Nicht in Festtagslaune: Die Lage ist ernst für Boris Johnson. Foto: dpa/Joshua Bratt

Auf frohe Weihnachten kann der britische Premierminister nicht hoffen. Mit rasantem Tempo rollt die neue Covid-Welle auf das Vereinigte Königreich zu. Hinzu kommen eine historische Wahlniederlage und diverse Skandale.

London - Die neue Coronawelle rollt – aber der britische Premierminister Boris Johnson zögert, dringende Maßnahmen noch vor den Festtagen zu ergreifen. Er sieht auch seine Autorität im Lande rasch schwinden, zusammen mit seiner vormaligen Popularität.

 

Das jüngste Debakel: Bei einer parlamentarischen Nachwahl am Donnerstag im mittelenglischen North Shropshire hat Johnsons Konservative Partei eine katastrophale Niederlage erlitten. Der Wahlkreis, fast 200 Jahre lang eine uneinnehmbare Hochburg der Torys, ging mit großer Mehrheit an die Liberaldemokraten. Die siegreiche liberale Kandidatin und künftige Unterhausabgeordnete Helen Morgan teilte dem Premierminister mit: „Die Party ist vorbei.“

Panik in den Reihen der Torys

In den Tory-Reihen löste das Ausmaß der Niederlage Panik aus. Der Tory-Veteran Sir Roger Gale erklärte, Johnson sei in Downing Street „fehl am Platze“. Die „letzte Runde“ für ihn sei „eingeläutet“, sagte er. Ein erstes „Geläut“ hatte es am Dienstag gegeben, als 100 Mitglieder der Regierungsfraktion bei einer Unterhausabstimmung über die Einführung moderater Coronamaßnahmen der Regierung die Gefolgschaft versagten.

Selbst Parteipräsident Oliver Dowden räumte ein, dass es „Frustration“ in der Bevölkerung gebe. Die Wähler hätten schlicht „alles satt“. Nicht aussprechen mochte Dowden, was die Wähler in North Shropshire satt hatten – nämlich neben der Regierungspolitik vor allem auch Johnsons Regierungsstil.

Seit Wochen mehren sich die Vorwürfe gegen den Premier. Ihm wird auch in den eigenen Reihen vorgehalten, ausgesprochen ziellos regiert zu haben dieses Jahr. Beim Versuch etwa, seinem Ex-Minister Owen Paterson eine wegen Korruption verhängte parlamentarische Strafe zu ersparen, ließ sich der Regierungschef zu spektakulären Manövern und groben Fehltritten hinreißen. Hätten diese Aktionen nicht Patersons Rücktritt erzwungen, wäre es nie zur Nachwahl gekommen: Denn Paterson war der Abgeordnete für North Shropshire – der bislang letzte Tory dort.

Zu erheblicher Aufregung führte auch, dass die Torys eine hohe Geldstrafe bezahlen mussten in der Folge einer Affäre um die kostspielige Renovierung von Johnsons Dienstwohnung. Der Premier gab vor, nie etwas gewusst zu haben von der Rolle illegitimer Gönner. Besonders schlecht kam zudem an, dass offenbar im Vorjahr in der Regierungszentrale Weihnachtspartys gefeiert worden waren, während die Regierung für „Normalbürger“ einen strikten Lockdown angeordnet hatte.

Solche Verhaltensweisen hätten dazu geführt, dass Johnson bei seinen Mitbürgern „alle Glaubwürdigkeit eingebüßt“ habe, finden Oppositionspolitiker. „Endlose Finten und Lügen“ wurden dem Regierungschef nachgesagt.

Mittlerweile hat Johnson ein neues Problem, das freilich ein Problem für sehr viel mehr Menschen in Großbritannien werden dürfte. Da schon die relativ bescheidenen Anti-Covid-Restriktionen dieser Woche – mehr Maskentragen und Covid-Pässe oder Vorab-Tests bei Großveranstaltungen – bei so vielen Tory-Abgeordneten auf so entschiedenen Widerstand stießen, zögert der Premier mit schärferen Maßnahmen.

Queen sagt Vorweihnachtsessen ab

Wichtig sei jetzt vor allem massenhaftes „Boostern“, verkündet Johnson stattdessen täglich. An einen erneuten Lockdown denke er nicht. Dabei drängen fast alle namhaften Experten, drängt ihn selbst sein medizinischer Chefberater Professor Chris Whitty zu klaren Appellen: „Unnötige“ Kontakte müssten dringend vermieden werden, hat der sonst eher zurückhaltende Whitty verkündet. Johnson selbst sieht keinen Grund, warum seine Mitbürger Partys ausfallen lassen sollten. Auch wenn Ihre Majestät, die Königin von England, just ihr eigenes traditionelles Vorweihnachtsessen für 50 Familienmitglieder abgesagt hat.

Tatsächlich schränken viele von Johnsons Landsleuten, denen die Lage an der Covid-Front unheimlich ist, ihre Kontakte ein. Pubs und Restaurants melden massenhaft Abbestellungen. Diese Woche hat sich die Zahl der Passagiere in Bahnen und Bussen in London gegenüber der Vorwoche um 20 Prozent verringert. Die Leute bleiben daheim.

Wegen der Omikron-Variante, die jetzt in der Hauptstadt schon die Mehrheit aller Fälle ausmacht und sich rasend ausbreitet, erwarten britische Experten eine Million Fälle pro Tag noch vor Jahresende. Die gemeldeten täglichen positiven Tests hatten am Donnerstag schon knapp 90 000 erreicht.

Die Spitäler haben für Weihnachten eine „Notlage“ ausgerufen und rechnen mit dem Schlimmsten. Schon in den letzten Tagen hat sich die Zahl verfügbarer Ärzte und Pfleger wegen neuer Ansteckungen unter den Beschäftigten nach Klinikangaben um ein Zehntel reduziert. Genau deshalb sei es nun am allerwichtigsten, dass er sich „auf die wirklichen Themen, die den Leuten wichtig sind“, konzentriere, erklärte Johnson gestern – nämlich darauf, „was wir tun zur Bekämpfung der Pandemie“. Natürlich begreife er die Frustration vieler Wähler in North Shropshire und sei selbst „sehr enttäuscht“ vom Nachwahlergebnis. Aber viel davon sei auch eine Folge der endlosen Beschäftigung der Medien „mit Politik und Politikern“ statt mit echten Problemen, fügte er hinzu. Er werde jedenfalls alles weiter daransetzen, nach der schnellsten Impfkampagne aller Zeiten nun auch weiter „den schnellsten Booster-Rollout“ in Europa zu organisieren.