Im Büro sind heute alle nett zueinander, Kritik ist nur noch schwer zu verstehen oder wird lieber gleich ganz weggelassen. Niemand will zurück zum cholerischen Krawattenchef, aber die Wattebauschkommunikation – das superhohle Rumgelaber – schafft neue Probleme.
Eine Kollegin arbeitet für ein Magazin. Dort hat die Journalistin kürzlich eine Reportage abgegeben. Der Redakteur rief sie an und sagte: „Ich habe gerade deine superschöne Geschichte gelesen, megaspannend! Und jetzt dachte ich, da arbeiten wir noch dran. Großartig, dass du jetzt für uns schreibst!“
Das nennt man Sandwich-Methode. Bei Führungskräftefortbildungen seit Jahren als Möglichkeit angepriesen, Unangenehmes ansprechend zu verpacken: Lob, Kritik, Lob. Die Kollegin war ratlos: War die Geschichte jetzt gut, sogar „superschön“? Oder musste sie überarbeitet werden? Am Ende wurde die Geschichte von der Redaktion umfassend umgeschrieben und das, obwohl angeblich „voll viel Gutes drin“ war. Wer heute lernen will, was er falsch gemacht hat, muss zwischen den Zeilen lesen können.
Diese Art der Rückmeldung ist den meisten längst lieber als die harschen Formen der Kritik, die früher in Kreativberufen üblich waren. Noch vor zehn Jahren schmiss manche Redakteurin den Text der Volontärin theatralisch in die Mülltonne, unterlegt von der beiläufigen Bemerkung: „Das war ja wohl ein Griff ins Klo, nicht zu retten.“
In agilen Teams spricht man heute anders als in früheren Newsrooms
Heute klingen Gespräche in den agilen Teams so: „Pardon, ich habe die Deadline für diesen Text um fünf Tage überzogen“ – „Kein Ding.“ Und so: „Unser Team hat sich gegen diese Aufgabe entschieden, weil wir glauben, das bringt uns an der Stelle nicht weiter.“ – „Alles gut!“ „Wie fändest du es, wenn wir das ein bisschen anders machen?“ – „Mega!“ Ja, mega was eigentlich? Kacke vielleicht? Solche Wörter würde natürlich kein Mensch mehr benutzen. Früher streuten die Edelfedern gezielt Gossensprache in ihre Kritik, um ihre elegante Feuilletonistenexistenz am rauen Straßenkötercharme zu brechen. Man hatte es mit lauter Bertolt Brechts des Lokaljournalismus’ zu tun.
Jetzt gibt es in Redaktionen und Büros „flache Hierarchien“ und „wertschätzenden Umgang“ (was für ein pleonastisches Wortungetüm, man könnte einfach sagen: schätzend). In den sozialen Netzwerken äußern erwachsene Journalisten etwas wie: „News in eigener Sache: Ich darf künftig für ,Zeit Online‘ einen Newsletter schreiben.“ Man könnte fragen: Wer hat’s erlaubt – Papa? Auf jeden Fall ist da schon jetzt „ganz viel Dankbarkeit“.
All das ist Teil einer Bewegung, die sich aus der Start-up-Szene und aus Hipster-Agenturen auf jede noch so angestaubte mittelständische Kleinstadtfirma ausgebreitet hat. Neben den Leitz-Ordnern sind Coaches eingezogen, bunte Sessel und noch viel buntere Zettel. Wenn etwas gar nicht gut ist, brüllt kein betrunkener Krawattenchef mehr „Das ist Pisse!“, sondern ein Teamleiter in Turnschuhen informiert: „Darauf drehen wir vielleicht noch eine Runde.“
Nur nicht sein wie die Boomer! Weder wie die im Büro noch wie die auf Facebook
Die freundliche Bürosprache bleibt inhaltlich im Vagen. Psychologisch betrachtet wirkt sie wie eine Tinktur auf den Wunden mittelalter Arbeitnehmer. Vor nicht langer Zeit waren sie noch die Opfer der Kritikkapriolen älterer Kollegen. Der verbal vorsichtige Umgang ist eine Überkompensation gewaltvoller Kommunikationserfahrungen – auch jener in den sozialen Netzwerken, wo ein rauer Ton herrscht. Nur nicht sein wie die Boomer! Weder wie die im Büro noch wie die auf Facebook. Die Abgrenzung der unter 40-Jährigen ist radikal.
Und natürlich will keiner zurück in die Zeit der machogetränkten Beleidigungskultur. Doch das supernette Rumgelaber ist hohl, wenig effizient und verschleiert Machtgefälle. Die sind trotzdem da und zeigen sich nicht zuletzt auf dem Gehaltszettel. Die Freundlichkeit und das Einbeziehen aller ist oft nur Schein – und das spürt das Team. Schließlich müssen Menschen bei der Arbeit Probleme nach wie vor aushandeln, und manchmal muss einer eine Entscheidung treffen, die nicht allen gefällt, auch wenn er das noch so gut zu verstecken versucht.
Die Wattebauschkommunikation führt zu Verwirrung
Die Podcaster Iris Gavric und Matthias Renger haben kürzlich ein Buch veröffentlicht über Verhaltensweisen, die sie „Shitmoves“ nennen. Die klingen freundlich, sind aber höchst manipulativ und kommen oft bei der Arbeit zum Einsatz: Wenn jemand sein Gegenüber gar nicht mit Argumenten gewinnen will oder kann, sondern um jeden Preis den Streit für sich entscheiden. Es geht um Machtdemonstration oder Abwertung, und klingt so: „Du bist doch eigentlich viel schlauer.“ Oder: „Ich kenne dich ganz anders.“ Auch: „Ich hätte gerade fast gesagt, das ist doch idiotensicher.“ Und: „Ich will ja nichts sagen, aber . . .“
Die Wattebauschkommunikation führt leider auch häufig zur eingangs geschilderten Verwirrung durch unklare oder zweideutige Rückmeldungen. Manchmal hört man heute ähnliche Konversationen auf Spielplätzen, wenn die Mutter zum Kind am Sandkasten sagt: „Du, Charlotte, ich finde es gerade gar nicht so gut, wenn du dem August mit dem Schäufelchen auf den Kopf haust. Ich glaub, das gefällt dem August vielleicht eher nicht so. Was meinst du?“
Die meisten können es heute vermeiden, fiese Bemerkungen abzusondern
Da ist man nicht nur als Kleinkind, sondern auch als Erwachsener irritiert: Ist die Mutter wütend oder alarmiert? Ihre Stimmlage verrät es nicht. Will sie, dass man unbedingt aufhört, einander auf den Kopf zu hauen, oder ist sie, was das angeht, total offen und voll flexibel? Die „Ich-Botschaft“ in der mittlerweile überall so beliebten Formulierung „Ich finde“ kann zwar sinnvoll sein und zeigt zudem, dass alle die Ratgeber zur gewaltfreien Kommunikation gelesen haben, aber manchmal könnte auch helfen, Klartext zu reden.
Die Mainzer Psychologieprofessorin Margarete Imhof hat zwei Aspekte am Wandel der Kommunikationskultur beobachtet. Erstens sei die Trendwende von der abwertenden Kommunikation hin zu einer schätzenden insofern erfolgreich gewesen, als die meisten es heute vermeiden könnten, dauernd fiese Bemerkungen abzusondern. Zweitens allerdings scheint jetzt öfter vergessen zu werden, dass trotzdem inhaltliche Verbesserungsvorschläge unterbreitet werden sollten. „Es ist sehr schwierig, respektvoll Kritik zu üben. Und die ist nur sinnvoll, wenn wir einen konkreten Impuls zur Veränderung mitgeben, das kostet Mühe“, sagt Imhof. Deshalb werde das oft einfach weggelassen in den Jour fixes, Kreativrunden und Brainstormings. Wie zielführend kann das sein? Der Kollege ist kein Kind im Sandkasten, Kritik ist ihm zuzumuten. Und er kann sich nicht verbessern, wenn er nicht weiß, wie. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem 2021 erschienenen Buch „Sensibel“, wir müssten einander „ermächtigen mit bestimmten Zumutungen umzugehen. Auch, weil wir uns sonst selbst infantilisieren“.