Die Figuren peppen das Schaufenster zur Fußgängerzone hin auf und sollen die Blicke der Passanten auf die Begegnungsstätte lenken. Foto: Werner Kuhnle (5)/ Karin Götz (1)

Vor einigen Wochen hat der Treffpunkt Quartier in der Marbacher Innenstadt eröffnet. Mit ihm erfüllen sich die Marbacher einen langjährigen Wunsch. Künftig soll es dort diverse Angebote geben: von Yoga in Ukrainisch bis hin zu einem Repair-Café.

Die fünf Damen haben einiges vor an diesem Samstag. 60 Filzkissen sollen genäht werden, damit die Besucher der neuen Begegnungsstätte im Herzen der Schillerstadt künftig auch bequem Platz nehmen und verweilen können. 20 Meter Filz und andere nützliche Utensilien hat Miriam Mügge dafür in einen Karton gepackt und in den Treffpunkt Quartier geschleppt. Alle 14 Tage trifft sich die Marbacherin freitagabends mit anderen Nähbegeisterten in den Räumen in der Marktstraße 15 zum gemeinsamen Schneidern. Jeder näht, was ihm gefällt. Der Workshop an diesem Dezember-Wochenende dient hingegen dazu, die neue Begegnungsstätte aufzuhübschen.

 

Wunsch nach einem Raum kam von vielen

Miriam Mügge, die eine Ausbildung zur Orthopädietechnikerin gemacht und dabei das Nähen gelernt hat, leitet ihre Mitstreiterinnen an. Hannelore Langhoff schneidet den Filz zu, Diana Mayer die Antirutschmatte, Sonja Schuberth-Kreutzer und Nadia Eisenschmid lassen die Nähnadeln sausen. Die Stimmung ist gut und schon bald klappt die Arbeitsteilung wie am Schnürchen. „Der Raum ist wunderbar für uns“, freut sich Diana Mayer. „Gäbe es ihn nicht, gäbe es auch den offenen Nähkreis und diese Möglichkeit heute Abend nicht.“

Seit Jahren wünschen sich die Marbacher und Marbacherinnen einen Ort, an dem sie sich treffen können – ohne Verpflichtung. Ein Ort, der Generationen verbindet und das Miteinander in der Stadt stärkt. „Ganz viele Menschen hatten in Marbach denselben Wunsch“, sagt Andrea von Smerczek, die bei der Stadt im Bereich Bürgerschaftliches Engagement die Fäden in den Händen hält.

Am 12. November wurde der lang ersehnte Treffpunkt im Rahmen des Schillersonntages eröffnet. Der Andrang und die Neugier der Marbacher und Marbacherinnen waren riesig. Das knapp 100 Quadratmeter große Ladengeschäft in der Fußgängerzone ist prädestiniert für das bürgerschaftlich initiierte und bürgerschaftlich getragene Projekt. „Wir sind mitten in der Kernstadt und die Bürger und Bürgerinnen können sich hier quasi die Klinke in die Hand geben“, sagt Andrea von Smerczek.

85 000 Euro für das Ganze kamen vom Land

Doch auch wenn die nüchternen Eckdaten kaum besser sein könnten – es braucht am Ende immer Menschen, die Ideen einbringen, sie weiterentwickeln, mit anpacken und einen Traum wahr werden lassen. Und genau sie sammeln sich seit April unter dem Dach des Vereins „Treffpunkt Quartier Marbach“. Mehr als 60 Personen waren bei der Gründungsversammlung dabei. Tendenz steigend.

Aber: So wichtig das bürgerschaftliche Engagement ist – ohne Förderung durch das Land würden die Marbacher weiter von ihrem Treffpunkt in der Stadt träumen. 85 000 Euro gab’s vom Land. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration unterstützt – jeweils über eine Laufzeit von zwei Jahren – unter dem Schlagwort „Quartier 2030 – Gemeinsam. Gestalten“ gezielt Quartiersprojekte. Das Förderprogramm der Allianz für Beteiligung und des Ministeriums richtet sich an Städte, Gemeinden und Landkreise, die in Baden-Württemberg mithilfe von Bürgerbeteiligung Projekte zur alters- und generationengerechten Entwicklung von Quartieren, Stadtteilen und Ortschaften durchführen.

So wie Marbach. Mit dem Geld aus der Landeskasse wird unter anderem die Quartiersmanagerin Silke Geiger finanziert. Fünfeinhalb Stunden pro Woche investiert sie in den Treffpunkt. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Bereiche Dokumentation, Abrechnung von Fördergeld und Raumbelegung. „Ich bin die Schnittstelle zwischen Verein und Stadt“, beschreibt Silke Geiger ihre Aufgabe.

Yoga, Spiele, Reparieren: Alles soll möglich sein

Im Moment geht es vor allem darum, die Räume gemütlich und zugleich funktional zu gestalten. „In ein paar Wochen haben wir hier auch Internet“, sagt Clemens Mayer. Und auch für das Problem mit dem Schlüssel ist eine Lösung in Sicht, denn im Moment müssen Nutzer und Vereinsmitglieder noch mit einem Schlüssel auskommen. Das bestellte Schloss wird sich künftig dann auch über eine App steuern lassen.

Im Inneren soll ein bequemes Sofa die Möglichkeit bieten, einfach mal ins Begegnungszentrum zu kommen, einen Kaffee zu trinken, auszuruhen oder zu plaudern. Über die genaue Umsetzung wird noch nachgedacht. Die Wand, an der gerade Gemälde ausgestellt sind, wird freigelegt und das alte Gemäuer dann mit Lehm verputzt. Umgesetzt werden soll diese Aktion, so wie die Sitzkissen, in einem Workshop. Gelebte Bürgerbeteiligung eben.

Der jetzt schon gut gefüllte Veranstaltungskalender zeigt den Bedarf für und das Interesse am neuen Treffpunkt. „Wenn wir alles aufnehmen würden, hätten wir keinen Abend mehr frei“, sagt Silke Geiger und lacht. Yoga in ukrainischer Sprache, Spielenachmittag, Kreativ-Treff, Senioren-Gymnastik, Repair-Café: Die Bandbreite ist mindestens so groß, wie Clemens Mayer zufrieden ist. „Hier soll man Mensch sein können und Gemeinschaft erleben. Es ist ein Projekt von Marbachern für Marbacher.“

Seit drei Jahren brennt er für das Projekt – und zusammen mit seinen Mitstreitern hat er noch viel vor. Und weil bald Weihnachten ist, kann es nicht schaden, Wünsche zu formulieren. Silke Geiger muss nicht lange überlegen: „Jeden Tag mindestens einen Programmpunkt im Treffpunkt Quartier, dreimal in der Woche feste Öffnungszeiten und Sponsoren, die uns auch nach den zwei Jahren unterstützen.“