Brillenkauf im Internet Klickkontakt statt Blickkontakt

Von Harald Czycholl 

Brillen gibt es viele – damit sie ihren Zweck erfüllt muss man beim Kauf einiges beachten Foto: dpa
Brillen gibt es viele – damit sie ihren Zweck erfüllt muss man beim Kauf einiges beachten Foto: dpa

Immer mehr Menschen bestellen ihre Brillen im Netz und verzichten auf persönliche Beratung beim Optiker.

Würzburg - „So kauft man Brillen heute“ – dieser Satz steht ganz oben auf der Startseite des Online-Brillenhändlers Mister Spex. Der nächste Klick führt sofort hinein in die Warenwelt: Die Kunden können an Dutzenden Modellen vorbeiscrollen. Für jeden Geschmack und Bedarf ist etwas dabei: Sonnenbrillen, Sportbrillen, Kinderbrillen, Damenbrillen, Herrenbrillen, Markenbrillen oder auch günstige Brillen aus eigenen Kollektionen. Dann heißt es Brillenwerte eintippen, Gläser aussuchen, auf „Bezahlen“ klicken – und wenige Tage später wird das Päckchen mit der neuen Brille geliefert.

Ob Mister Spex oder Brille24, Brillenplatz oder Netzoptiker: Der Online-Boom hat längst auch die Optikerbranche erreicht. Von den insgesamt 5,6 Milliarden Euro, die die Deutschen 2014 für Brillen ausgaben, entfielen laut Angaben des Zentralverbands der Augenoptiker (ZVA) 210 Millionen Euro auf den Online-Handel. Das entspricht zwar nur einem Anteil von knapp vier Prozent – aber die Tendenz zeigt eindeutig nach oben. Der größte Online-Händler Mister Spex etwa steigerte seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf 65 Millionen Euro – ein Plus von 37 Prozent im Vorjahresvergleich. Doch kann der Brillenkauf via Internet wirklich funktionieren? Sitzen die Brillen, ohne dass sie von Fachleuten feinjustiert und exakt an die Kopfform ihres Trägers angepasst werden?

Branchenvertreter raten zum Gang ins Fachgeschäft

Für den Zentralverband der Augenoptiker ist die Sache klar: „Eine Brille ist ein beratungsintensives Produkt, das für ein optimales Ergebnis nicht ohne den direkten Kundenkontakt verkauft werden kann“, sagt Sprecher Ingo Rütten. Auch Marktführer Fielmann hält den Brillenverkauf via Internet nicht für praktikabel: Brillen könnten online schließlich nicht vernünftig angepasst oder zentriert werden.

Der jüngste Test der Stiftung Warentest zeigte hingegen, dass die Online-Händler durchaus mit den klassischen Augenoptikern mithalten können: Der größte Online-Brillenhändler Mister Spex lag gleichauf mit Optik-Marktführer Fielmann. Beide Unternehmen bekamen die Testnote „befriedigend“ (2,8). Auf Augenhöhe landeten zudem die Filialisten Aktivoptik, Apollo Optik, Matt Optik, Abele Optik, Optiker Bode und Pro Optik. Online-Händler Brille24 schnitt mit der Gesamtnote 3,2 leicht schlechter ab, die Filialkette Eyes + More landete mit der Testnote „ausreichend“ auf dem letzten Platz.

Online-Optiker sind oft günstiger

Die Brillen der Online-Optiker könnten qualitativ mit denen der Optiker vor Ort mithalten, bilanzierten die Warentester. Preislich seien die Webshops im Vorteil – ihre Brillen waren im Test oft um mehrere Hundert Euro preisgünstiger als beim Optiker vor Ort. Die Vor-Ort-Optiker müssen aber nicht unbedingt teurer sein als die Online-Händler: Fielmann etwa wirbt damit, besonders günstig zu sein, und bietet seinen Kunden eine Geld-zurück-Garantie für den Fall, dass sie die gleiche Brille innerhalb von sechs Wochen ab dem Kauf woanders günstiger sehen. „Wer Beratung braucht oder besondere Anforderungen hat, ist ohnehin bei einem stationären Augenoptiker besser aufgehoben“, so das Fazit der Warentester.

In der Tat lässt sich bei den meisten Online-Brillenshops lediglich ein Porträtfoto hochladen, auf dem die Brillen virtuell angepasst werden können. Ein echter Ersatz für die Anpassung vor Ort ist das nicht. Eine Lösung für die fehlende Beratung beim OnlineKauf der Brille bietet bislang nur Mister Spex: Das Unternehmen hat Partnerschaften mit verschiedenen stationären Augenoptikern geschlossen, bei denen man seine Internet-Brille anpassen kann. Dort können Kunden auch kostenlose Sehtests machen. Zudem sind die Partneroptiker erste Anlaufstelle, wenn die neue Brille zwickt und neu justiert werden muss. Über ein Netz von rund 500 Partnerbetrieben verfügt der Online-Händler laut eigenen Angaben derzeit, 700 sollen es einmal werden. „Man sollte sich vorab erkundigen, ob einer in der Nähe ist“, rät Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Viele Händler bieten ein Rückgabe von 30 Tagen an

Das gesetzliche 14-tägige Rückgaberecht beim Online-Kauf gilt zwar für maßgefertigte Produkte wie Brillen eigentlich nicht. In der Regel bieten die Händler jedoch an, dass man die Ware innerhalb von 30 Tagen ohne Angabe von Gründen zurückgeben kann. „Gesetzlich verpflichtet sind sie dazu nicht“, betont Behrendt. Die Fachgeschäfte vor Ort bieten in dieser Hinsicht teilweise sogar mehr. Fielmann etwa wirbt bereits seit vielen Jahren mit seiner Zufriedenheitsgarantie: Wer mit seiner neuen Brille nicht zufrieden ist, kann sie jederzeit gegen ein ­anderes Modell umtauschen oder sogar gegen Erstattung des Kaufpreises ganz ­zurückgeben.

Aufgrund der fehlenden Beratung und schwierigen Anpassung dürfte die Internetbestellung von Brillen vor allem für erfahrene Brillenträger infrage kommen, die genau wissen, was sie wollen, und ihre Sehstärke genau kennen. Besonders für den Kauf einer Zweitbrille, aber auch für den Erwerb einer einfachen Lesebrille kann der Online-Handel attraktiv sein. Schon beim Kauf einer Gleitsichtbrille sollte man hingegen vorsichtig sein und lieber die nächste Optikerfiliale ansteuern. Laut Stiftung Warentest profitieren vor allem Menschen mit komplizierten Sehproblemen und unerfahrene Brillenkäufer von der Beratung im Fachgeschäft.

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