Susanne Martin liest oft drei Bücher in einer Woche. Foto: Jacqueline Fritsch

Zwischen Buchdeckeln ist sie zuhause: Susanne Martin. 22 Jahre lang hat sie die Schiller-Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen geleitet. Am 10. Februar ist nun aber Schluss. Sie muss den Laden aufgeben.

Vaihingen - Schweren Herzens schaut Susanne Martin in diesen Tagen zu, wie ein Buch nach dem anderen aus den Regalen ihres Geschäfts verschwindet. Der Ausverkauf läuft gut, die Kunden sind traurig – Susanne Martin ist es auch. Die 59-Jährige gibt die Schiller-Buchhandlung zum 10. Februar auf.

Sogar an den Tischen und Stühlen hängen kleine bunte Preisschilder: „zu verkaufen“. Beinahe über jedem Regal prangt ein runder, orangefarbener Kleber mit der Aufschrift „20 Prozent“. Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Bei jedem leeren Regal weiß Martin: Dort wird kein Buch mehr seinen Platz finden. Deshalb versucht sie, leere Regale so lange wie möglich zu verhindern, indem sie die übrigen Bücher so drapiert, dass sie besonders viel Platz einnehmen. „Es wirkt so traurig, wenn die Regale leer sind“, meint die Buchhändlerin.

Aus gesundheitlichen Gründen kann sie den Laden nicht weiterführen. Einen Nachfolger konnte sie nicht finden. „Ich weiß seit zwei Jahren, dass ich aufhören werde, und habe mehr als ein Jahr lang nach jemandem gesucht, der den Laden übernimmt“, erzählt Martin. Auch ihre Mitarbeiter haben sich gegen eine Übernahme entschieden. „Das muss man auch respektieren“, betont Martin.

„Ich kann im Bett nicht lesen“

Bücher haben einen festen Platz im Leben der Geschäftsführerin. „Lesen ist mein Hobby und meine Leidenschaft“, sagt sie. Mindestens ein Buch liest sie pro Woche. „Wenn es gut läuft, sind es drei“. Nicht nur in diesem Punkt unterscheidet sie sich wohl vom Durchschnittsleser. Dieser liest eventuell gerne auf dem heimischen Sofa oder abends im Bett. „Ich kann nicht im Bett lesen“, sagt Martin, „meistens sitze ich auf einem Stuhl und lege das Buch auf den Tisch.“

Vor 22 Jahren hat Martin die Schiller-Buchhandlung übernommen, in der sie zuvor fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Mit den Büchern ist sie dann von der Filiale am Schillerplatz in die Räume am Vaihinger Markt gezogen. „Ich habe gleich gemerkt, dass hier die Atmosphäre stimmt“, erinnert sie sich. Damals habe es an dieser Straße noch viel Laufkundschaft gegeben und etliche Geschäfte drumherum. Heute stehen viele Verkaufsflächen leer. „Es gibt hier nur noch wenige Läden, die die Menschen zum Verweilen einladen“, meint Martin. Und ausschließlich von Stammkunden könne der Laden nicht leben. „Ich hätte an einen prominenteren Ort ziehen müssen, um das Geschäft zu halten“, sagt Martin. Das hätte sie aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nicht geschafft.

Kunden haben Abschiedsgeschenke gebracht

Die Kunden strömen in diesen Tagen noch in das Geschäft und kaufen die letzten Vorräte an Büchern auf. Vor Weihnachten seien einige mit Keksen, Blumen, Schokolade und Grußkarten gekommen, um ihre Verbundenheit zum Laden zu zeigen. „Die Menschen sagen, dass es ein Verlust für Vaihingen sei und manche fragen fast vorwurfsvoll, wie wir es wagen können aufzuhören“, sagt Martin und lacht. Sie sieht die Reaktionen der Kunden als große Wertschätzung.

Martin ist es wichtig, dass Menschen ihre Bücher weiterhin im Ort kaufen und nicht im Internet. Deshalb macht sie ihre Kunden seit einiger Zeit auf den Vaihinger Buchladen, die Rohrer Buchhandlung und das Geschäft Buch und Musik aufmerksam. „Dort finden sich die Kunden in vertrauter Umgebung wieder“, sagt Susanne Martin zuversichtlich.

Der Schlussverkauf tut Martin zwar weh, dennoch freut sie sich, dass sie danach viel Zeit für sich selbst hat. „Dann kann ich mich mal ganz ohne Zeitdruck mit Freunden und der Familie treffen“, sagt sie. Natürlich wird sie auch viel lesen – wie gewohnt an einem Tisch. Doch eines wird dann anders sein: „Endlich kann ich das lesen, was ich will, und nicht das, was neu ist, und worüber ich Bescheid wissen muss“, sagt sie und lacht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: