Felix Sturm (li. )schlägt zu Foto:  

Kölner Boxprofi will an diesem Samstag in Stuttgart Geschichte schreiben und als erster Deutscher zum vierten Mal Weltmeister werden

Felix Sturm steht in der Pflicht: Er muss den  englischen IBF-Weltmeister Darren Barker besiegen. Dafür hat der 34 Jahre alte Boxer alles getan und in der Vorbereitung auf mehr verzichtet als vor seinen bislang 20 WM-Kämpfen.

Stuttgart - Im Boxen gibt es eine dieser eisernen Regeln. Sie stimmt zwar nur bedingt, dennoch wird sie immer wieder herangezogen. Irgendwie unterscheidet sich der Boxsport in dieser Hinsicht kaum vom Fußball. Da gibt es ebenfalls Regeln, die Woche für Woche ad absurdum geführt werden. Zum Beispiel, dass bei einem Elfmeter der Gefoulte nicht schießen soll. Auch im Boxen kommen diese unvollkommenen Weisheiten vor: „They never come back!“, heißt es unter den Faustkämpfern. Sie kommen nie mehr zurück? Gemeint sind die Boxweltmeister, die einmal ihren Titel verloren haben und dann in der Versenkung verschwinden.

Das Gegenteil hat Floyd Patterson am 20. Juni 1960 erstmals bewiesen. Der entthronte Schwergewichtsweltmeister holte sich in New York gegen Ingemar Johansson seinen Titel zurück. Mehr als 53 Jahre später will es Felix Sturm dem US-Amerikaner nachmachen – allerdings schon zum vierten Mal. Noch kein deutscher Boxprofi hat das geschafft. „Ich will Geschichte schreiben“, kündigt der Kölner vor dem Kampf am Samstag (22.55 Uhr/Sat 1) in Stuttgart gegen den englischen IBF-Weltmeister Darren Barker gewohnt vollmundig an.

Sturm hat Gewicht und Fitness gehalten

Doch im Gegensatz zu Patterson, der 1959 als Weltmeister gegen den Schweden Johansson k. o. ging und dann ein Jahr später zurückschlug, bleibt bei Sturm die Revanche aus. Was nichts mit dem gebürtigen Leverkusener zu tun hat, sondern mit Daniel Geale. Der Australier hatte Sturm zwar 2012 den WBA-Titel abgeluchst, war danach aber von Darren Barker besiegt worden. Und für Sturm, der seine Kämpfe selbst vermarktet, ist der titellose Geale zu unattraktiv.

So geht es nun gegen den amtierenden Champion Darren Barker, der verspricht: „Ich gebe eine 100-prozentige Garantie ab, dass ich meine ersten Titelverteidigung gewinne.“ Fritz Sdunek kann er mit dieser Aussage nicht beeindrucken. Für ihn ist sein Schützling Favorit. „Er hat für den Kampf so gut und intensiv trainiert wie noch nie“, verrät Sturms Trainer, „und dieses Mal war Felix auch sehr diszipliniert und hatte keine Gewichtsprobleme.“ Das bedeutet: Nach dem K.-o.-Sieg gegen den Montenegriner Predrag Radosevic am 6. Juli, mit dem sich Sturm erst die Chance auf den WM-Kampf gesichert hat, ist der Kölner ganz einfach im Wettkampfmodus geblieben. Die sonst üblichen Fast-Food-Attacken hat er galant ausgelassen.

„Früher habe ich es mir nach den Kämpfen immer zehn Wochen gutgehen lassen und bin dann mit 87 bis 90 Kilogramm ins Training eingestiegen“, sagt der Linksausleger, „nun habe ich mein Gewicht von 78 Kilogramm und meine Fitness gehalten.“ Keine fettigen Hamburger, kein sahniges Vanilleeis, keine süße Schokolade – aus Expertensicht eine kluge Entscheidung. Denn nicht nur Trainer Sdunek meint: „Dass Felix immer erst Kilos verlieren musste, hat ihn womöglich Kraft für die Kämpfe gekostet.“ Etwa bei der Niederlage gegen Daniel Geale oder der annullierten Pleite gegen dessen Landsmann Sam Soliman, der danach positiv auf Doping getestet worden ist.

Sturm will es noch mal wissen

Für Sturm hat seine neue, asketische Lebensweise noch mehr Gutes: „Ich bin zwar 34, fühle mich jetzt aber wie 28 und sehe aus wie 25“, sagt er und lächelt selbstbewusst. Keine Frage: Der Ex-Champion sieht sich noch nicht im Spätherbst seiner Karriere. Im Gegenteil, er will es noch mal wissen. 38 seiner 44 Duelle hat der Profiboxer in seiner Karriere gewonnen. Am Samstag soll der 39. Sieg folgen – „nein, er wird folgen“, sagt Sturm und hebt den Zeigefinger. Sturm-Warnung für Kontrahent Darren Barker!

Aus gutem Grund: Für den Herausforderer steht in der mit 8600 Zuschauern ausverkauften Porsche-Arena viel auf dem Spiel. Eine Niederlage wäre ein Riesen-Rückschritt – für das Zugpferd Sturm, für sein Promotion-Unternehmen „Sturmboxing“ und die Kooperation mit dem TV-Sender Sat1. Denn die Chancen, gleich wieder einen attraktiven WM-Kampf zu bekommen, wären sehr gering. Daran ändert auch der mit Barker-Promoter Eddie Hearn vereinbarte Rückkampf für das Frühjahr 2014 in London nichts. Schließlich kommt der nur zustande, wenn Sturm an diesem Samstag gewinnt und – wie einst Floyd Patterson – Boxgeschichte schreibt.

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