Das regelmäßige Abtasten der Brust ist eine Vorsorgemaßnahme gegen Brustkrebs Foto:  

Der Tastsinn von sehbehinderten Menschen ist oft besser ausgeprägt. Das kann in der Krebsvorsorge genutzt werden.

Berlin - War da was? Hier? Oder doch einen Millimeter weiter links? Vorsichtig tasten Hände über eine Schaumstoffmatte. Millimeter für Millimeter wird nach kleinsten Unebenheiten abgesucht. Diese stammen von kleinen Kunststoffkügelchen, die an der Unterseite der Matte angebracht sind.

Das, was sich nach einem Kinderspiel anhört, hat einen ernsten Hintergrund: Denn mit dieser Übung sollen Sehbehinderte im Discovery-Hands-Zentrum in Berlin ihren Tastsinn für die Brustkrebsvorsorge trainieren, um als medizinische Tastuntersucherinnen in Frauenarztpraxen arbeiten zu können. Die Kugeln sind sozusagen die Knoten in der Brust, die es zu finden gilt.

Doch wer seine Hände auf die Probe stellt, merkt schnell: Nicht immer ist auf das Gespür Verlass. Bei der Übung ist es zwar nicht so schlimm, wenn ein Kügelchen nicht ­gefunden wird – was aber, wenn dies beim Abtasten der Brust passiert?

Sylvia Goldammer, eine der Tastuntersucherinnen, geht das Problem systematisch an: Sie klebt als Erstes ihrer Patientin fünf lange Klebestreifen auf den Oberkörper – wie ein Koordinatensystem für die Brust. Auf den Klebestreifen befinden sich Markierungen, mit deren Hilfe die 46-Jährige in rund 45 Minuten die gesamte Brust ihrer Patientin abtastet – und keine Fläche auslässt.

Wenn Sylvia Goldammer mit ihrer Ausbildung fertig ist, ist sie eine von rund 25 Frauen, die bundesweit bislang als Tasterin geschult worden sind. Für die Sehbehinderte ist dieser Beruf eine tolle Chance: „Schon im Alltag verlasse ich mich viel mehr auf den Tastsinn als auf andere Sinne.“

Gute Vorsorge bei Brustkrebs ist wichtig

Den ausgeprägten Tastsinn sehbehinderter Menschen für die Brustkrebsvorsorge nutzen – diese Idee hatte der Duisburger ­Gynäkologe Frank Hofmann bereits vor rund zehn Jahren. Der Grund leuchtet angesichts der Erkrankungsstatistik schnell ein: Rund 75 000 Frauen in Deutschland erkranken laut der Deutschen Krebshilfe jedes Jahr an Brustkrebs. Damit ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Eine gute Vorsorge ist da wichtig.

Doch wenn Frauen ihre Brust selbst abtasten, fühlen sie im Schnitt Knoten ab einer Größe von 2,5 Zentimetern, sagt die kaufmännische Leiterin des Zentrums, Anke Henkel. Frauenärzte könnten im Durchschnitt Veränderungen ab einem Zentimeter spüren, die medizinischen Tastuntersucherinnen dagegen Knoten ab einer Größe von sechs Millimetern. Deshalb sei die Methode ein vielversprechender Ansatz, um Brustkrebs so früh wie möglich zu erkennen und so die Heilungschancen zu vergrößern. Als Nebeneffekt trägt die Untersuchungsmethode so zur Inklusion am Arbeitsplatz bei und schafft Stellen für sehbehinderte Menschen.

Inzwischen wird „Discovering Hands“ an rund 20 Praxen in Deutschland angeboten – darunter auch eine in Karlsruhe. Die Untersuchung wird von Patientinnen angenommen: Allein im Berliner Discovery-Hands-Zentrum wurden seit der Eröffnung im April rund 300 Frauen untersucht. Eine von ihnen ist Beate Hemling. „Beim Frauenarzt geht das ja zack, zack, und schon ist die Untersuchung vorbei“, sagt die 52-Jährige. Hier habe sie dagegen das beruhigende Gefühl, dass wirklich alles abgetastet wurde. „Man nimmt sich hier viel mehr Zeit.“

Die Untersuchung nach der „Discovering Hands“-Methode kostet 46,50 Euro. Bisher wird sie nur von wenigen kleinen Krankenkassen übernommen. Anke Henkel betont aber, dass die Untersuchung keineswegs den Besuch beim Frauenarzt ersetzt: Sie sei als zusätzlicher Schutz gedacht und werde einmal im Jahr als Ergänzung zur Untersuchung beim Frauenarzt empfohlen.

Weitere Infos: discovering-hands.de

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