Burghart Klaußner „Ich bin lange nicht so mutig“

Von Andre Wesche 

Burghart Klaußner als Fritz Bauer Foto: Alamode/Martin Valentien
Burghart Klaußner als Fritz Bauer Foto: Alamode/Martin Valentien

Scheinbar mühelos schlüpft Burghart Klaußner in die unterschiedlichsten historischen Figuren. Nun verkörpert er den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse angeschoben hat – ein Gespräch über wahre Helden, Vergangenheitsbewältigung und die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg.

Stuttgart - Herr Klaußner, wie sehr setzt Sie ein Regisseur unter Druck, der seinen Film mit Originalaufnahmen der Persönlichkeit einleitet, die Sie verkörpern sollen?

Lars Kraume hat mich zuvor nach meiner Meinung gefragt. Und ich fand, das war eine wunderbare Idee.
Empfinden Sie für Figuren, die auf Personen des wahren Lebens basieren, eine besondere Verantwortung?
Natürlich ist man bestrebt, diesen Persönlichkeiten Gerechtigkeit widerfahren zu ­lassen. Aber dieses Gefühl gibt es auch fiktiven Figuren gegenüber, selbst wenn es sich um einen Mörder oder einen strengen Pfarrer handelt. Bei historischen Figuren ist der Orientierungsrahmen klar abgesteckt. Unser Film ist keine Dokumentation. Wir wollten jedoch nicht nur eine Biografie ­liefern, sondern auch ein Zeitbild.
Haben Sie Zeitzeugen und Bauer-Bekannte wie den Ermittler Gerhard Wiese getroffen?
Lars Kraume hat ihn getroffen. Ich habe einen Nachbarn von Fritz Bauer gesprochen, meinen Schauspielkollegen Wolfgang Kaven. Er war mit Bauer gut bekannt und hat mir zum Beispiel erzählt, wie kunstbeflissen und theaterinteressiert er war.
Haben Sie sich Gert Voss als Fritz Bauer im Film „Im Labyrinth des Schweigens“ angeschaut, der Ihre Geschichte gewissermaßen weitererzählt?
Das habe ich mir nach Ende der Dreharbeiten angeschaut. Eine Selbstverständlichkeit, zumal ich sehr schockiert von Gert Voss’ Tod war, den ich so lange kannte und mit dem ich befreundet war. Was er da gespielt hat, ist großartig. Aber natürlich ist Bauer in „Im Labyrinth des Schweigens“ eine Nebenfigur.
Dass die von Nazis durchsetzten Behörden der 1950er und 1960er Jahre kein Interesse an Ermittlungen hatten, liegt auf der Hand. ­Warum aber ist man auch heute noch so oft auf dem rechten Auge blind, wie der NSU-Prozess belegt?
Das ist eine schlimme Sache, eine Tragödie und auch eine Schande. Wir können nur feststellen, dass in der ehemaligen DDR der Antifaschismus hoch im Kurs stand und auch sehr viele Ermittlungen über Juristen angestellt wurden, die aber im Westen saßen. Die im eigenen Land waren offenbar spurlos verschwunden. Auch die DDR hat sich leider trotz antifaschistischer Programmatik nicht mit Ruhm bekleckert. Von Westdeutschland ganz zu schweigen. Die Frage, warum die Justiz so versagt hat, bleibt absolut auf der Tagesordnung. Offensichtlich kann sie auch heute noch jederzeit versagen. Da muss man sich fragen, was da eigentlich los ist. Warum sind Politik, gesellschaftliche Diskussion und die Menschen, die ein Bewusstsein für die Verbrechen der primitiven Gewalttäter haben, so viel weiter als unsere Justiz?
Wie hätte wohl Fritz Bauer reagiert?
Fritz Bauer dachte weiter. Ihm ging es um eine Strafrechtsreform im Allgemeinen. Der ganze Bereich des Strafvollzugs, die Frage, wie wir generell mit Straftätern umgehen und was aus den Menschen werden soll, die in Gefängnissen sitzen, hat Fritz Bauer sehr bewegt. Irgendwann werden wir uns mit diesen Themen viel intensiver beschäftigen müssen, wenn wir unsere Zivilisation vorantreiben wollen.
Auch andere Dinge haben sich nicht verändert. Bauer sagt im Film: „Die Menschen wollen keine Vision, sie wollen Konsum.“ Gilt das nicht heute umso mehr?
„Umso mehr“ würde ich nicht sagen. Ich bin ja in einem Alter, in dem man die 50er Jahre noch mit heute vergleichen kann. Damals bin ich zur Schule gegangen, und Eltern wie Lehrer kamen aus der Nazi-Generation. Ich habe die schrittweise Bewältigung der Vergangenheit miterlebt. Ich glaube nicht, dass wir heute in derselben Dumpfheit leben wie in den 50er Jahren, als die Verdrängung alles überstrahlte. In der Demokratie ist die Aufgabe, das Wort zu ergreifen, immer neu gestellt.
Georg Elser, die Geschwister Scholl, Stauffenberg und Fritz Bauer waren allesamt ­Schwaben. Was macht diese Menschen ­mutiger als andere?
(Lacht) Ja, diese Beobachtung habe ich auch gemacht. Hier sind natürlich der Spekulation keine Grenzen gesetzt.
Wurde in Ihrer Familie über die Zeit des ­Faschismus gesprochen?
Als ich Kind war, gab es das Thema nicht. Mein Vater war nicht bei der Wehrmacht. Er hat sich in Berlin als Gastwirt um den Krieg drücken können. Erst am 30. April 1945 wurde er erwischt und beinahe erschossen. Ich werde das mal zu Papier bringen. Die Frage „Was habt ihr im Krieg gemacht?“ wollte man gern stellen. Aber man hatte Angst vor den Antworten. So war es in den meisten Familien.
Waren Sie selbst ein unangepasster Student?
Ja, das war ich. Ich kam aus einem sehr behüteten Vorort von München, in den es meine Eltern aus Berlin verschlagen hatte. Dort habe ich Abitur gemacht. Es war die Insel der Seligen. Danach wollte ich unbedingt wieder nach Berlin, zum Studium auf die Schauspielschule. Dort begann dann die durchaus spannende Zeit der Politisierung.
Können Sie von einer Aufgabe ähnlich besessen werden wie Fritz Bauer?
Ich teile mit Bauer vielleicht Durchhaltewillen und Disziplin, aber ich bin lange nicht so mutig. Bauer hat ständig Morddrohungen bekommen. Er hat das mit einem Mut durchgestanden, der mir nicht zu Gebote steht.
Zur Figur des Fritz Bauer gehören auch das Rauchen und das Räuspern. War das für Sie als Sänger nicht ein Albtraum?
Mit ein wenig Stimmakrobatik und der Kunst des Schnittes kann man da natürlich viel tun. Aber es war schon eine Menge. Bauer wurde mal gefragt, wie viele Zigaretten er am Tag rauchen würde. Er antwortete, wenn er für eine Zigarette fünf Minuten braucht, müsste man nur seine 18 Arbeitsstunden durch fünf Minuten teilen. Was heißt das? Nichts anderes, als dass diese Rastlosigkeit und dieses Getrieben- und Vertriebensein ein Ventil brauchten.
Sie haben gesagt, am liebsten würden Sie nur noch Musik machen. Warum machen Sie es nicht einfach?
(Lacht) Bald! Zum Beispiel wieder am 14. November im Hamburger „Politbüro“.
Was für Erfahrungen haben Sie beim Dreh mit Steven Spielberg für „Bridge of Spies: Der Unterhändler“ gesammelt?
Die Begegnung mit diesem Mann war für mich amüsant und inspirierend. In jeder Faser spürt man, was für ein Spieler er ist und wie viel Spaß es ihm macht, Geschichten zu erzählen. Meine Szene war am Schluss ziemlich komisch, und ich habe ihn gefragt, ob sie nicht vielleicht ein bisschen zu komisch sei. Er meinte: „Nein, das Drehbuch ist von den Coen-Brüdern. Du weißt doch, wie die schreiben. Erst ist es ernst und manchmal auch wieder komisch.“ Trotzdem wollte ich noch eine „seriösere“ Variante ausprobieren. So ging es hin und her. Spielberg ist wahnsinnig begeisterungsfähig.

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