Nachdem der Konzern seine Pläne für eine Megamensa mit Kongresshalle gestoppt hat, ist unklar, was mit der tiefen Baugrube im Stadtzentrum geschehen soll.
Garzweiler liegt mitten in Leonberg. In der Tat erinnert die riesige Baugrube in der Innenstadt an den großflächigen Braunkohle-Tagebau zwischen Köln und Aachen, der im Winter durch heftige Proteste traurige Berühmtheit erlangt hat. Nun wird im zentral gelegenen Leonberger Stadtteil Eltingen keine Braunkohle abgebaut. Auch Demonstrationen sind hier eher die Ausnahme, geschweige denn, dass es gewaltsame Auseinandersetzungen gibt.
Campus auf der einen, Kongresshalle auf der anderen Straßenseite
Doch ein Schandfleck, darin sind sich Bewohner wie Kommunalpolitiker einig, ist das tiefe Loch in der Poststraße allemal. Dabei war hier ein neues architektonisch wie wirtschaftlich bedeutendes Viertel geplant. Der Technologie-Konzern Bosch hatte große Pläne: Leonberg sollte der weltweite Hauptsitz für die Entwicklung von Fahrassistenzsystemen werden. Dafür wollte sich das Unternehmen aus den bisherigen räumlichen Zwängen befreien und nahezu ein komplettes Stadtviertel bebauen: hier einen offenen Campus, dort eine Art Kongresshalle mit einer großen Mensa für rund 800 Gäste.
Leonberg bleibt zwar Zentrum für autonomes Fahren, doch die Halle und die Megakantine sind mittlerweile vom Tisch. Nahezu fertig ist dafür der terrassenförmige Campus-Neubau, der in direkter Nachbarschaft zu mehreren Einkaufsmärkten und Industriebetrieben durchaus einen städtebaulichen Glanzpunkt darstellt. Hier sollen im kommenden Jahr rund 1500 Menschen ihren Arbeitsplatz haben. Insgesamt, so sagt das Unternehmen, gibt es 1900 Beschäftigte. Doch der Trend zum Homeoffice mache nicht mehr so viele Plätze nötig. Feste Schreibtische gibt es nicht mehr, sie werden nach dem Desksharing-Prinzip unterschiedlich genutzt.
Auf der nordöstlichen Seite der Poststraße läuft also alles nach Plan. Doch wie es vis-à-vis weitergehen wird, ist völlig offen. Wird die Baugrube zugeschüttet? Oder wird sie offen gelassen, um womöglich später einen Neubau zu realisieren? Diese Fragen konnte oder wollte Bosch nicht konkret beantworten. Sie seien „Teil der laufenden Gespräche“, erklärte ein Sprecher unserer Zeitung.
Von 3000 Beschäftigten in Leonberg ist keine Rede mehr
Auch die Frage, ob Leonberger Mitarbeiter an andere Standorte verteilt werden, sei Gegenstand „der laufenden Gespräche“. Bei einer Anfrage unserer Zeitung vor einigen Wochen hatte das Unternehmen eingeräumt, dass an den vorhandenen großen Bosch-Standorten in der Region unter anderem durch den Trend zur Heimarbeit ausreichend Flächen zur Verfügung stünden.
Bis jetzt arbeiten rund 2000 Menschen bei Bosch in Leonberg. Vor vier Jahren, als die Erweiterungspläne öffentlich gemacht wurden, hatte es noch geheißen, dass sich die Gesamtmitarbeiterzahl in Leonberg auf 3000 erhöhen werde, allerdings zum Teil durch Verlagerung aus anderen Standorten. Davon ist jetzt keine Rede mehr.
Immerhin scheint klar zu sein, dass das Unternehmen den Bereich, in dem jetzt die Baugrube klafft, vorerst nicht verkaufen will. Dies sei, so sagt der Sprecher „nicht Gegenstand der laufenden Gespräche“.
Zwar hat Bosch keine direkte Zeitnot. Doch endlos kann das Unternehmen das Loch dort nicht lassen. „Die Genehmigung für die Baugrube gilt für insgesamt drei Jahre“, erklärt der Leonberger Baubürgermeister Klaus Brenner auf Anfrage unserer Zeitung. „Genehmigt wurde sie Ende des Jahres 2021. Sie unterliegt keinem durch öffentlich-rechtliche Bestimmungen begründeten Zeitablauf.“ Im Klartext: Die Stadt hat keine Handhabe, dem Konzern Druck zu machen.
Baugenehmigung läuft noch zwei Jahre
Druck scheint auch nicht das probate Mittel zu sein. Der Leonberger Oberbürgermeister hat in der Vergangenheit mehrfach betont, wie wichtig die Standorterweiterung für die Stadt sei. Noch im Juni hatte Martin Georg Cohn (SPD) unserer Zeitung gesagt, er habe weiter die Hoffnung, dass das Mensa- und Hallenprojekt doch noch verwirklicht werde. So bestätigt die Stadt denn auch offiziell, Gespräche mit dem Konzern zu führen.
Bis eine Lösung gefunden ist, trägt Bosch die Verantwortung für die Sicherung der gewaltigen Tiefbaustelle. Sie ist mit Holzzäunen und Gittern umgeben. Sollte sich das Unternehmen entscheiden, hier doch noch die Bagger anrollen zulassen, kann es damit aber nicht unbegrenzt warten: „Die Baugenehmigung für den eigentlichen Baukörper, erteilt im September 2022, gilt ab diesem Datum für drei Jahre“, erläutert Baubürgermeister Brenner die rechtliche Ausgangslage. Sie wäre also von jetzt an noch gut zwei Jahre gültig. Für ein Projekt dieser Größenordnung ist das keine allzulange Vorlaufzeit.