In einer vorgezogenen Sitzung des DFB-Präsidialausschusses erhält der Fußball-Bundestrainer Rückendeckung vom Deutschen Fußball-Bund. Das DFB-Präsidium geht Löws Weg „einvernehmlich“ mit – auch personell.
Stuttgart/Frankfurt - Am Ende ging es schnell. Der Mann, der im Amt bleiben darf, ging so, wie es sonst ein Entlassener tut. Joachim Löw verschwand am Montagnachmittag aus einem Nebeneingang der DFB-Zentrale am Frankfurter Stadtwald. Er sagte nichts. Die Kamerateams und die in zweistelliger Stärke anwesenden Medienvertreter warteten vergebens auf eine Stellungnahme des Bundestrainers.
Der schweigende Löw also hatte den Kampf um seinen Job am Montagmittag gewonnen, das war die eine Überraschung des Tages – die andere war der frühe Zeitpunkt dieser Entscheidung. Denn der Fahrplan zuvor hatte ja so ausgesehen, dass das Präsidium des Deutschen Fußball-Bunds erst an diesem Freitag den Daumen hebt oder senkt in der Causa Löw. Nun aber wurde, wohl auch aufgrund des latent steigenden Drucks der Öffentlichkeit und um irgendwie die Deutungshoheit in diesen turbulenten Zeiten zurückzuerobern, die Sitzung des Präsidialausschusses auf den Montag vorgezogen. An der nahmen zunächst auch die Löw-Assistenten Marcus Sorg und Andreas Köpke teil, ehe der Bundestrainer alleine weiter sprach und seine Sicht der Dinge erläuterte – mit Erfolg.
DFB-Präsidium übernimmt Empfehlung
Der Präsidialausschuss des DFB, der so etwas wie der innere Führungszirkel des Verbands ist, nickte mit dem Präsidenten Fritz Keller, den beiden Vizepräsidenten Peter Peters und Rainer Koch sowie dem Schatzmeister Stephan Osnabrügge die wichtigste Personalie des deutschen Fußballs in Abwesenheit des krankgeschriebenen Generalsekretärs Friedrich Curtius ab. Kurz danach folgte das DFB-Präsidium, das ursprünglich erst an diesem Freitag unterrichtet werden sollte, geschlossen der laut Verbandsangaben „übereinstimmenden“ Empfehlung des Ausschusses pro Löw.
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Ein halbes Jahr vor dem EM-Auftakt der Nationalelf in München gegen den Weltmeister Frankreich konnte der 60 Jahre alte Löw die DFB-Zentrale in Frankfurt also mit Rückenwind verlassen und sich über die A 5 beschwingt auf dem Heimweg in Richtung der Heimat in Freiburg machen. Wie nach dem historischen WM-Desaster von 2018 in Russland darf der Bundestrainer, der seit 2006 im Amt ist, weitermachen.
0:6 gegen Spanien ohne Konsequenzen
Das DFB-Präsidium geht seinen Weg laut seiner Mitteilung „einvernehmlich“ mit – auch personell. Bis zur EM im Sommer und Stand jetzt auch bis Ablauf seines Vertrags nach der WM 2022 darf Löw weitermachen. Die 0:6-Schmach von Sevilla vom 17. November, die höchste deutsche Länderspielniederlage seit 89 Jahren, hat für den Coach keine Konsequenzen.
Dass der Bundestrainer nach dem 0:6 gegen Spanien von sich aus hinwerfen könnte, hielten Personen aus dem direkten Dunstkreis der DFB-Auswahl und im Umfeld von Verbandsfunktionären ohnehin für unwahrscheinlich. Nun erhielt der alte und neue Bundestrainer auch von seinen Chefs die volle Rückendeckung.
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„Ein einzelnes Spiel kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein“, teilte der DFB mit: „Entsprechend hat Joachim Löw weiterhin das Vertrauen des DFB-Präsidiums.“ Der Präsidialausschuss würdigte weiter das angeblich „intakte Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer“. Der Trainer Löw habe zudem „ein klares Konzept für das bisherige und weitere Vorgehen“ präsentiert.
Für Löw spricht laut des Präsidiums die erfolgreiche EM-Qualifikation, der Verbleib in Liga A der Nations League und die günstige Ausgangslage für die Auslosung der WM-Qualifikation, in der die DFB-Auswahl als einer der zehn Gruppenköpfe gesetzt ist.
Unterstützung für den Neuaufbau
Der letzte Absatz der DFB-Mitteilung liest sich obendrein wie eine Absage an die zuletzt vielfach geforderte Rückholaktion der Anfang 2019 von Löw ausgebooteten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng. Löw habe demnach Zustimmung dafür erhalten, dass die Turniere der Zukunft (WM 2022 in Katar und Heim-EM 2024) schon jetzt „in den weiteren sportlichen und personellen Überlegungen eine Rolle spielen müssen“. Es braucht nicht viel Fantasie, um hier die Unterstützung der DFB-Spitze für den von Löw nach der WM 2018 mit einiger Verspätung ohnehin eingeleiteten Neuaufbau mit jüngeren Profis und eben nicht mit älteren wie Hummels und Kollegen hineinzuinterpretieren.
Das alles scheint irgendwie nach einer Art Freibrief für den Bundestrainer zu klingen – aber ist das auch so? Nicht erst seit dem 0:6-Desaster von Sevilla hatte es ja teils heftige Kritik an Löw und seinem Neuaufbau gegeben. In der ersten Mitteilung des Präsidenten Keller nach dem Spiel gegen Spanien, in der er kundtat, den eingeschlagenen Weg des Neuaufbaus weiter gehen zu wollen, erwähnte er den Namen Löw nicht, was Raum für Spekulationen ließ. Zudem hatte der DFB-Direktor Oliver Bierhoff betont, dass er den Weg des Umbruchs mit Löw mitgehe – bis einschließlich der EM 2021. Schon nach dieser recht klar interpretierbaren Botschaft Bierhoffs (bis hierhin und nicht weiter!) erschien es zumindest als wahrscheinlich, dass die Reise mit Löw nach dem Turnier enden wird.
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Fakt ist: Sollte Löw nun, unabhängig vom jüngsten Treuebekenntnis seiner Chefs, keine erfolgreiche EM spielen, werden die Diskussionen um ihn aufs Neue beginnen, auch verbandsintern. Gut möglich ist es auch, dass die Oberen des DFB ihrem Bundestrainer am Montag nun auch deshalb das Vertrauen aussprachen, weil mögliche adäquate Nachfolger bei ihren Clubs unter Vertrag stehen und derzeit nicht zu haben sind. Jürgen Klopp (FC Liverpool), Hansi Flick (FC Bayern München) oder auch Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) könnten mittelfristig wieder in den Fokus beim DFB rücken.
Hält die Ruhe bis zum März?
Die Nationalelf jedenfalls geht nun erstmal in eine lange Winterpause. Erst im März folgen drei WM-Qualifikationsspiele fürs Turnier 2022. Die Gruppen werden an diesem Montag ausgelost. Im Sommer 2021 steigt dann die EM – und Löw weiß, dass es spätestens da wieder um seinen Job gehen wird.
DFB-Präsident Keller erklärte schon vor längerer Zeit das Halbfinale zum Ziel. „Der Bundestrainer wird alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um mit der Mannschaft eine begeisternde EM 2021 zu spielen“, versicherte er den Fans. Der alte und neue Bundestrainer wird sich daran nach wie vor messen lassen müssen. „Es ist immer von einem Turnier abhängig, wie es weitergeht“ – das sagte Joachim Löw zuletzt selbst dazu.