Die Pliensauvorstadt ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Sind die geplanten Bauprojekte erst einmal umgesetzt, werden noch mehr Menschen hierher ziehen. Was bedeutet das für den Stadtteil?
Seit einigen Jahren ziehen zunehmend auch Menschen in die Pliensauvorstadt, die früher noch einen Bogen um den Esslinger Stadtteil mit seinem Multikulti-Image gemacht hätten. Manche sprechen inzwischen sogar von einem In-Stadtteil. Das hat auch mit Bauprojekten wie den Grünen Höfen zu tun. Doch der Bauboom bringe auch neue Herausforderungen mit sich, sagt Andreas Jacobson.
Herr Jacobson, warum ist es so schön, in der Pliensauvorstadt zu leben?
Das Besondere, das hören wir sehr oft, ist die Nähe zur Innenstadt. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß ist man sofort im Zentrum. Trotzdem ist man nicht von den vielen Festen oder vom innerstädtischen Durchgangs- und Einkaufsverkehr betroffen. Mittendrin und doch separat zu sein – das ist wirklich toll. Aber auch die Mischung der Menschen im Stadtteil, das Internationale und Vielfältige, macht den Charme aus.
Abriss und Neubau auf dem Nürk-Areal, die Weiterentwicklung des VfL-Post-Geländes, die Umwidmung und neue Bebauung auf dem Hahn-Areal und die Umgestaltung des Roser-Areals – auf die Pliensauvorstadt kommt einiges zu. Mutet man ihr zu viel zu?
Wir als Bürgerausschuss sind eindeutig der Meinung: Ja. Irgendwann ist es mal genug. Als bekannt wurde, dass mit dem VfL-Post-Gelände der einzige Sportplatz und die größte Grünfläche im Stadtteil auch noch Baugebiet werden soll, gab und gibt es natürlich massiven Widerstand. Die Stuttgarter Straße als einzige Durchgangsstraße ist schon jetzt oft überlastet. Wenn dann nochmals 1000 Menschen mehr dazu kommen, dann befürchten wir, dass es zu viel wird. Wir benötigen zudem die Infrastruktur wie Kitas oder Schulen. Die Grundschule platzt aber schon jetzt aus allen Nähten. Und Kinder brauchen auch Bewegungsräume, aber genau die pflastert man jetzt mit Wohnungen für Familien zu.
Bauen, bauen, bauen: Kommen Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu kurz?
Ja, das ist so. Was uns insgesamt fehlt, sind mehr neue Konzepte. Was bislang geplant ist, ist kein Bauen des 21. Jahrhunderts. Da ist zum einen das Nürk-Areal, wo viel zu hohe Häuser gebaut werden. Auf unsere Initiative hin und durch die Bürgerbeteiligung ist die Baumasse zwar etwas verteilt worden, es ist aber nicht weniger geworden. Das Ganze ist altes Denken und Bauen. Beim Roser-Areal hat ein Investor das Gelände gekauft, der nicht neu- sondern umbaut, was wir zunächst mal sehr positiv finden. Unter anderem wird auch versiegelte Fläche in eine Grünfläche umgewandelt. Die bittere Pille ist, dass der Investor ein neungeschossiges Hochhaus an der Ecke bauen möchte. Genau hier stehen aber zwei große Kastanien, die weichen müssten, und wir finden das Gebäude zu groß und zu hoch. Unser größtes Anliegen ist natürlich der VfL-Sportplatz. Wenigstens konnte erreicht werden, dass es 10 000 Quadratmeter Grün statt der geplanten 6000 Quadratmeter geben soll. Erhalten werden müssen auch die wichtigen Frischluftschneisen. Das Post-Gelände ist noch eine der wenigen Bauflächen, die der Stadt gehören. Wenn nicht gerade hier ein Vorzeigeobjekt entsteht und revolutionäres, anderes Bauen umgesetzt wird, wo denn sonst?
Der Bürgerausschuss fordert seit Langem einen Stadtteilentwicklungsplan. Was ist darauf geworden?
Zu unserer großen Freude ist jetzt das integrierte städtebauliche Stadtteilentwicklungskonzept, kurz ISEK, vom Gemeinderat beschlossen worden. Vorausgegangen war ein fraktionsübergreifender Antrag von Grünen, SPD, FDP und Linken, die der Bürgerausschuss überzeugen konnte. Das war eine klare Mehrheit und die Stadtverwaltung ist zügig darauf eingegangen. Im Herbst geht es los. Dabei wird der gesamte Stadtteil mit seinen Ressourcen und Möglichkeiten in den Blick genommen. Besonders wichtig war uns, dass es eine Bürgerbeteiligung gibt.
Das VfL-Post-Gelände ist nach wie vor ein heißes Eisen im Stadtteil. Wie geht es weiter?
Fakt ist, dass der Bürgerausschuss und der Stadtteil nicht wollen, dass hier gebaut wird. Wir wissen nicht, wie die Bürgerbeteiligung beim ISEK laufen wird, aber das wird sicher ein zentrales Thema sein. Wir haben lange für eine Zwischennutzung gekämpft, denn gebaut würde ja voraussichtlich erst 2025. Im August kam nach langem Hin und Her endlich die Mail von der Stadt, dass die Bürger das Gelände frei nutzen können. Schulsport und Vereinssport sind aber ausgeschlossen. Dabei bräuchten die Schulen dringend diese Fläche. Der Sportplatz sei laut der Stadt nicht mehr geeignet für organisierten Sport, was doch sehr komisch ist, denn er ist ja unverändert. Wenn man ihn mäht – und dazu hat sich die Stadt bereit erklärt – ist es derselbe Platz wie vorher.
Bürgerausschuss Pliensauvorstadt
Vorsitzender
Andreas Jacobson, Jahrgang 1951, ist seit 2012 im Bürgerausschuss Pliensauvorstadt, seit der letzten Wahl im Jahr 2018 ist er Vorsitzender des Gremiums. Bis zu seinem Ruhestand hat der Sozialpädagoge viele Jahre das Esslinger Jugendhaus Komma geleitet.
Gremium
Der Bürgerausschuss Pliensauvorstadt wurde zuletzt am 18. Oktober 2018 anlässlich einer Bürgerversammlung gewählt. Er setzt sich aus 18 Mitgliedern zusammen. Weil die turnusgemäße Wahl wegen Corona verschoben werden musste, bleibt das Gremium weiter im Amt. Im Jahr 2024, voraussichtlich im Oktober, soll die nächste Wahl stattfinden.