Die Mädchen der Wohngruppe Jella haben als erste Gruppe in Baden-Württemberg eine Doppelseite für das „Mitmach-Buch“ konzipiert. Unterstützt worden sind sie dabei von ihren Betreuerinnen. Foto: privat

In der Mädchen-Wohngruppe „Jella“ hat ein landesweites Mitmach-Projekt begonnen. Heranwachsende aus 30 Jugendhilfeeinrichtungen stellen ein gemeinsames Buch für Sozialministerin Katrin Altpeter zusammen.

Zuffenhausen - Liebe Frau Ministerin“, steht links oben auf einer Doppelseite des Buches, das ein halbes Dutzend Mädchen in ihren Händen hält. Gemeint ist die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter, und bei dem Buch handelt es sich nicht um irgendeinen beliebigen Schmöker, sondern um ein Unikat. Für den Inhalt sind junge Leute aus insgesamt 30 Jugendeinrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes verantwortlich. Das Buch soll der Ministerin im November übergeben werden. Vorher muss es freilich noch mit Leben gefüllt werden. Den Anfang haben die Mädchen aus der Wohngruppe Jella an der Zuffenhäuser Vandalenstraße gemacht. Dort sind sechs junge Frauen mit Suchtproblemen untergebracht und werden pädagogisch-therapeutisch betreut.

„Das Projekt hat den richtigen Nerv getroffen“

Weitergereicht haben die Mädchen ihre Doppelseite an Heranwachsende aus der Jugendhilfeeinrichtung „Gutenhalde“ aus Filderstadt. Die wiederum haben nun eine Woche Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Von Filderstadt geht die Reise dann Station für Station weiter an die anderen Teilnehmer der Mitmach-Aktion, bis schließlich jede der Einrichtungen ihre eigene Doppelseite produziert hat.

Die jungen Leute sollen in Wort und Bild thematisieren, welche Rechte ihnen wichtig sind und wie in den Hilfseinrichtungen damit umgegangen wird. Hintergrund für die Aktion ist das Jahr der Kinder- und Jugendrechte. „Anfangs war ich nicht sicher, ob das funktioniert“, beschreibt Heidrun Neuwirth, die Leiterin von Jella, ihre Gefühlslage. Die Zweifel seien jedoch schnell ausgeräumt worden, von Anfang an hätten die sechs Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren engagiert mitgearbeitet und sogar Workshops während der Osterferien besucht. Besonders auffällig sei gewesen, wie wichtig den jungen Frauen gesellschaftliche Partizipation ist und wie stark sie gleiche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für sich einfordern. Mittlerweile ist sich Neuwirth sicher: „Das Projekt hat den richtigen Nerv getroffen.“

„Wir hätten viel mehr Seiten füllen können“

Die sechs Jella-Teilnehmerinnen haben sich lange ihre Köpfe darüber zerbrochen, welche Themen sie in dem Buch platzieren. „Wir hätten viel mehr Seiten füllen können“, erzählt Mirosa. Jede der Teilnehmerinnen hätte sehr viele Ideen gehabt, letzten Endes sei dann aber demokratisch entschieden worden, was Aufnahme finden wird. Im Zentrum der Doppelseite stehen sechs Bilder, auf denen die Mädchen per Sprechblase verschiedene Rechte einfordern: Bildung, Privatsphäre, Gewaltfreiheit, Nahrung und Gesundheit, Therapie und drogenfreies Leben, Freizeit, Gleichberechtigung beim Sport. Natürlich wissen die jungen Frauen, dass es in erster Linie auch an ihnen selbst liegt, was sie aus ihrer Zukunft machen. „Clean leben ist für uns alle das oberste Ziel“, sagt Mila. Dies sei Voraussetzung für einen geregelten und strukturierten Alltag. Ob und wie die Sozialministerin von der SPD oder andere Politiker auf das Buchprojekt reagieren werden, darüber gibt es bei den Jella-Mädchen verschiedene Ansichten. Alle sind sich aber einig, dass, selbst wenn keine Reaktionen kommen sollten, es jede einzelne von ihnen ein kleines Stückchen weitergebracht hat. „Wir haben uns und unsere Probleme besser kennengelernt“, sagt Mandy. Und Mila ist sich sicher: „Wir haben ein Zeichen gesetzt.“

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