Schwimmer Florian Wellbrock freut sich nach dem 1500-Meter-Rennen über Bronze, hadert aber auch mit sich selbst. Dafür gibt es bei Caeleb Dressel keinen Grund.
Tokio - Es wäre natürlich absolut despektierlich, würde irgendjemand behaupten, Florian Wellbrock sei im Tokyo Aquatics Centre baden gegangen. Auf einer Erfolgswelle ist der deutsche Star bei den Olympischen Spielen bisher allerdings auch nicht geschwommen – er hat nur gesehen, wie sich das anfühlen muss.
Wellbrock (23) wartete am Sonntag auf die Siegerehrung seines 1500-Meter-Freistil-Rennens und versuchte den gedanklichen Zwiespalt aufzulösen, in dem er sich befand, als die Beckenwettbewerbe von Tokio mit einem letzten Ausrufezeichen zu Ende gingen. Caeleb Dressel (24) kraulte den Sieg der US-Lagenstaffel ins Ziel – und bejubelte lautstark den Weltrekord (3:26,79 Minuten). Die alte Bestmarke stammte aus dem Sommer 2009, damals gehörte Michael Phelps dem Quartett an. Der erfolgreichste Olympionike der Geschichte (23x Gold/3x Silber/2x Bronze) ist auch in Tokio, als TV-Kommentator. Und als Beobachter von Dressel, der mit fünf Goldmedaillen der erfolgreichste Athlet dieser Sommerspiele werden dürfte. „Natürlich bin ich glücklich und auch stolz auf mich, weil ich mein Potenzial ausgeschöpft habe“, sagte Dressel, „aber um ehrlich zu sein, bin ich auch froh, dass es vorbei ist. Jetzt brauche ich erst mal eine Pause vom Schwimmen.“
Caeleb Dressel will nicht zu sehr hochgejubelt werden
Mentale Müdigkeit von Sportstars ist ja immer wieder ein Thema in Tokio, bei Caeleb Dressel hat die Erschöpfung auch damit zu tun, dass er ständig mit Phelps verglichen wird. Dabei will er gar nicht so sein wie sein Vorbild. Sondern nur er selbst. „Bisher ist der Druck okay“, meinte er, „aber ich muss schon schauen, dass aus Druck kein Stress wird.“ Weshalb er zugleich einen Wunsch an die Medien formulierte: „Bitte jubelt mich nicht zu sehr hoch!“
Wellbrock spürt in Tokio ebenfalls, wie schwer es ist, mit den Ansprüchen umzugehen. Auch mit den eigenen. 2019 bei der WM wurde er Doppel-Weltmeister, über 1500 Meter im Becken und über zehn Kilometer im Freiwasser. Zudem rechnete sich der Freistilschwimmer für Olympia auch Chancen im 800-Meter-Wettbewerb aus – und das völlig zu Recht. Über die kürzere Distanz lag er bis zur letzten Wende in Führung und wurde Vierter, über 1500 Meter lief es ziemlich ähnlich. Nur mit einem besseren Ende.
Florian Wellbrock führt erneut lange
Der Favorit vom SC Magdeburg schwamm ein beherztes, souveränes, starkes Rennen. Bei 300 Metern übernahm er die Führung, und er hatte den Vorteil, auf die Seite zu atmen, auf der seine drei Konkurrenten unterwegs waren. Wellbrock kontrollierte Michailo Romantschuk (Ukraine), Robert Finke (USA) und Gregorio Paltrinieri (Italien), glitt elegant, fast spielerisch durchs Wasser. Es gelang ihm allerdings nicht, sich abzusetzen. Normalerweise ist das kein Problem, Wellbrock verfügt über einen veritablen Schlussspurt. Weil ihm diese Fähigkeit über die 800-Meter-Distanz kurzfristig abhandengekommen war, schwamm allerdings auch ein bisschen Unsicherheit mit.
Wellbrock führte wieder bei der letzten Wende, doch erneut zogen Finke (14:39,65 Minuten) und Romantschuk (14:40,66) vorbei. Wellbrock (14:40,91) holte Bronze, blieb aber rund vier Sekunden über seiner Weltjahresbestzeit. „Ich wusste, dass es eng werden würde, weil Finke auf der letzten Bahn den Turbo zünden wird. Wenn er explodiert, fühlt man sich ein bisschen machtlos“, sagte der Deutsche, als er später mit der Bronzemedaille um den Hals in der Mixed-Zone stand, „ich bin immer noch zwiegespalten. Einerseits war die Siegerehrung ein schöner Moment, Olympische Spiele haben noch mal einen ganz anderen Charme. Und über Bronze will ich keinesfalls meckern. Andererseits frage ich mich schon, warum ich meine große Stärke auf den letzten 100 Metern wieder nicht ausspielen konnte. Das müssen wir klären.“ Nach der Zeit in Tokio.
Im Freiwasser bleibt noch eine weitere Medaillenchance
Zuvor bleibt Wellbrock eine weitere Chance auf den angestrebten Olympiasieg. Am Donnerstag startet er über zehn Kilometer im Freiwasser, auch dort ist er einer der Favoriten. Er kann nun womöglich etwas befreiter starten – sein Soll hat er erfüllt. Schließlich sind olympische Medaillen für deutsche Schwimmer alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Stev Theloke bejubelte in Sydney Bronze über 100 Meter Rücken, 21 Jahre liegt das nun zurück. Seither stand kein Mann aus dem DSV-Team mehr nach einem Einzelrennen auf dem Treppchen. Kein Wunder, dass es für Wellbrock deshalb Lob aus berufenem Munde gab.
Paul Biedermann würdigte die Medaille als großen Erfolg. „Wellbrock ist ein beherztes Rennen geschwommen, das ist nicht hoch genug zu bewerten“, sagte der Ex-Weltmeister und Weltrekordler, „zudem hat er seine Vielseitigkeit bei der Renngestaltung bewiesen.“ Nun geht es darum, noch mehr Flexibilität zu zeigen – Wellbrock wechselt ins Freiwasser. Um in der Bucht von Tokio eine Erfolgswelle zu erwischen. Wie das geht? Kann er ja womöglich Caeleb Dressel fragen.