Der Hafen in Rotterdam ist der weltweit größte außerhalb Asiens. Foto: dpa

Die Niederlande stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Buchmesse. Ein Blick auf die Wirtschaft im Nachbarland, das nach der weltweiten Wirtschaftskrise 2009 im Jahr 2012 einen weiteren Einbruch erlebte.

Frankfurt - Es ist ein Andachtsraum für Bücherwürmer. Im Mittelschiff der alten Dominikanerkirche zu Maastricht reihen sich auf einem schwarzen Regal die Romane, weitere Bände sind unter den großen gotischen Fenstern platziert. Die Buchhandlung „Dominicanen“ vereint gleich mehrere Eigenschaften, die Wirtschaft und Gesellschaft der Niederlande auszeichnen: Als echte Pragmatiker haben die Niederländer schon vor Jahren begonnen, auf den Rückgang der Gottesdienstbesuche mit der Umnutzung von Kirchen zu reagieren. Sie sind dabei sehr kreativ – in einem weiteren Gotteshaus in Maastricht ist ein Hotelrestaurant untergebracht. Und die Umgestaltung zeigt in beiden Fällen das Können niederländischer Architekten, die auch international einen hervorragenden Ruf genießen. Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart beispielsweise wurde vom Amsterdamer Architekturbüro UNStudio entworfen.

Im internationalen Ranking regelmäßig unter den Top 5

In internationalen Rankings landen die Niederlande bei Innovation und Wettbewerbsfähigkeit regelmäßig in den Top 5. Und: mit seinen 18 Millionen Einwohnern ist unser Nachbarland der fünftgrößte Exporteur der Welt – nach den Schwergewichten China, USA, Deutschland und Japan.

Ein Grund dafür ist die strategisch günstige Lage, die den Niederlanden bereits im 17. Jahrhundert den Aufstieg zur Handelsmacht ermöglichte. Heute ist der Hafen von Rotterdam der größte außerhalb Asiens. „Wir waren nie ein großer Industriestandort wie Deutschland oder Belgien, sondern stärker auf Transport und Handel konzentriert“, sagt der niederländische Wirtschaftswissenschaftler Kees van Paridon, der an der Erasmus-Universität in Rotterdam und bald als Gastprofessor in Münster lehrt.

Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind wichtigste Exportgüter

Die wichtigsten Exportgüter sind landwirtschaftliche Erzeugnisse. Doch die Niederlande haben mehr zu bieten als Tomaten und Tulpen. Auf Platz zwei der Exportstatistik liegen chemische Produkte. Und auch die Kreativwirtschaft ist international erfolgreich: Aus den Niederlanden kommen nicht nur Modemarken wie G-Star und Oilily, sondern auch weltweit bekannte Fernsehshows wie Big Brother.

Gleichwohl hat das Land einige schwierige Jahre hinter sich. Nach der weltweiten Wirtschaftskrise 2009 folgte 2012 ein weiterer Einbruch, erst 2014 wurde die Rezession überwunden. „Die Lage hat sich seither wirklich gebessert, aber es läuft nicht so gut wie vor der Finanzkrise und auch nicht so gut wie in Deutschland“, sagt van Paridon. Sorge bereitet dem Wissenschaftler, dass mit der wirtschaftlichen Erholung auch die Hauspreise wieder kräftig steigen.

Viele Eigenheimbesitzer haben hohe Schulden

Die hohen Schulden vieler Eigenheimbesitzer hatten zu der Krise der vergangenen Jahre beigetragen. Hintergrund ist eine fehlgeleitete Subventionspolitik: Niederländische Hausbesitzer konnten in der Vergangenheit die Zinszahlungen auf ihre Hypotheken zu über 50 Prozent von der Steuer absetzen. Dieser Anteil soll in den nächsten Jahren sinken. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kritisiert das Reformtempo allerdings als unzureichend.

Handlungsbedarf sieht der Währungsfonds – ähnlich wie in Deutschland – auch bei den öffentlichen Investitionen. Van Paridon stimmt zu: „Sinnvoll wären Investitionen vor allem in den Hochwasserschutz, entlang den Flüssen wie an der Küste.“ Wegen des Klimawandels sei verstärkt mit Überschwemmungen zu rechnen.

Den Deutschen beim Thema Digitalisierung klar voraus

Klar voraus sind die Niederländer den Deutschen beim Thema Digitalisierung. In einer Studie des Weltwirtschaftsforums zum Stand der Informations- und Kommunikationstechnologie belegte unser Nachbarland den sechsten Platz, die Bundesrepublik landete auf dem 15. Rang der 139 untersuchten Länder.

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