Treu und lautstark: Auf seine Fans konnte sich der VfB Stuttgart in den vergangenen Jahren verlassen. Foto: Baumann (2), AP

In beim VfB sportlich unruhigen Zeiten wird Stuttgart gerne als problembehafteter Bundesliga-Standort dargestellt. Warum eigentlich?

Stuttgart - Es ist nicht anzunehmen, dass Markus Weinzierl sich am vergangenen Mittwoch noch einmal grundlegende Gedanken über seine berufliche Zukunft gemacht hat. Möglich wäre es allerdings gewesen. Denn bei seiner Vorstellung als neuer Trainer des VfB Stuttgart wurde er durchaus deutlich darauf hingewiesen, dass in den vergangenen Jahren selten ein Cheftrainer über einen längeren Zeitraum Dienst tun durfte am Cannstatter Wasen. Die „hohe Fluktuation“ hatte auch der Neue bemerkt – sein Mittel dagegen aber auch schon gefunden. „Wenn Ergebnisse da sind“, sagte Weinzierl, „dann wird der Trainer normalerweise auch nicht entlassen.“

Klingt logisch – aber womöglich ticken die Uhren in Stuttgart ja ein wenig anders. Recht hartnäckig hält sich jedenfalls die Meinung, es gebe neben Kaderqualität, Matchglück und Infrastruktur in der Landeshauptstadt noch einen weiteren Einflussnehmer auf den sportlichen Lauf der Dinge. Das – man zitiere allerlei Berichte und Kommentare rund um den jüngsten Trainerwechsel – „schwierige Umfeld“.

Es hat sich eingebürgert, den Bundesliga-Standort am Neckar als problembehaftet darzustellen, was einerseits nicht überrascht bei der bloßen Ansicht der Statistiken: Weinzierl ist der 15. Cheftrainer der vergangenen zehn Jahre – und manches Ereignis in dieser Zeit taugt tatsächlich nicht dazu, im Reiseführer für Fußballtrainer fünf Sterne in der Kategorie Wohlfühlfaktor zu bekommen.

Legendäre Wutrede von Bruno Labbadia

Im Dezember 2009 etwa, einen Tag vor der Trennung von Markus Babbel, hielten Fans des VfB den Mannschaftsbus schon bei der Anfahrt zum Stadion auf. Ludovic Magnin, der damalige Linksverteidiger, berichtete, er habe „Tötungsgesten“ gesehen. Nach dem 1:1 gegen den VfL Bochum kam es beinahe zum Sturm auf die Geschäftsstelle. Im Oktober 2012 kritisierte Bruno Labbadia in seiner Wutrede („Am Arsch geleckt“), dass kaum einer Verständnis und Anerkennung aufbringt für den „schwierigen Weg“ des VfB mit Sparrunden und notwendigen Spielerverkäufen: „Ich kann die Leute hier nicht verstehen.“ Eine Woche vor dem Abstieg im Mai 2016 stürmten enttäuschte Anhänger nach dem 1:3 gegen den 1. FSV Mainz 05 den Rasen der Mercedes-Benz-Arena. Und als im Januar 2018 Tayfun Korkut das Traineramt von Hannes Wolf übernahm, wurde aus vielen Rohren erst einmal gefeuert. Vor dem Clubhaus hatte jemand eine Grabkerze platziert.

Vier Extremfälle – als Sinnbild?

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Nun ja. Viel eher als diese Ausnahmen gilt die angeblich stete Unzufriedenheit dem VfB-Zuschauer als eigen. Der Schwabe gilt als Bruddler, dem es nur schwer recht zu machen ist. Viel früher als anderswo werde hier gepfiffen, sagt man – weil die Ansprüche in den Himmel ragten. Ist da wirklich was dran? Macht dies alles einem Trainer in Stuttgart das Leben schwer?

Viele Fans können nichts anfangen mit diesen Pauschalisierungen. Und tatsächlich bietet der Blick auf die vergangene Dekade auch andere interessante Fakten.

Die Zuschauer strömen in die Arena

Seit der Spielzeit 2007/2008 war der Zuschauerzuspruch in jedem Jahr höher als in der Meistersaison 2006/2007 (mit Ausnahme der zwei Umbaujahre) – in jedem Jahr kamen im Schnitt über 50 000 Fans. Die Unterstützung aus der Kurve ist auch in sportlich miesen Zeiten nie verstummt, während sie selbst in Mainz, einem vermeintlichen Fußballidyll, über Zuschauerschwund klagten. Im Gegenteil ließ sich das Publikum einspannen für die eine oder ­andere Rettungskampagne. Junge Spieler wurden am Zaun getröstet, zuletzt bekam Nicolas Gonzalez nach seinen vergebenen Chancen viel Zuspruch von den Rängen.

Die Mitgliederzahlen steigen und steigen (aktuell über 65 000), ebenso wuchs die Zahl der verkauften Dauerkarten auf mehr als 31 000 und musste gestoppt werden. Viele Fans sehen den Erwerb von Mitgliedsausweis und Saisonticket als Treuebeweis – und reagieren höchst allergisch, wenn zum Beispiel Präsident Wolfgang Dietrich vor dieser Saison Sätze wie diesen sagt: „Ich hoffe nur, wir bekommen anders als zuletzt einen gewissen Vertrauensvorschuss von den Fans.“ Dabei waren die Ansprüche rund um die Mercedesstraße 109, wo sich die Anhängerschaft nach sorgenfreien Spielzeiten und ein wenig gutem Fußball sehnt, zuletzt selten höher als drinnen, auf der Geschäftsstelle.

Hohe Ansprüch formuliert der Club meist selbst

Natürlich ergeben sich in einer Wirtschaftsregion wie dieser gewisse Erwartungen von ganz allein – auch die Sponsorenpyramide des VfB ziert der eine oder andere Weltmarktführer. Und klar, die Fans geben sich gerne Träumen hin. Befeuert wurde das lodernde Feuer der Ansprüche aber nicht selten von innen heraus. Ehrenpräsident Erwin Staudt sah den VfB einst als Bayern-Jäger Nummer eins. Ex-Clubchef Bernd Wahler sinnierte in einer Remstäler Kelter über die Champions League. Der ehemalige Sportchef Robin Dutt versprach Vollgas-Fußball. Wolfgang Dietrich visierte schon kurz nach dem Wiederaufstieg mittelfristig das obere Tabellendrittel an. Und Michael Reschke, der aktuelle Sportchef, war sich vor dieser Saison sicher, der VfB werde mit dem Kampf gegen den Abstieg nichts zu tun haben. Nun ist der Club Letzter und Weinzierl der zehnte Trainer in fünf Jahren.

Der Bayer pfeift auf die Unkenrufe, was die angeblich schwierigen Rahmenbedingungen angeht – und baut wohl lieber auf das, was das Engagement beim VfB auch für Trainer nach wie vor reizvoll macht: solide Finanzen mit zu erwartenden Mehreinnahmen durch einen weiteren Investor, eine wirtschaftsstarke Region (die Sponsoren standen auch nach dem Abstieg zum Verein), ein runderneuertes Trainingsgelände, eine moderne Arena, eine treue und begeisterungsfähige Anhängerschaft.

Womöglich sagte er sich vor der Unterschrift: „Gar kein so schlechtes Umfeld.“

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