Das Bürgerforum hält neun Jahre bis zum Abitur für den besseren Weg. G8 soll als Wahloption erhalten bleiben. Foto: dpa/Tom Weller

Bei Winnetou hieß es früher: Hugh, ich habe gesprochen! Auch das Bürgerforum zur Dauer des Gymnasiums hat gesprochen: Es will den längeren Weg zum Abi – und manches mehr.

In seinem Kern hätte die Empfehlung des Bürgerforums zur Dauer der gymnasialen Schulbildung in Baden-Württemberg nicht klarer ausfallen können: Neun Jahre bis zum Abitur sollen wieder die Regel an den allgemeinbildenden Gymnasien im Südwesten werden. Flächendeckend soll zugleich eine Wahloption für G8 als kürzere Variante erhalten bleiben. So haben es die drei Sprecher des Beratungsgremiums Tuğba Veli, Ursula Dow und Sébastien Gambin vor der Landespressekonferenz in Stuttgart dargelegt.

 

Sollte es bei den Grünen noch Hoffnungen gegeben haben, dass die per Zufallsverfahren ausgewählten Bürger zum Anwalt des achtjährigen Gymnasiums werden könnten, dann sind die jetzt zerstoben. CDU, FDP und SPD haben sich bereits seit Längerem für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasialformat ausgesprochen. Die grüne Landtagsfraktion, die die Abkehr von G8 lange als Gefahr für den Zulauf zu den von ihnen geschaffenen Gemeinschaftsschulen gesehen hat, hält sich bisher noch zurück.

Reform aller Schularten

Neben dem Kernvotum für G9 sprach das Bürgerforum sich mehrheitlich dafür aus, den Umbau der Gymnasien nicht isoliert anzupacken, sondern als „ganzheitliche schulartübergreifende Schulreform“ anzugehen, die mehr Bildungsgerechtigkeit, mehr an modernen Lebenswelten orientierte Lerninhalte, mehr Praxisnähe und eine Öffnung für moderne, partizipative Unterrichtsmethoden garantiere.

„Lernen, Kreativität und Entwicklung sind Prozesse, die Zeit benötigen“, betonten Tuğba Veli, Ursula Dow und Sébastien Gambin zur Begründung. „Ein neues G9 soll unseren Kindern die benötigte Zeit für ein möglichst stressfreies und konstruktives Lernen geben. Trotz angespannter Haushaltslage sollte uns die Bildung unserer Kinder als Motor für Innovation und Zukunftsfähigkeit die nötigen Investitionen wert sein“, heißt es im Abschlussbericht.

Insgesamt hat sich das Bürgerforum auf 48 Empfehlungen von der Überprüfung der Bildungsziele bis zur Reform der Grundschulempfehlung mit einer Gewichtung des Elternwillens und der Lehrerempfehlung ausgesprochen. Dabei sehen die Bürger das G9 nicht als Königsweg zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Ohne Details zu nennen, votieren sie dafür, die Auswirkung auf andere Schularten zu beachten. Sie sprechen sich für eine stufenweise Umstellung der Gymnasien auf die längere Lernzeit aus.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sein Stellvertreter Thomas Strobl, Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz und der CDU-Fraktionsvorsitzende Manuel Hagel dankten den Zufallsbürgern für Sorgfalt, Engagement und das differenzierte Gutachten. In der Sache ließ die Koalition sich noch nicht zu möglichen Konsequenzen aus. An diesem Dienstag wollen Spitzenvertreter von Grün-Schwarz um Kretschmann, Strobl und die beiden Fraktionschefs mit Kultusministerin Theresa Schopper beraten.

„Regierung kann sich nicht wegducken“

Die für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung zuständige Staatsrätin Barbara Bosch, die das Gutachten für die Landesregierung in Empfang genommen hat, lobte, dass das Thema G8/G9 „noch nie so ganzheitlich, nachhaltig und umfassend diskutiert“ worden sei. Das zeige, dass dialogische Bürgerbeteiligung funktioniere. Das Bürgerforum habe mit seiner Arbeit eine politische Entscheidung vorbereitet, betonte Bosch. „Die Landesregierung kann sich nicht wegducken, wenn sie sich die Politik des Gehörtwerdens auf die Fahnen schreibt“, sagte sie bei der Pressekonferenz in Stuttgart.

Der Landeselternbeirat sieht sich durch das Votum der Zufallsbürger bestätigt. „Mit der nun vorliegenden Empfehlung des Bürgerforums kann die Politik in die Diskussion um die Ausgestaltung einer möglichen Rückkehr zu G9 gehen“, so LEB-Vorsitzender Sebastian Kölsch. Auch der Landeselternbeirat sei überzeugt, dass es keine Rückkehr zum alten G9 geben sollte.

Opposition pocht auf Taten

„Nun gibt es für den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und seine Grünen keine Ausreden mehr. Es wird Zeit für Veränderungen in der Schulstruktur – Koalitionsvertrag hin oder her“, erklärte der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. „Zusätzlich zur Initiative ‚G9 jetzt!‘, die mehr als 106 950 Unterschriften für ihren Volksantrag zur flächendeckenden Rückkehr zu G9 an Gymnasien sammeln konnte, wird nochmals deutlich, wie die Bürgerinnen und Bürger das allgemeinbildende Gymnasium ausgestaltet haben möchten“, ergänzte der liberale Bildungspolitiker Timm Kern.

„Das Votum für G9 kann und darf der Ministerpräsident nicht überhören“, forderte der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Stoch. Er forderte die Grünen auf, ihre Blockadehaltung aufzugeben. „Wenn wir in Baden-Württemberg endlich Bildungsgerechtigkeit wollen, müssen wir an vielen Stellschrauben drehen“, erklärte der SPD-Abgeordnete Stefan Fulst-Blei.