Mit der Praktik des „Brustbügelns“ soll in mehreren afrikanischen Ländern verhindert werden, dass sich die Brüste junger Mädchen normal entwickeln. Foto: Renata

Sobald die Pubertät beginnt, erwartet viele afrikanische Mädchen ein schmerzhaftes Prozedere: Ihre Brüste werden abgebunden oder mit heißen Steinen beschwert. Eine unattraktive Brust, so die Begründung, soll die Mädchen vor Übergriffen schützen.

Yaounde - Viviane Tathi braucht keine Minute, und ihr ist die Aufmerksamkeit von 70 Mädchen und Jungen sicher. Die Drittklässler der staatlichen Grundschule Essos I in Kameruns Hauptstadt Yaounde hören gebannt zu, wenn die junge, zierliche Frau anfängt, über eines der größten Tabuthemen im Land zu sprechen: Die schmerzhafte Praxisdes „Brustbügelns“, die bis heute in Kamerun existiert und gegen die Tathi und ihre Kolleginnen der Organisation „Renata“ ankämpfen. Bekannter sind sie unter dem Namen „Tantines“, freundliche Tanten.

Das Brustbügeln wird vor allem in Kamerun, aber auch in anderen Ländern der Region wie Tschad und Togo praktiziert. Wenn junge Mädchen erste Anzeichen der Pubertät zeigen, werden ihnen heiße Steine auf die Brust gelegt. Häufig wird sie zusätzlich mit Bandagen abgebunden oder „massiert“. „Das Wort beschönigt das. Es hat nichts mit Massage zu tun“, erklärt Tahtis Kollegin Winnie Eyono Ndong den Schülern. „Es ist unglaublich schmerzhaft“.

In der Regel führen die Mütter oder Großmütter die Praktik duch

Wie viele Frauen, die für die 2005 gegründete nichtstaatliche Organisation arbeiten, hat auch Winnie Eyono Ndong das Brustbügeln selbst erlebt. Sie wuchs bei ihrer Mutter in Yaounde auf, wurde in den großen Ferien zu ihrer Großmutter aufs Land geschickt. Den Urlaub wird sie nie vergessen. „Als ich ankam, hatte meine Cousine das Brustbügeln schon hinter sich. Sie weinte“, erzählt die 27-Jährige vor den Grundschülern. Am Abend untersuchte auch die Großmutter ihre Brust. „Irgendwann lächelte sie zufrieden und befand: Sie fängt an zu wachsen. Dagegen werden wir etwas tun.“

In aller Regel führen Mütter und Großmütter das Brustbügeln durch und geben es so von einer Generation zur nächsten weiter. Ziel ist, dass die Brust möglich unattraktiv aussieht und so potenzielle Vergewaltiger abhält. Mitunter wird auch argumentiert, dass Mädchen mit großen Brüsten nicht mehr in der Schule lernen und zu viele Kontakte zu Jungs haben. Im Fall von Winnie Eyono Ndong schlug das ins Gegenteil um. Sie versuchte, sich im Wald vor der Großmutter zu verstecken und wurde von einem Onkel entdeckt. Der versprach ihr Schutz - und vergewaltigte sie, erzählt die junge Frau. Als sie sich hilfesuchend an Erwachsene wandte, glaubte ihr niemand. „Mein Onkel erzählte, ich wäre gestürzt und blutete deshalb.“

In einer anschließenden Fragerunde zeigen sich die Mädchen und Jungen tief beeindruckt von der Geschichte. Eine Schülerin möchte wissen, warum niemand Winnie Eyono Ndongs Vergewaltigungsbericht glauben wollte. „Ich war nur ein Kind“, antwortet sie. Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Kinder in Kamerun Missbrauchs- und Gewalterfahrungen machen. Viviane Tathi hält deshalb Schulbesuche für extrem wichtig. „Die vielen Fragen zeigen, wie sehr sie das Thema interessiert - und dass sie weiterdiskutieren wollen.“

Betroffene hat Schwierigkeiten beim Stillen

Eine Botschaft wiederholen die Frauen immer wieder: „Wehrt euch und lasst nicht zu, dass jemand eure Brust abbinden oder einen heißen Spachtel darauf drücken will. Niemand hat das Recht dazu.“ An die Tafel schreiben sie auch eine Handynummer, die 24 Stunden kostenfrei erreichbar ist. Solche Nummern, an die sich Mädchen und Frauen in Notlagen wenden können, sind bislang noch die Ausnahme.

Immerhin: In Kamerun nimmt das „Brustbügeln“ langsam ab. Laut aktuellster Studie, die 2013 mithilfe der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit durchgeführt wurde, gaben zwölf Prozent von 5.914 Befragten an, selbst Opfer der Prozedur geworden zu sein. 2005 waren es bei einer ähnlichen Erhebung noch doppelt so viele. Ziel von „Renata“ ist es, den grausamen Brauch komplett auszutilgen.

Neben Schulbesuchen sind die „Tantines“ mit Behördenvertretern, Imamen und Priestern in Kontakt und weisen dabei auch auf die gesundheitlichen Schwierigkeiten der Opfer hin. Die hat auch Winnie Eyono Ndong rund 18 Jahre später noch. Sie klagt regelmäßig über Schmerzen und konnte nach der Geburt ihre Tochter nicht stillen. „Ich weiß nicht, ob meine Großmutter das Brustbügeln noch immer durchführt. Ich hoffe aber sehr, dass sie ihren Irrglauben aufgegeben hat.“

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