Gleich zwei Mal hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann – hier mit Bürgermeister Johannes Züfle – in den vergangenen 14 Tagen Weilheim besucht. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Erleichtert reagieren Land und Region auf das Ergebnis des Bürgerentscheids im Kreis Esslingen – auch Winfried Kretschmann jubelt. Der Bau der Cellcentric-Fabrik in Weilheim soll schon bald beginnen.

Die Erleichterung ist überall deutlich spürbar. Bereits kurz nachdem am Sonntagabend feststand, dass sich beim Bürgerentscheid 70 Prozent der Weilheimer, die zur Abstimmung gegangen waren, für das neue Gewerbegebiet Rosenloh und damit für die Ansiedlung einer der größten Brennstoffzellen-Produktionsstätten in Europa ausgesprochen hatten, meldete sich der Ministerpräsident zu Wort. Winfried Kretschmann, der in den vergangenen zwei Wochen gleich zwei Mal in Weilheim gewesen war, betonte, wie glücklich er über „den erfreulich deutlichen Ausgang“ des Bürgerentscheids sei. Auch die hohe Wahlbeteiligung – immerhin 60,7 Prozent – gebe dem Projekt „viel Rückenwind“.

 

Die neue Brennstoffzellenfabrik sei eine Riesenchance für Weilheim, für die Region und ein wichtiges Signal für das ganze Land, sagte Kretschmann. „Denn wir brauchen dringend solche neuen Firmen, die auf klimafreundliche Technologien setzen. Damit stellen wir unseren Wohlstand auf eine neue, tragfähige Grundlage und schaffen gute Arbeitsplätze mit Zukunft.“ Mit dem klaren Bekenntnis des Bürgerentscheids könne man nun die „Serienfertigung der Brennstoffzellentechnologie für die ganze Welt von Weilheim aus vorantreiben“.

Von dieser Entscheidung soll das ganze Land profitieren

Auch beim Verband Region Stuttgart (VRS) und bei der Wirtschaftsregion ist die Freude über den deutlichen Ausgang des Bürgerentscheids in der 10 000-Einwohner-Stadt im Landkreis Esslingen groß. In einer ersten Stellungnahme betont der neue Regionaldirektor Alexander Lahl, wie wichtig es sei, „dass nun diese Chance auf einen innovativen Gewerbestandort in Weilheim genutzt werden“ könne. Davon werde die gesamte Region profitieren. „Wenn wir grüne Technologien wie die Brennstoffzelle voranbringen wollen, müssen wir den Firmen, die sie entwickeln, dafür auch Platz einräumen.“ Das sieht auch Thomas Bopp, der VRS-Vorsitzende, so: „Die Region Stuttgart muss für den Transformationsprozess des Industriestandortes die erforderlichen Flächen schaffen.“ Dass dies in Weilheim nun möglich sei, mache Hoffnung auf den Erhalt wertvoller Arbeitsplätze.

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Walter Rogg, der oberste Wirtschaftsförderer der Region, fügt hinzu: „Die Brennstoffzelle ist eine der Nachhaltigkeitstechnologien der Zukunft. Sie ist ein zentraler Baustein des Mobilitätswandels und der Bekämpfung der Klimakrise.“ Die Ansiedlung von Cellcentric, einem Joint Venture von Daimler Truck und Volvo, schaffe nun Perspektiven für die Serienproduktion der Brennstoffzelle und damit auch für neue Wertschöpfung in der Region.

Transparente Bürgerbeteiligung gewinnt an Bedeutung

Aus dem Sonntag nimmt Thomas Kiwitt, der Chefplaner der Region, drei Erkenntnisse mit: Das Abstimmungsergebnis spreche dafür, dass sich die besondere Form der Bürgerbeteiligung – in Form einer Bürgerwerkstatt mitsamt einem sogenannten Bürgergutachten – absolut positiv auf das Ergebnis ausgewirkt habe. „Partizipation muss in Zukunft anders gedacht werden. Es reicht nicht mehr aus, die Flächennutzungspläne in den Rathäusern auszulegen. Wir müssen mehr Transparenz in die Verfahren bringen.“

Hilfreich sei zudem, wenn wie in Schwieberdingen, wo sich Porsche engagiert, oder jetzt in Weilheim die Investoren vorab bekannt seien. Allerdings habe er, so Kiwitt, auch Verständnis für alle Firmen, die ihre Namen nicht frühzeitig in die Diskussion werfen wollten. „In diesen Fällen müssen wir deutlicher als bisher machen, welche hohen Qualitätsansprüche wir bei neuen Industrie- und Gewerbegebieten an die potenziellen Investoren stellen. Denn wir brauchen Landeplätze für Zukunftsinvestitionen.“

„Die Region ist das Powerhaus für Baden-Württemberg“

Bereits Ende Mai wird erneut über einen solchen Landeplatz abgestimmt: Nach einem ähnlich intensiven Beteiligungsprozess entscheiden die Bürger in Mundelsheim (Kreis Ludwigsburg) über das Gewerbegebiet Benzäcker. Dort geht es allerdings um einen sogenannten Vorhaltestandort. Wer dort investieren will, ist nicht bekannt.

Zudem sei die Unterstützung der Landesregierung in Weilheim sehr hilfreich gewesen, sagt Kiwitt: „Die Region Stuttgart ist das Powerhaus für Baden-Württemberg. Deshalb ist bei der Ausweisung von neuen Gewerbegebieten für den Transformationsprozess Rückenwind von der Landesregierung für uns ausgesprochen wichtig.“ Erfreut über den Ausgang des Bürgerentscheids zeigt sich auch Christian Mohrdieck, Mitglied der Geschäftsführung von Cellcentric: „Wir sind sehr glücklich. Jetzt hoffen wir, dass wir mit unserem Klimawerk die Klimawende in die nächste Phase bringen können.“

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Damit dies gelingt, muss Weilheim noch einmal aktiv werden – in trockenen Tüchern ist das Projekt noch nicht. Zunächst müssen die Verkaufsgespräche mit den Besitzern der Flächen im Gewerbegebiet Rosenloh abgeschlossen werden. Das wird spannend. Denn die Stadt kann nur bei Flächen, die für Straßen benötigt werden – nicht aber für das Industriegebiet selber –, zum Mittel der Enteignung greifen. Darüber hinaus muss der Gemeinderat in seiner Mai-Sitzung das Bebauungsplanverfahren und später das Flächennutzungsplanverfahren auf den Weg bringen. Eile ist geboten: Ziemlich genau in einem Jahr möchte Cellcentric bereits mit dem Bau des Klimawerks beginnen.