Neil Young: Ausbrennen oder verblassen? Foto: dpa

Vermutlich kann man sich für die Medienwelt nur mit Auszeiten trainieren, meint unser Kolumnist.

Am Samstag, nach meinem Ausflug zu den Stuttgarter Kickers, sah ich die "Bundesliga-Konferenz" auf Sky, und einen Moment lang war ich so naiv, etwas Respekt zu erwarten. Aber schon jetzt, da ich diese Zeilen tippe, wird mir klar, wie schizophren es ist, etwas über den Umgang mit dem Thema Burn-out zu sagen, wo man doch selbst die Klappe nicht halten kann.

Am Samstag war ich neugierig, ob man nach den solidarischen Hymnen auf den Mut des erschöpft zurückgetretenen Schalke-Trainers etwas Zurückhaltung im Fernsehen spüren würde. Ein idiotischer Gedanke. Man behandelte den Fall als übliche Liga-Sensation. Der Burn-out als Stoff für einen Wochenend-Dauerbrenner.

Als Schalke das 0:1 kassierte, sagte der Sky-Kommentator: Erst diese Sache mit Rangnick, und jetzt auch das noch! Nach dem Spiel fragte ein Reporter Schalkes Interimstrainer Eichkorn, ob er schon Kontakt habe, ob ihm der Ex-Trainer per SMS zum Sieg gratuliert habe. Eichkorn reagierte klug, er sagte, er sei kein "Handy-Junkie", schaue nicht dauernd nach, ob eine Nachricht eingetroffen sei.

Aufschlussreich die Antwort des Schalke-Spielers Höwedes auf die gleiche Frage. Er sagte, ja, er habe Kontakt mit dem Trainer, er habe Rangnick eine SMS geschickt. Von einer Reaktion des Trainers war nicht die Rede, eine einzelne SMS bedeutet demnach "Kontakt".

Das Thema wurde weitergesponnen bis ins "Aktuelle Sportstudio" des ZDF, wo es der Moderatorin Müller-Hohenstein im Gespräch mit einem Psychologen wieder einmal bestens gelang, den Erschöpfungszustand ihres Senders zu vermitteln.

Die Mechanismen des Stress-Jobs Bundesligatrainer sind bekannt. Trainer leben risikoreicher als Wirtschaftsmanager, weil sie öfter gefeuert werden, und teilweise so gefährlich wie Showstars, weil sie nur schwer ein Privatleben führen können.

Schlimmere Folgen hat womöglich die mediale Dauerbedrohung durch professionelle Kameraleute und Reporter, Hobby-Kommentatoren und Online-Kranke. Es ist mir ein Rätsel, mit welchen Genen, mit welchem psychischen Immunsystem man diesen Druck aushält - auch wenn es dafür gutes Schmerzensgeld gibt. Ich frage mich, wie es teilweise sehr junge Leute verarbeiten, ihren Namen pro Tag eine Million Mal im Internet zu wissen, auch anonyme Botschaften voller Bösartigkeit, die man jederzeit und überall empfangen kann.

Damit sind wir in der Medienwelt. Ralf Rangnick zu treffen und ihn zu erleben war für mich eine Überraschung. Er war ganz anders, als ich ihn mir am Fernseher vorgestellt hatte. Mein Bild von einem extrem ehrgeizigen, auf Fußball fixierten Menschen völlig falsch. Er ist unkompliziert, aufgeschlossen, freundlich, an vielen Dingen interessiert. Nach dieser Begegnung dachte ich oft an ihn und seine Lektion: Das Problem, die Medien- und die reale Welt zu unterscheiden, wächst mit jedem Griff zum Smartphone. Man muss sich für diese neue Welt besser und bewusster trainieren - und ein guter Trainer wird auf Auszeiten bestehen, auch für sich selbst.

Bis heute lässt das Wort Burn-out viele Deutungen zu. Früher galt es als eher schwammiger Begriff aus Amerika und spielte nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Kultur eine Rolle. Der Rockstar Neil Young sang in einer düsteren Phase der späten siebziger Jahre: "It's better to burn out than to fade away . . ." (Es ist besser auszubrennen als zu verblassen).

Der Teufel weiß, wer Regie führte, als kurz vor Ralf Rangnicks Rücktritt das Haus des jungen Bayern-Profis Breno niederbrannte und der Bewohner in U-Haft kam. Es mag wie ein zynisches Wortspiel klingen, aber auch dahinter steckt ein Burn-out. Einer der anderen Art.

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