freizügige Kunstform zu kennen, weil er Dita von Teese im Champagnerglas gesehen hat, darf über die Bandbreite der Darbietungen staunen. Eine Trapeznummer im Steampunk-inspirierten Outfit (Marlene Kiepke aus Hamburg) ist ebenso vertreten wie maskuline Burlesque: Der gelenkige Aleksei von Wosylius, dessen Bewegungen man anmerkt, dass er eine Ausbildung als Balletttänzer genossen hat, setzt ganz andere Akzente. Conférencière Koko La Douce beschreibt den in Paris und Brüssel lebenden Burlesque-Hall-of-Fame-Las-Vegas-Preisträger als „Testosteron im Federkleid“. Das bringt die Stimmung seines Auftritts auf den Punkt.

Auch Gläser werden zersungen

Die zweifache Mutter ist mehr als nur Ansagerin. Sie unterhält auch selbst mit einer Einlage als gläserzersingende „Dechanteuse professionelle“ oder philosophiert über Cellulite als Zeichen erlangter sexueller Souveränität. Schönheit, auch das feiert diese Gala, hat nichts mit Alter, Gewicht oder Maßen zu tun. Jeder ist so schön, wie er sich fühlt. Wenn es Scarlett Martini danach zumute ist, zum Song „The Freaks“ von den Tiger Lillies als wandelndes Zirkuszelt aufzutreten und in Schwertschluckermanier einen ellenlangen Luftballon im Rachen verschwinden zu lassen, so wird dies vom Publikum ebenso bejubelt, wie die Cowgirl-Nummer von Rudy Ruby, der am Vorabend im Wettbewerb nominierten Queen of Burlesque 2019.

Die Veranstalter Fanny di Favola, Raunchy Rita und Elmar Jäger haben einen rundum stimmigen Abend auf die Beine gestellt. Von Cadillac Kolstad, der das Foyer mit Boogie-Piano beschallt, über den frivolen Verkaufsstand von Frau Blum neben der Garderobe, bis hin zur Wahl der ausgezeichneten Live-Band um Sascha Kommer passt alles. So hinterlässt die größte Burlesque-Veranstaltung Süddeutschlands einmal mehr begeisterte Insider und Neulinge, die sich schon jetzt darauf freuen, 2020 wieder mit dabei zu sein.

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