Mentalitäts-Verwandtschaft: Die Derby-Trainer Jürgen Klopp (Li., BVB) und Huub Stevens (S 04) Foto: dpa

Ein Buch über das ewige Duell Borussia gegen Schalke beantwortet die Frage: Was ist ein Derby?

Im "Sport-Brockhaus" von 1973 - ich habe ihn zur Erinnerung an frühe Schreibversuche aufbewahrt - wird das Wort "Derby" achtzehn Zeilen lang dem Pferdesport zugeordnet; dann erst findet man den kurzen Hinweis, der Begriff werde "neuerdings" auch "für Wettkämpfe anderer Art" gebraucht, etwa beim "Fußball".

Wenn man am 14. Spieltag 2011/12 in den Medien vom "Wochenende der Derbys" sprach, dann nicht unbedingt deshalb, weil die Stuttgarter Kickers gegen den SV Waldhof Mannheim mit 0:1 verloren. Mit diesem Pannenduell aber sind wir mitten drin. Ist das Spiel Kickers vs. Waldhof wirklich ein Derby?

Dankenswerterweise hat der im Ruhrgebiet lebende Journalist Gregor Schnittker gerade im Göttinger Verlag Die Werkstatt das schön bebilderte Buch "Revierderby" (28 Euro) veröffentlicht. Rechtzeitig vor dem 139. Duell zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 habe ich nachgelesen, worum es geht. Interessant wird die Geschichte des Revierderbys vor allem, wenn man erfährt, dass die mysteriöse Verfeindung der beiden Clubs nicht von Anfang an bestanden hat. 1934, nach ihrem ersten Titelgewinn in Berlin, machten die Königsblauen in Dortmund Halt, um sich am Bahnhof feiern zu lassen, bevor sie sich im Rathaus ins Goldenen Buch der Stadt eintrugen. Noch 1958 gratulierte eine BVB-Delegation den Schalkern zu ihrer (bis heute) letzten Deutschen Meisterschaft.

Sogar bis zur legendären HundebissAffäre 1969, als während des Derbys ein Schäferhund der überforderten BVB-Ordner Schalkes Spieler Friedel Rausch in den Allerwertesten biss, hätten die Nachbarn ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt, schreibt der Autor. Erst in den Siebzigern, als die finanziell ruinierten Dortmunder abstiegen und die Schalker im Bestechungsskandal der Liga als "FC Meineid" gebrandmarkt wurden, kam gegenseitiger Hohn und Spott in den Fan-Kurven auf. Eskaliert ist die Feindseligkeit schließlich vor dem Hintergrund sozialer Probleme im Ruhrgebiet. Gewinner- und Verliererpsychosen, vor allem Neid, führten zur "extremen Identifikation", zum Hass: Die "vermeintlich falsche Kutte" war Grund genug "für eine blutige Nase oder Schlimmeres".

Derbys, ursprünglich aus England bekannt, sind bis heute große Emotionsdramen, selbst wenn sie spielerisch eher langweilig verlaufen wie zuletzt beim 2:0 in Dortmund gegen Schalke und beim 0:3 im Rhein-Klassiker Köln gegen Gladbach.

Lesenswert und nicht ohne Humor, wie das Buch das Derby an sich definiert. Unumstößliche Kriterien für dieses Prädikat sind demnach: Tradition (mehr als 50 Duelle), Mentalitäts-Verwandtschaft (Fußball als Religion), geografische Nähe (gemeinsamer Fluss reicht nicht), Intensität (Familienfeiern werden abgesagt).

Damit sind Diskussionen wie im Fall Hoffenheim vs. VfB beendet. Die historisch-politische Rivalität zwischen Baden und Württemberg allein reicht nicht, dem Mythos Derby gerecht zu werden.

Eines der schlimmsten Derbys aller Zeiten habe ich am 1. April 2009 erlebt: Weil sich in der 3. Liga die verarmten Stuttgarter Kickers und der VfB II den städtischen Fußballplatz der Blauen auf der Waldau teilten, durften die Kickers-Fans nicht in ihren angestammten B-Block - offiziell befanden wir uns bei einem Auswärtsspiel. Dermaßen entwürdigt verloren wir 0:3.

Die Geschichte der Derbys erklärt nicht nur viel von der Faszination des Fußballs. Sie liefert auch gute Anekdoten. Als man Friedel Rausch nach der schmerzhaften Po-Attacke im "Sportstudio" gefragt hat, was wohl gewesen wäre, wenn das Tier ihn nicht hinten, sondern vorne gebissen hätte, sagte er: "Dann hätte der Schäferhund alle seine Zähne verloren."

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